Delegation aus Esslingens Partnerstadt Kamianets-Podilskyi in der Ukraine: Katrin Radtke von der Stadt Esslingen sowie Vadym Mendohralo , Myroslav Smotrov, Alla Kharkova und Iryna Mykhailova aus der Ukraine (von links). Foto: Roberto Bulgrin
Täglich werden Kriegsopfer beerdigt. Einwohner trauern um gefallene Angehörige. Menschen lernen, Minen zu entschärfen. Der Alltag in Esslingens ukrainischer Partnerstadt, Kamianets-Podilskyi, ist voller Blutvergießen und Bedrohung.
Simone Weiß
15.01.2025 - 12:00 Uhr
Er hat sie gesehen, die hässliche Fratze des Krieges. Hautnah. Myroslav Smotrov hat anderthalb Jahre als Chirurg an der Front gearbeitet. Nun ist er stellvertretender Bürgermeister für Gesundheit und sozialen Schutz der Bevölkerung in Kamianets-Podilskyi, Esslingens ukrainischer Partnerstadt. Zusammen mit einer dreiköpfigen Delegation ist er für drei Tage zu einem Besuch an den Neckar gekommen.
Es waren verheerende Zustände. Bis zu 80 Verwundete am Tag mussten versorgt, behandelt, operiert werden. Oft, so berichtet Smotrov, geschah das unter freiem Himmel mit spartanischen Mitteln. Viele Leben hätten gerettet werden können – dieser Gedanke habe ihm Halt gegeben. Ebenso das Rauchen und das 28-köpfige Sanitätsteam, in dem jeder für vieles zuständig gewesen sei. Er habe als Arzt nicht nur operiert, sondern auch andere Tätigkeiten wie das Reinigen von Wunden übernommen.
Die Hälfte seiner Patienten seien russische Soldaten gewesen, die er mit der gleichen Professionalität versorgt habe wie ukrainische Verwundete. Hass kenne er als Mediziner nicht – und dürfe ihn auch nicht kennen. Obwohl vier seiner Kollegen aus dem Team während des Einsatzes an den Kampflinien getötet wurden.
Esslingens ukrainische Partnerstadt Kamianets-Podilskyi . Foto: Stadt Kamianets-Podilskyi
Nun arbeitet er in Kamianets-Podilskyi. Dort nahe der Grenze zum Nato-Gebiet, so berichten seine Mitreisenden bei ihrem Besuch in Esslingen über eine Dolmetscherin, ist es etwas sicherer als in anderen Landesteilen. Doch der Krieg ist präsent. Etwa 20 000 Geflüchtete aus der ganzen Ukraine leben in der 100 000-Einwohner-Stadt, ungefähr 6000 Einheimische kämpfen als Soldaten, noch einmal so viele Bewohner sind mit der Kriegslogistik beschäftigt. Auch in einer Einrichtung, die landesweit einmalig ist. In einem Seminar werden Menschen ab 25 Jahren darauf vorbereitet, Minen zu entschärfen. Auch Soldaten würden für diesen Einsatz geschult.
Täglich, berichtet der andere stellvertretende Bürgermeister Vadym Mendohralo, müssen er und seine Rathausmitarbeiter zu Beerdigungen von im Krieg gefallenen Einwohnern gehen. Eine Gewöhnung an die Schrecken könne es nicht geben, nur eine Art Anpassung. Trotz des Krieges, der so viele Kräfte binde, sei der Verwaltung die Städtepartnerschaft mit Esslingen wichtig. Die Verbindung zu der Neckarstadt würde den Bewohnern von Kamianets-Podilskyi zeigen, dass sie nicht alleine seien und Unterstützung bekommen würden. Sie versuche täglich, Kontakt zumindest per Mail zu halten, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen, sagt Katrin Radtke, die für die Esslinger Städtepartnerschaften zuständig ist.
Trost ist wichtig. Ihre 20-jährige Tochter, so berichtet Iryna Mykhailova, Leiterin der Abteilung Investitionspolitik, Projekte und internationale Zusammenarbeit, sei völlig unbedarft an ihr Handy gegangen: Der Anrufer teilte mit, dass ihr Vater an der Front gefallen sei. Die Tochter habe die Nachricht völlig aufgelöst an sie weitergegeben. Viele Einwohner von Kamianets-Podilskyi hätten ähnliche Erfahrungen gemacht. 250 Menschen aus der Stadt sind in Kämpfen gestorben. Vor diesem Hintergrund stünden viele seiner Landsleute Gebietsabtretungen für einen Frieden mit Russland skeptisch gegenüber, meint Vadym Mendohralo. Den Amtsantritt von Donald Trump sehe man mit gemischten Gefühlen. Zuerst habe der alte, neue US-Präsident den Krieg in 24 Stunden beenden wollen, nun spreche er von einem halben Jahr. Man müsse abwarten, was die Zukunft bringe. Es seien aber auch Hoffnungen auf ein Kriegsende mit dem Antritt von Donald Trump verbunden.