Esslingen Von der Musik und vom Menschsein

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Albrecht Imbescheid war einer der wichtigsten Protagonisten der zeitgenössischen Musik in Stuttgart. 32 Jahre lang hat er die Musikschule in Ostfildern geleitet, jetzt ist er in den Ruhestand gegangen.

Albrecht Imbescheid lernte komponieren von   György Ligetti, Karlheinz Stockhausen und  Philip Glass. Foto: Horst Rudel
Albrecht Imbescheid lernte komponieren von György Ligetti, Karlheinz Stockhausen und Philip Glass. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Als Stuttgart zum heimlichen Zentrum für Neue Musik wurde, war der Esslinger Albrecht Imbescheid einer ihrer wichtigsten Vertreter. Er komponierte große Orchesterwerke genauso wie moderne Kammermusik. In der Stuttgarter Szene galt er als der Protagonist für Flötenmusik schlechthin. Nach 32 Jahren Leitung der Ostfilderner Musikschule ist er in den Ruhestand gegangen. Doch in seinem Musikzimmer wartet Arbeit auf ihn: Imbescheid will wieder komponieren.

Welchen Sinn hat zeitgenössische Musik?
Den gleichen wie die nicht-zeitgenössische. Musik ist in meinen Augen eine elementare Kulturtechnik, die aus dem Äußerungsdrang der Menschheit entstanden ist, sich körperlich – Musik hat ja immer etwas mit Bewegung zu tun – und emotional zu äußern. Deswegen ist sie ein zentraler Bestandteil des Menschseins geworden.
Die zeitgenössische Musik ist oft sehr sperrig. Ist sie dann auch noch ein zentraler Bestandteil des Menschseins?
Ernste Musik erschien zunächst immer sperriger als Mainstream, das können Sie zurückverfolgen über die Jahrhunderte. Speziell in Deutschland kam dazu, dass es im Dritten Reich ein Aufführungsverbot für die Komponisten der Moderne gab. Auch durch die Medienlandschaft ist die Schere zwischen Publikum und Komponisten immer weiter auseinandergeklafft, weil die Medien vorwiegend das gesendet haben, was zu Einschaltquoten führte.

 

 

