Esslingen In verlassener Industriehalle:„Rave“ feiert Premiere

, aktualisiert am 06.05.2026 - 11:29 Uhr
Ekstatische Tanzszenen mit Dimitros Tasidis, der in der Techno-Disco von jugendlichen Tänzerinnen und Tänzern umringt ist. Foto: bra

In einer ehemaligen Esslinger Produktionshalle feierte das Tanz- und Musiktheater „Rave“ Premiere. Eine weitere Aufführung ist geplant.

Passender hätte die Lokalität nicht sein können. Bei der Premiere des Tanz- und Musiktheaters „Rave“ integriert das Podium Esslingen erstmals eine ehemalige Produktionshalle in Oberesslingen als Spielort ins Festival. Eine gute Entscheidung: Bei der Premiere von „Rave“ treffen wilde Techno-Beats, schroffe moderne Töne und verträumte Klavier-Nocturnes auf die Rohheit und den morbiden Charme der längst verlassenen Industriehalle. Einen stärkeren Kontrast, der gleichzeitig auch verbindendes Element war, kann man sich kaum vorstellen.

 

In dieser einzigartigen Atmosphäre lässt die Regisseurin Frieda Lange ein Tanzspektakel entstehen, dass seinen Reiz aus verschiedensten Komponenten bezieht. Ausgangspunkt ihrer Dramaturgie ist ein Text des Ausnahmeautors Rainald Götz, der als Enfant terrible der deutschen Literaturszene gilt. In seinem Bändchen „Rave“ tigert er registrierend und blödelnd durch die Nacht und stellt die Frage: „Was passiert in der Nacht in den engen Clubs, auf den großen Raves der auf Dauerfun programmierten Partypeople im Dunstkreis von Musik, Drogen und Sex?“

Wildes Treiben junger Leute auf der Tanzfläche

Im kahlen Ambiente der Industriehalle mit ihrer Mischung aus Struktur, Atmosphäre und Geschichte entwickelt die Choreographin Tamae Yoneda eine bewegte Geschichte, die ihre Spannung einerseits aus dem wilden Treiben junger Leute auf der Tanzfläche bezieht, andererseits jedoch illustriert, dass der Einzelne in der Masse einsam ist.

Die zentrale Figur des zum Nachdenken anregenden Tanzspektakels verkörpert der in Berlin lebende Tänzer Dimitros Tasidis, der auf seinem Weg durch die interdisziplinäre Tanzkunst gerne Methoden und Techniken des zeitgenössischen Tanzes und der Gegenwartskunst erkundet.

Tasidis‘ Körperbeherrschung ist frappierend: Immer wieder überrascht er mit virtuosen Schrittfolgen und mannigfachen Körperverrenkungen. Er lässt seine Gliedmaßen ekstatisch zucken, sinkt dann wieder erschöpft zu Boden, um sogleich wieder, wie ein Derwisch, über die gespenstisch erleuchtete und nebelgeschwängerte Tanzfläche zu wirbeln.

Umringt ist er in der von wilden Beats zum Beben gebrachten Techno-Disco von jugendlichen Tänzerinnen und Tänzern, die mal die Nähe zu ihm suchen, dann wieder auf Abstand gehen. Und gelegentlich rennen alle wild schreiend auseinander, um sich sogleich wieder auf der imaginären Bühne zu finden: Tanzend auf den Bruchstücken einer unerfüllten Zukunft.

Schroffer Kontrast zwischen Techno und Klaviermusik

Eingebunden in die Musik liest Susan Weilandt Auszüge aus Rainald Goetz‘ „Rave“. Sein sprunghafter und überdrehter Text erzählt anekdotisch von Begegnungen mit Szenefiguren, steigert sich zuweilen in Euphorie und bringt einen Schwall an Soundbeschreibungen wie „Und der große Bumbum sagte: eins eins eins – und eins eins und eins und –“. Banal wird es aber, wenn Goetz über die Funktion und Gedanken eines DJs schwadroniert: überflüssig und in Zeitgeist-Magazinen längst abgearbeitet.

