Esslingens „Erlesene Orte“ Polacek lässt literarische Blütenträume sprießen

Zwischen unzähligen Blumen und vielen liebevoll drapierten Finessen taucht Gerhard Polacek mit seinem Publikum ins Abenteuer Literatur ein. Foto: Markus Brändli

Die „Erlesenen Orte“ machen Literatur zum Erlebnis. Diesmal gastierte die gemeinsame Reihe der Esslinger Stadtbücherei und unserer Zeitung in einem Blütenparadies.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Es gibt literarische Texte, die lassen die schönsten Blütenträume sprießen. Und es gibt Orte, die können die Fantasie auf wundervolle Weise beflügeln. Anja Schicks „Blütezeit“ in der Gärtnerei Zeh in Berkheim ist solch ein Ort. Wer sich dort umschaut, kann nicht nur in floralen Freuden schwelgen, sondern auch so manchen Schatz entdecken. Denn die Hausherrin liebt es, ihre Besucher mit unzähligen kleinen Finessen zu überraschen. Nicht von ungefähr zitiert sie gern die kesse Pippi Langstrumpf, der Astrid Lindgren einst eine wichtige Lebensweisheit in den Mund legte: „Wenn man nicht an Wunder glaubt, passieren sie auch nicht.“

 

Der Schauspieler Gerhard Polacek hat seinem Publikum schon so manche wunderbare Begegnung mit der Literatur beschert. Gelegenheit dazu bieten ihm die Esslinger Stadtbücherei und unsere Zeitung mit ihrer Reihe „Erlesene Orte“, deren jüngste Veranstaltung nun in Anja Schicks „Blütezeit“ gastierte.

 

Die weitläufigen Räume laden ein zum Schauen und Entdecken. Drei Stationen hatte Polacek ausgewählt – jede hatte ihren eigenen Charakter, und an jeder Station schlüpfte Gerhard Polacek in ein neues Kostüm und damit auch in eine neue Rolle. Unterwegs konnten die Gäste auf Schritt und Tritt unzählige Finessen entdecken.

Esslinger Ort voller Überraschungen

Anja Schick stellte den Gästen ihre „Blütezeit“ vor. Foto: Markus Brändli

Hier ein ehemaliges Boxauto, das früher in einem Esslinger Modehaus die Attraktion für junge Kunden war, dort ein nachgebauter Traktor, ein Stück weiter lugte Pippi Langstrumpf aus einem Regal, ein Klavier verführte dazu, ein paar Töne mehr oder minder versiert zu klimpern, und vor allem konnte sich das Publikum an all den vielen floralen Finessen nicht sattsehen. Das passt zu Anja Schicks Philosophie, die ihre „Blütezeit“ nicht nur als Ort des schnellen Einkaufs gestaltet hat, sondern ganz bewusst dazu einlädt, zu verweilen, das Ambiente auf sich wirken zu lassen und sich inspirieren zu lassen.

Ein ganz besonderer „Erlesener Ort“ hat auch ein besonderes Literaturprogramm verdient. Gerhard Polacek liebt es, sein Publikum mit Texten zu überraschen, die nicht jeder automatisch auf dem Schirm hat. Diesmal hatte er sich für humorige Texte von Autoren entschieden, die nicht unbedingt für knitzen Witz bekannt sind. Doch wer wie Polacek einen reichen Fundus besitzt und nur lange genug stöbert, findet selbst bei einem so tiefsinnigen Literaten wie Hermann Hesse höchst Unterhaltsames wie seinen „Abstecher in den Schwimmsport“. Da träumt ein Autor (lange vergeblich) vom großen literarischen Erfolg, und als der sich endlich einzustellen scheint, nimmt die Geschichte eine unverhoffte Wendung. Kurt Tucholsky hatte Hesse einst einen „Humor wie eine Kuh“ bescheinigt. Dass der große Satiriker seinem nicht minder erfolgreichen Kollegen später Abbitte leisten musste, mag nicht zuletzt an diesem Text gelegen haben.