Wie gelang die Akzeptanz der modernen Musik?
Die Zeit tat das Ihre. Schauen Sie sich Stücke an wie Le sacre du printemps von Strawinski. Damals war das der große Skandal, heute zählt es zum Standartrepertoire in den Orchestern.
Was tut ein Komponist, wenn er weiß, dass er Probleme mit der Akzeptanz hat?
Man kann versuchen, das Publikum abzuholen. Oder man geht seinen straffen eigenen Weg, der die intellektuelle Schiene bedient. Ich selbst habe mich nicht gescheut, auch Musik mit pädagogischen Qualitäten zu schreiben. Auch wenn man da in der Szene nicht immer angesehen ist.
Sie sagten zuerst, Musik habe eine körperliche und emotionale Dimension. Jetzt verwenden Sie das Wort intellektuell .
Das eine schließt das andere nicht aus. Mit der Entwicklung der Kulturtechnik sind diese Techniken auch komplexer geworden. Die Komplexität erfordert auch einen gewissen intellektuellen Umgang mit der Materie. Das sehen Sie heute auch in der Popmusik.
Die auch dissonante Elemente hat?
Komplexität entsteht nicht nur in der Dissonanz. Sondern in den Abläufen oder den polyphonen Elementen.
Es gibt Leute, die sagen, Bach hätte schon alle Dissonanzen verwendet.
Das wage ich jetzt nicht zu unterschreiben. Sicherlich war Bach mutig. Aber da können sie noch weiter zurückgehen, Carlo Gesualdo in der Renaissance war genauso mutig, was die harmonische Komplexität betrifft.
Welchen Weg sind Sie als Komponist gegangen?
Ich entstamme aus der Nach-Avantgarde-Generation. Die ganzen großen Leute wie György Ligetti, Karlheinz Stockhausen habe ich noch in den Darmstädter Sommerkursen erlebt. Das waren natürlich Idole damals. Ich habe Partituren studiert und das herausgezogen, was mir interessant schien. Eine sehr große Rolle hat für mich die minimalistische Musik gespielt, wegen ihrer rhythmischen Qualität. Meine Stücke kehren immer zum Rhythmus zurück oder bauen sich kleine Aufhänger, ohne dass sie pulsierend durchgehen würden.
Haben Sie mal davon geträumt, so bekannt zu werden wie Philip Glass?
Geträumt vielleicht schon, aber es war klar, dass es ein Traum bleibt.
Sie haben eine Musikschule geleitet und Sie waren Komponist. Haben sich Ihre Talente gegenseitig blockiert? Hätten Sie sich nicht lieber auf einen Weg konzentrieren sollen?
Solche Anwandlungen gab es immer wieder. Aber ich habe nicht bereut, Musiklehrer gewesen zu sein. Ich konnte in Ostfildern eine Institution aufbauen, die für mich sehr wichtig war und ist.
Was ist das Tolle am Musikunterricht?
Die eigene Leidenschaft weiter zu geben. Was in dem Moment funktioniert, wenn die Schüler die Qualitäten haben. Manche kriegt man ja von A nach B und kann das Feuer entzünden. Wenn man das schafft, ist das eine ganz prima Sache.
Sie haben schon mit 16 unterrichtet?
Ich bin in Crailsheim im Haus eines Musiklehrers aufgewachsen. Aber so jung unterrichten würde ich heute nicht mehr. Da fehlt einem das technische und pädagogische Knowhow. Damals hat man sich so durchgewurstelt und mit Glück hat man ein Talent zutage gefördert.
Was tut ein Musiklehrer, wenn ein Schüler überhaupt keine Lust hat, aber Unterricht nimmt, weil die Eltern es wünschen?
Ein Thema, dem sich jeder Musiklehrer regelmäßig stellen muss. Im Idealfall schafft man es, einen Schüler so weit zu bringen, dass er ein eigenes Interesse daran entwickelt. Wenn das gar nicht geht, muss man daran denken, die Beziehung aufzulösen. Das ist auch in Ordnung.
Nebenher haben Sie die das Esslinger Festival Tonart gegründet?
Das hat eine Vorgeschichte. Ich habe die Szene für zeitgenössische Musik in Stuttgart mit aufgebaut. Ich habe beispielsweise 13 Jahre lang eine Konzertreihe für Neue Musik im Stuttgarter Planetarium gehabt. Da haben wir fast 100 Konzerte gemacht zum Teil mit dem eigenen Ensemble. Das ging bis 1990. Außerdem habe ich die Tage für Neue Musik, heute „Eclat“ in Stuttgart mitgegründet und bis 1990 mitgeleitet.
Wollten Sie nicht mehr?
Das war eine politische Entscheidung. Es war Wunsch von Stadt und Land, mehrere Einrichtungen unter einem Dach zu vereinen und dadurch zu stärken. Die ganze Kulturszene ging allerdings ein paar Jahre später in die Knie. Das heißt, die Subventionen wurden reduziert, die Sponsoren brachen weg, viele Konzertreihen sind eingegangen, vor allem in Nischenbereichen wie der Neuen Musik. Die Aufträge waren nicht mehr da. Das Land hat seine Gelder für Kompositionsaufträge gestrichen, und das Umfeld hat sich sehr stark verändert.
War das ein Wendepunkt in ihrem Leben?
Ich habe mich auf meine Schwerpunkte besonnen und das war die Musikschule in Ostfildern, die gewachsen und gewachsen ist. Ich habe mit dem Komponieren zurückgesteckt, damit ich wenigstens noch ein bisschen spielen konnte.
Warum wuchs die Schule?
Ostfildern ist eine Stadt, die einen großen Anteil an bildungsorientierter Bürgerschaft aufweist. Musikschulen waren in der Zeit im Umbruch und wurden immer mehr professionalisiert. Wir hatten in Ostfildern eine gute Kooperation mit den Schulen, dazu kam, dass Ostfildern als Stadt auch immer größer geworden ist.
Wollten Sie ursprünglich einmal Komponist werden?
Nein, der Weg war nicht ganz klar. Komponist im Hauptberuf habe ich mir nie vorgenommen. Es ist eigentlich auch kein Hauptberuf, es gibt ganz wenige, die das schaffen. Der Weg in die Hochschule wäre eine Option gewesen. Aber mein Problem war immer die Mehrgleisigkeit.
Standen sich der Komponist, der Lehrer und der Musiker Imbescheid im Weg?
Das behindert einen vielleicht, die höchste Professionalitätsstufe zu erreichen. Aber ich konnte und wollte mich nicht entscheiden und bin immer mehrgleisig gefahren.
Kehren wir auf das Gleis des Tonart-Festivals in Esslingen zurück.
Es gab in der Stadt den Wunsch, eine Reihe mit zeitgenössischer Musik zu installieren. Er kam von dem damaligen Leiter der Kirchenmusikschule und mit dem Leiter der Volkshochschule Bernhard Tewes. Daraus entstanden die Esslinger Studio-Konzerte, bei denen die Esslinger Komponisten mitgearbeitet haben: Hans Georg Bertram, Studenten aus der damaligen Kirchenmusikschule, Rolf Hempel, Georg Wötzer und anderen, das war ein illustres Häufchen. Die Studio-Konzertreihe hatte später dann an Profil verloren. Als wir merkten, wir müssen unser eigenes Ding machen, wurde ein Festival daraus.
Wie lange wird es die Tonart noch geben?
Hoffentlich bis ans Ende der Tage.
Was werden Sie jetzt im Ruhestand komponieren?
Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich schreibe nicht für die Schublade. Ich brauche ein konkretes Ziel. Wenn ich etwas schreibe, dann wird es wahrscheinlich Kammermusik werden.
Können Sie ihren Musikstil einordnen?
Nein, ich will mich nicht einordnen lassen.
Haben Sie das Gefühl Ihr Lebensweg ist richtig gelaufen?
Ja.