Esslingen Mehr Jogger als Flaneure in der Altstadt

Von und Philipp Braitinger 

Zumindest die Teilnehmer des Citylaufs haben am Sonntag den hochsommerlichen Temperaturen getrotzt. Am Samstag hingegen herrschte beim Traditionsfest zeitweise gähnende Leere.

Folkloredarbietungen  aus der ehemaligen Heimat prägen das Bürgerfest ebenso wie die alljährlich installierte Kletterwand vor dem Rathaus. Kühler war es oben aber auch nicht. Foto:  
Folkloredarbietungen aus der ehemaligen Heimat prägen das Bürgerfest ebenso wie die alljährlich installierte Kletterwand vor dem Rathaus. Kühler war es oben aber auch nicht. Foto:  

Esslingen - Und wieder einmal hat das Wetter nicht so richtig mitgespielt. Dieses Mal allerdings auf ganz andere Weise: angesichts der teilweise unerträglichen Temperaturen hat das Bürgerfest – vor allem am Samstag – über weite Strecken ohne die Beteiligung der dem Fest den Namen gebenden Bürger stattgefunden.

Verkürzter Citylauf

Hätten die berühmten Marsmännchen am Wochenende von oben herab auf Esslingen geschaut, hätten sie sich wohl sehr gewundert. Denn trotz der für mitteleuropäische Menschen beachtlichen Temperaturen haben sich am Sonntagmorgen deutlich mehr joggende und rennende Menschen in den Altstadtgassen bewegt als man tags zuvor flanierende Gäste dort gesehen hat. Und während am Samstag durchaus viele gequälte Mienen zu sehen waren, sonnten sich die Sportler am Sonntag durchaus in ihrem Schweiß. Immerhin hatten die Organisatoren des traditionsreichen EZ-City-Laufs ein Einsehen mit den knapp 1500 Läufern, die sich zum Hauptlauf an gemeldet hatten. Statt vier mussten sie in diesem Jahr lediglich drei Runden, also rund 7,5 Kilometer bewältigen.

Gegen falschen Ehrgeiz

Das war eine vollkommen richtige Entscheidung. Das fand nicht nur der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger. 14 der bisher 15 Läufe habe er mitgemacht, und noch nie sei es so warm gewesen, berichtete Zieger schon vor dem Lauf. Es seien ja nicht nur die fehlenden 2,5 Kilometer, die den Läufern erspart blieben. Es gebe ja nun auch keine Zeiten aus den Vorjahren, die zu schlagen das Ziel sein müsse.

Familienerfolg für die Beckmanns

Jürgen Zieger (60), ohne Zweifel immer noch ein guter Freizeitläufer, kam nach etwas mehr als 36 Minuten ins Ziel. Mit dem Ausgang des Rennens hatte er indes nichts zu tun. Ohnehin hatten eigentlich schon vor dem Start die Sieger festgestanden. Denn nachdem der deutsche Marathon-Star Martin Beckmann und seine Frau Stefanie für den Citylauf gemeldet hatten, war klar, dass kein Weg an den beiden vorbeiführen würde. Beckmann benötigte für seinen 7,5 Kilometer-Hindernislauf – von der Hälfte der Strecke an musste er sich beim Überrunden durch die Läufermassen schlängeln – 26 Minuten, seine Frau kam dreieinhalb Minuten später ins Ziel.

Wenige Einsätze für die Rettungskräfte

Einen für Citylaufverhältnisse fast normalen Arbeitstag haben die Rettungskräfte erlebt, die sich auf deutlich mehr Einsätze als in den Vorjahren eingestellt hatten. Doch fast alle Läufer haben die Warnungen beherzigt. Zudem hatten die Organisatoren zusätzliche Versorgungsstationen entlang der Strecke aufgebaut. Am Ende hatten die helfer 64 Läufer im Zelt versorgt. Vier Läufer mussten zur weiteren Beobachtung ins Krankenhaus gebracht werden.

Mediterrane Großküche

Noch viel ruhiger ist es am Samstag in der Esslinger Altstadt zugegangen. Von Bürgerfeststimmung war wenig zu spüren. Lediglich in den frühen Morgenstunden und am späteren Abend, als die Hitze langsam nachließ, wagten sich ein paar mehr Menschen in den Glutofen Altstadt. Auch auf dem Hafenmarkt, wo das Hafenmarktfest als Teil des Bürgerfests gefeiert wurde, musste am Nachmittag die Bigband der Musikschule vor nur wenigen Gästen spielen. Und auf dem Marktplatz, der sich alljährlich beim Bürgerfest in eine mediterrane Großküche verwandelt, bildeten die emsigen Köche der internationalen Kulturvereine nicht selten die Mehrheit.

Pizza, Pasta und Italo-Hits

Zumindest akustisch unterbrochen wurde die Ruhe auf dem Bürgerfest am Samstagabend von den zahlreichen Musikgruppen, die mit einem bunten Mix an Stilen für ein breites musikalisches Angebot sorgten. Am Eingang der Stadtkirche unterstrich die Gruppe Pumos mit ihren Italo-Hits das kulinarische Angebot des Italienischen Elternvereins. Passend zu Pizza, Pasta und sizilianischem Rotwein wurden die großen Erfolge von Sängern wie Gianna Nannini und Eros Ramazzotti gespielt. Auf dem Rathausplatz unterhielt die Band Dropzone auf der SWR 3-Bühne mit musikalischem Können und perfekter Bühnentechnik. Der Hafenmarkt lockte am Abend mit den Flippmanns viele Freunde des Deutschrock an. Wenige Meter weiter sorgten auf dem Kesselwasen die Beatles of Baltemore mit ihren gecoverten Oldies für volle Biertischgarnituren. Die Tanzflächen blieben allerdings leer. Das Publikum stöhnte bis in die Nacht unter der anhaltenden tropischen Hitze. Die Nachfrage nach Getränken riss den ganzen Abend nicht ab.

Wenige Kinder auf dem Kinderfest

Einen wahren Nachfrageeinbruch mussten dagegen die Standbetreiber tagsüber auf der Maille verkraften. Sie rechne in diesem Jahr mit rund siebzig Prozent an Einbußen im Vergleich zu den Vorjahren, schätzt Verena Schweizer. Sie betreibt das Kinderkarussell und den Mandelwagen auf dem Kinderfest. Nebenan hechelten die Hunde der Rettungshundestaffel des Arbeiter Samariter Bundes, die sich mit Abkühlung im eigenen Hundepool oder dem Neckar gegen die Hitze schützten. Wetteropfer habe es bisher nur wenige gegeben, sagen die Sanitäter des DRK, Martin Grau und Patrick Becker, am Sonntagmittag. Es sollte eben viel Wasser und etwas weniger Alkohol getrunken werden, raten sie.