Esslinger Publikum erlebt einen anderen Kafka

Im „Blumen-Kino“ fühlt sich Gerhard Polacek pudelwohl. Foto: Markus Brändli

Oder wie wär’s mit Heinrich Böll? Auch der ist ansonsten eher im ernsthaften Genre zuhause. Umso überraschender ist seine Kurzgeschichte „Der Lacher“, in der ein ansonsten todernster Zeitgenosse als Berufs-Lacher Karriere macht und sich zum Beispiel vom Varieté engagieren lässt, um weniger amüsante Momente durch perfekt gespieltes schallendes Gelächter zu übertönen.

Auch ein Kafka gilt vielen als eher schwere literarische Kost. Dass er das Rätselhafte in der Welt durchaus auch mal mit einem Augenzwinkern thematisieren konnte, zeigt er in seiner kurzen Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“, wo ein sonderbares Wesen oder Ding namens Odradek seinen Hausgenossen Rätsel aufgibt und niemals zu fassen ist. Viele haben versucht, Odradek zu interpretieren. Aber vielleicht ist es gerade das kaum Greifbare, was diesen Text so reizvoll macht.

Anfangs hat Gerhard Polacek sein Repertoire der „Erlesenen Orte“ aus Werken anderer Autoren zusammengestellt – neuerdings schreibt er für jede Veranstaltung auch einen eigenen Text. In seiner jüngsten literarischen Miniatur „Alt ist beautiful“ schlägt er einen Bogen von eigenen Naturerfahrungen bis in die Gegenwart, in der er immer wieder mit dem natürlichen Lauf der Dinge konfrontiert wird. Für manche seiner Zuhörer war genau dieser Text einer der berührendsten Momente dieses Abends, der schließlich in einem „Blumen-Kino“ endete – stilecht gab’s dazu am Eingang für jeden eine Tüte Popcorn.

Draußen im Freien, wo Anja Schicks eigene Blumen gedeihen, fühlt sich die Floristin manchmal wie im Filmtheater: Ein buntes Spiel der Farben, Blüten wiegen sich im Wind, Schmetterlinge und Bienen lassen sich vom Duft verführen – und plötzlich tauchte Polacek zwischen all der Blütenpracht auf und setzte mit Wolfgang Borcherts „Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels“ einen Schlusspunkt, der viele bedauern ließ, dass die „Erlesenen Orte“ für dieses Jahr schon wieder vorüber sind.

„Erlesene Orte“ im Kurzporträt

Die Reihe
 Seit 14 Jahren machen die „Erlesenen Orte“ Literatur zum Erlebnis. Jedes Jahr zur Sommerzeit wählen die Stadtbücherei und unsere Zeitung gemeinsam mit dem Schauspieler Gerhard Polacek drei ungewöhnliche, überraschende, unbekannte oder geheimnisvolle Orte in Esslingen aus, die einen Abend lang zur Kulisse einer außergewöhnlichen Lesung werden. Jede Veranstaltung bleibt ein einmaliges Ereignis, und weil die Zuhörerzahl eng begrenzt ist, sind die Tickets meist binnen weniger Minuten vergriffen.

Der Ort
 Diesmal wurde Anja Schicks „Blütezeit“ in Esslingen-Berkheim (Grund 4) zum „Erlesenen Ort“. Die Gastgeberin ist Floristin aus Passion und liebt es, in der ehemaligen Gärtnerei Zeh in den Feldern zwischen Berkheim und Denkendorf ihre Kundschaft mit immer neuen Ideen und Finessen zu überraschen. „Es tut gut, wenn man sich in seinem Leben viel Raum für das Schöne und Kreative bewahrt“, weiß Anja Schick. Deshalb freut sie sich auch über jeden, der ihre „Blütezeit“ auf sich wirken lässt und einfach nur das ansprechende Ambiente genießt.

Weitere Themen