Bleibt die Musik. Hier treffen die unerbittlich und lautstark pochenden Ohrenattacken von Techno-Titeln wie Heiko Laux‘ „Untitled Part 4“ und „Monkey Wah“ von Radical Rob auf eine Auswahl aus den 18 Nocturnes des polnischen Klaviergroßmeisters Frédéric Chopin.

Ein schrofferer Kontrast ist kaum denkbar. Die vielschichtigen, oft schwermütigen Nachtstücke Chopins mit ihrer vom Belcanto der italienischen Oper abgeleiteten Sanglichkeit stehen im diametralen Gegensatz zu den phonstarken wilden Techno-Ritten, die immer wieder das Zwerchfell erschüttern.

Da tut das empfindsame Klavierspiel der Pianistin Nasti, die interdisziplinär an der Schnittstelle von klassischer Musik und freiem Theater arbeitet, richtig gut: Es bringt Ruhe in das hektische, zuweilen überdrehte Geschehen.

Nasti greift virtuos in die Tasten, mal zärtlichen Klangschmelz aus den Tasten zaubernd, dann wieder kräftig zupackend, stets jedoch die Tiefe von Chopins herrlicher Musik mit differenziertem Anschlag bis an die Grenzen auslotend.

Als am Ende „Aquatics“ des amerikanischen DJs K-Hand verklungen ist, entsteht ein Moment gespannter Stille. Dann bricht frenetischer Applaus los, als Dank an die Interpreten, aber auch an die Regisseurin Frieda Lange, die Choreographin Tamae Yoneda und das kreative Team im Hintergrund.

Eine weitere Aufführung von „Rave“ findet am Freitag, 8. Mai, um 21 Uhr in der Industriehalle Oberesslingen statt.

Weitere Höhepunkte im Programm

Secret Music
Vergessene Schätze und geheime Klänge von der Renaissance bis zur Gegenwart lässt das Rothko String Quartett am 7. Mai, um 19.30 Uhr, in der Franziskanerkirche erklingen. Im intimen Klangraum widmen sich Joosten Ellée, Skaiste Diksaityte (Violine), Marc Kopitzki (Viola), Jakob Nierenz (Violoncello) und weitere Podium-Musiker dem Verborgenen, dem Persönlichen und dem Zerbrechlichen. Neben Inti Figgis-Vizuetas „Secret Music“ sind Werke von Brittany Green, Maddalena Casulana und Nastasia Khrustcheva zu hören. Zum Abschluss erklingt „Take my Hand, precious Lord“ von Thomas Dorsey.

Wunschkonzert
Unter dem Motto „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ startet am 8. Mai, um 19 Uhr, in der Evangelischen Stadtkirche St. Dionys ein großes Chorkonzert. Kantor Johannes Zimmermann hat verschiedenste Lieder aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu arrangiert, die er mit der Kantorei und Jugendkantorei der Stadtkirche zu Gehör bringen wird. Podium-Musikerinnen und -musiker ergänzen das Programm mit Instrumentalmusik jener Epoche.

Lichtspielscene
Das Abschlusskonzert des Festivals stellt am 9. Mai, um 20 Uhr, im Esslinger Autohaus Russ Jesinger Arnold Schönbergs Filmmusik „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“ und seine Kammersinfonie Nr. 1 der Uraufführung der „Songs“ von Yuri Umemoto und die ebenfalls erstmals gespielten „Binders full of Women“ von Georgia Koumarás gegenüber. Zudem werden - gespielt vom Ensemble Reflektor in der Leitung von Xizi Wang - Auszüge aus der Musik zur HBO-Serie „Euphoria“ erklingen.

Infos
Das komplette Festivalprogramm ist unter www.podium-esslingen.de abrufbar

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