Esslingen Wechsel von Bosch zur Inklusion – „Ich habe mir die Sinnfrage gestellt"

Tobias Proksch Geschäftsführer WEK Foto: Feicht

Mit 45 Jahren wagte Tobias Proksch den Sprung aus der Konzernwelt in den sozialen Bereich. Jetzt ist er Geschäftsführer der WEK Esslingen. Was ihn zu diesem Schritt bewegte.

Sich mit Mitte 40 beruflich noch mal neu zu erfinden, ist ein großer Schritt. Viele tun diesen nicht freiwillig, sondern nur erzwungenermaßen aufgrund von Stellenstreichungen, wie sie in der derzeitigen Wirtschaftslage häufig geschehen. Nicht so bei Tobias Proksch. Von Bosch aus wagte er den großen Sprung in den sozialen Bereich.

 

Seit September vergangenen Jahres ist er Geschäftsführer der Werkstätten Esslingen-Kirchheim (WEK). Dort arbeitet er zusammen mit Menschen mit Behinderung und versucht gemeinsam mit seinen Kollegen, diese Menschen – wenn möglich – auf den sogenannten ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten. „Ich bin glücklich. Der Sinn meiner Arbeit wird mir direkt vor Augen geführt. Das wäre bei Bosch in 20 kalten Wintern nicht passiert“, sagt er heute.

Erst Osiander, dann Bosch

Ob es einen Moment gegeben hat, an dem er gemerkt hat, dass er hier richtig ist? „Da gibt es nicht den einen Moment. Solche Situationen erlebe ich jeden Tag“, sagt er. Sein beruflicher Werdegang kann sich sehen lassen: Ein Vordiplom in Maschinenbau und Betriebswirtschaftslehre, es folgte der Masterabschluss im Studienfach E-Commerce. Der heute 46-Jährige war während der Coronapandemie bei der Buchhandelskette Osiander der Geschäftsführer für E-Commerce, Marketing und IT – also beispielsweise für den Aufbau des Online-Buchhandels zuständig. „Vor Corona wurden deutlich mehr als 90 Prozent des Absatzes über die Filialen umgesetzt. Das ist plötzlich weggebrochen. Mein Job war es, das zu kompensieren und dafür geeignete Strukturen aufzubauen“, erklärt er.

„Ich war noch da, aber ich habe mir die Frage gestellt: Ist es das, was ich will?“

Tobias Proksch, Geschäftsführer der WEK, über seinen Wechsel in den sozialen Bereich

Im Jahr 2021 wechselte er in die Position eines Product Owners zu Bosch Power Tools mit Sitz in Leinfelden-Echterdingen. „Ich war verantwortlich für die Monetarisierung von digitalen Produkten wie Apps für Profianwender“, sagt Proksch, der mit seiner Familie in Aichwald lebt. Genaueres dürfe er über seine Aufgaben nicht sagen. Doch es sei zu Beginn ein vielversprechendes Projekt gewesen: „Anfangs war bei Bosch viel Geld da. Während Corona hat quasi jeder Werkzeuge gekauft“, erzählt er.

Die nächste Krise trifft Bosch

Doch die Strukturen innerhalb des riesigen Unternehmens seien komplex und damit ein schnelles Wachstum seines Bereichs sei nicht möglich gewesen – zu viele Instanzen durften mitentscheiden. Nach Corona folgte die nächste Krise, die auch Bosch betroffen hat: Der Ukrainekrieg. Es wurde an Geschäftsmodellen, die wenig Gewinne einfuhren, gespart. Für Tobias Proksch habe das bedeutet: Sein Team wurde verkleinert und einer anderen Abteilung angegliedert. Er sei jedoch von Stellenstreichungen oder -verschiebungen nicht betroffen gewesen: „Ich war noch da, aber ich habe mir die Frage gestellt: Ist es das, was ich will?“

Heute arbeitet Tobias Proksch bei der WEK Esslingen mit Sitz in der Röntgenstraße. Foto: Roberto Bulgrin

Er habe sich gefühlt wie eine Personalnummer, hinter der gute oder schlechte Zahlen stehen würden, die ihn als Mitarbeiter definieren. Ein Wechsel zu anderen Großunternehmen wie Daimler sei nicht infrage gekommen. „Ich war es leid, mein Know-how für die Zukunftsträchtigkeit von Großunternehmen einzusetzen“, erinnert sich Proksch. „Ich habe mir die Sinnfrage gestellt: Will ich mich weiter so abquälen für ein paar Prozentpunkte mehr oder will ich was Sinnhaftes machen?“

