Esslingen von oben Vom Maschinenpark zum Musensitz

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In einer kleinen Serie zeigen wir Luftbilder von 1955 und von 2015 aus dem Kreis Esslingen. Von der bedeutenden Textil-Firma Merkel und Kienlin ist nicht viel übrig geblieben. Wo die Hallen waren, ist jetzt ein Park.

Der Merkelpark in Esslingen früher und heute. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec
Der Merkelpark in Esslingen früher und heute. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec

Esslingen - Vielleicht taugt die Geschichte der Esslinger Textilfabrik Merkel und Kienlin sogar zum Sinnbild. Um 1900 herum war sie neben der Maschinenfabrik Esslingen die wichtigste Firma am Ort. Und wenn man dem Chef Oskar Merkel gesagt hätte, dass sich einst ein wunderschöner Stadtpark dort erheben werde, wo jetzt seine Maschinen stünden, er hätte ihn wohl für verrückt erklärt.

Esslingen war von einer Riege von Gründervätern dominiert

Damals war die Esslinger Wirtschaft von einer Riege von Gründervätern dominiert, die in hohem Maße fortschrittlich dachten. Oskar Merkel und Ludwig Kessler, der neckarabwärts über die Maschinenfabrik Esslingen regierte, hatten eines schnell begriffen: Geld, das ihre Firmen erwirtschafteten, musste immer wieder in die Firma investiert werden. Und wenn sich neue Geschäftszweige auftaten, dann überließ man die nicht der Konkurrenz. So fortschrittsfähig wie die Maschinenfabrik, die zunächst Dampfmaschinen und Lokomotiven fertigte, bis sie in den fünfziger Jahren sogar Elektro-Lastwagen herstellte, waren auch Merkel und Kienlin. Merkel hatte als Zweiter im ganzen Deutschen Reich seine Spinnerei mit einer Dampfmaschine ausgestattet. Seine Villa Merkel sieht auf den ersten Blick aus wie eine Villa im Stil der Neo-Renaissance. Auf den zweiten Blick jedoch zeigt sich, dass das komplette Gebäude in Beton errichtet ist. Bei einer näherer Untersuchung kam sogar heraus, dass jede Wand in einer anderen Betonbauweise erstellt wurde, sehr wahrscheinlich, um mit den verschiedenen Verfahren zu experimentieren.

Merkel hatte schon Verträge mit den Steinbrüchen auf der Alb geschlossen.Doch da verließ ihn wohl sein unternehmerischer Riecher. Statt in die Zukunftstechnik Beton zu investieren, blieb er bei der Wolle. Freilich war die Esslinger Wolle bis in die 1970-er Jahre hinein ein Gütebegriff für modischen Garn. Doch als die Strukturkrise über die Deutsche Textilindustrie hereinbrach, konnten auch Merkel und Kienlin nicht mithalten und mussten schließen.

Es war ein Vorbote der Globalisierung und zeigte schon vor 40 Jahren, was kommen würde. Einer Globalisierung übrigens, die gerade im Textilsektor immer neue Blüten treibt, wie etwa die Tatsache, dass es immer noch teurer ist, Wolle für einen Pulli zu kaufen und ihn selbst zu stricken als ihn fertig von der Stange zu kaufen. Kommen wir auf das Thema Sinnbild zurück. Vom Maschinenpark hat sich das Gelände zum Musensitz gewandelt.

Die Villa ist eine Galerie

Die Villa ist jetzt eine Galerie, das Bahnwärterhäuschen ein Atelier, und dann gibt es da noch so ein Sinnbild: Inmitten des Parks erhebt sich das Landratsamt des Kreises Esslingen, als wollte es zeigen, wie die Industriegesellschaft den Weg in eine Dienstleistungs- und Verwaltungsgesellschaft gegangen ist. Auch die Tage des Alicenstegs sind gezählt. Ihn hatte Oskar Merkel einst gebaut, damit die Arbeiter von Berkheim leichter in die Fabrik kommen konnten und nach einer seiner Töchter benannt. Mit der Schließung der Fabrik hat der Steg seine Funktion verloren. Er wurde nur noch von wenigen Berkheimern und Mitarbeitern des Landratsamtes genutzt und ist schon jetzt gesperrt. Bald dürfte sein Abriss diskutiert werden.