Ein ungewöhnliches Bewerbungsgespräch

Letztlich habe er für sich festgemacht, was im Zentrum seines Handelns und Wirkens stehen sollte: der Mensch. Durch Zufall sei er auf die Stellenausschreibung des Geschäftsführers der WEK gestoßen: „Sie war so unkompliziert ausgeschrieben mit einer Telefonnummer unten, dass ich einfach mal anrufen und nachfragen wollte.“ Das Gespräch lief anders als erwartet. Die Personalerin habe ihm zwei Minuten eingeräumt, um sie zu überzeugen. „Ich habe nochmal gesagt: ‚Ich will mich nicht bewerben. Ich will nur wissen, ob Sie einen Quereinsteiger wie mich in Betracht ziehen‘. Sie sagte darauf: ‚Machen sie es trotzdem‘.“ Er erläuterte seine Motivationsgründe und seinen Werdegang – mit Erfolg. Nach einer schriftlichen Bewerbung und einer weiteren Gesprächsrunde mit dem Verwaltungsrat und dem Vorstand habe er die Zusage bekommen. Sein Wissen über aktuelle Unternehmenskultur und seinen modernen Führungsstil wolle er jetzt einsetzen, um Menschen mit Behinderung zu helfen.

Auf das berühmte Bosch-Gehalt kommt es nicht an

Seine Frau und seine drei Kinder – das jüngste ist 9, das älteste 15 Jahre alt – würden voll hinter seiner Entscheidung stehen: Dass er jetzt nicht mehr das berühmte Bosch-Gehalt verdient, würde keine Rolle spielen. Immer noch mehr Geld haben zu wollen oder einen bestimmten Status darstellen zu wollen, sei noch nie das Ziel seiner Familie gewesen. Jährlich geht es mit dem Auto in den Skandinavienurlaub, ab und zu auch in den Süden. Außerdem arbeitet er natürlich nicht ehrenamtlich bei den WEK, sagt Proksch: „Finanzielle Einbußen wiegen nicht auf, was ich an positiven Gefühlen und an Sinnhaftigkeit hier habe. Das kann mir kein Mensch bezahlen.“

Als sein Sohn mal krank geworden war, habe er ihn schon mit zur Arbeit mitgenommen. „Bei Bosch undenkbar“, sagt der WEK-Chef. Dort müsse man seine Kinder an der betriebseigenen Tagesstätte abgeben. Seine Tochter arbeite als Aushilfe im Café Morlock in Plochingen, ein inklusives Café mit Konditorei der WEK. „Meine Kinder wissen jetzt, was ich mache. Papa kümmert sich jetzt darum, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf ihren rechtlichen Anspruch auf Arbeit und Teilhabe an der Gesellschaft geltend machen können.“ Das würden sie zwar nicht wörtlich so sagen, aber sie würden verstehen, was er macht. Nicht mehr länger „irgendwas mit IT.“

Was machen die WEK?

Grundidee
Ziel der Werkstätten Esslingen/Kirchheim (WEK) und der beiden Tochtergesellschaften Arbeg-Care und Arbeg-Inklusion ist es, Arbeits- oder Betreuungsplätze für Menschen mit Behinderung oder Menschen mit psychischen Erkrankungen zu schaffen. Diese sollen möglichst wohnortnah im Landkreis Esslingen liegen. Durch die jeweilige Tätigkeit wird der WEK zufolge ein Heranführen an den sogenannten ersten Arbeitsmarkt erleichtert, auch wenn ein Übergang natürlich nicht in allen Fällen erfolge.

Standorte
Die WEK haben Werkstatt-Standorte in Esslingen-Zell, Wernau, Kirchheim, Nellingen und Nürtingen. dazu kommen Außenarbeitsgruppen bei Metabo und Kunststoff Reinert. Zudem gibt es noch inklusive Cafés in Plochingen, Esslingen und Kirchheim, ein Lebensmittelgeschäft in Plochingen sowie die Maultaschenhaltestellen in Wernau und Nürtingen.

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