Esslinger Autorin Regina Rechsteiner Warum Schreiben Freiheit ist

Durch die Auszeichnung mit dem renommierten Literaturpreis „Irseer Pegasus“ fühlt sich die Esslinger Autorin Regina Rechsteiner darin bestätigt, sich weiter dem literarischen Schreiben zu widmen. Foto: privat/oh

Die Esslinger Autorin Regina Rechsteiner wurde für ihre feinsinnige Kurzgeschichte „Das Porträt“ mit dem Jurypreis des renommierten „Irseer Pegasus“ ausgezeichnet. Die 35-Jährige sucht nun für ihren ersten Roman einen Verlag.

Esslingen - Die Erzählung ist eine zu Herzen gehende Reminiszenz an ihren Großvater, eine Erinnerung an die Besuche im großelterlichen Bauernhaus mit bunten Bodenfliesen in der Küche: „brokkolisuppengrün, eisbonbonblau, eigelbgelb im Quadrat“. Und zugleich ist der sprachlich und formal exzellent gestaltete Text eine Auseinandersetzung damit, wie stark die Kindheit das eigene Leben prägt. „Seit ich fortgegangen bin, suche ich jeden Abend den Weg zurück“, heißt es in der Kurzgeschichte „Das Porträt“, für das die Esslinger Autorin Regina Rechsteiner jüngst den Jurypreis des „Irseer Pegasus“ erhielt.

 

Die Auszeichnung als Wegzeichen

Als eine von zwölf Finalisten aus einem 227-köpfigen Bewerberfeld war die 35-Jährige im Januar zum dreitägigen Literatur-Workshop ins Allgäu eingeladen. Während der Preis der Autoren an den Lyriker Andreas Andrej Peters ging, erhielt Regina Rechsteiner den Preis der Jury, den sie als Wegzeichen versteht: „Einen Roman schreiben, der als Buch im Regal steht – diesen Traum trage ich schon lange in mir. Der Preis zeigt mir, dass ich mich nicht verirrt habe, sondern dass ich auf diesem Weg richtig bin.“

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Obwohl Regina Rechsteiner aus einem Arbeiterhaushalt stammt, hat sie von früher Kindheit an mit ihrer Mutter riesige Stapel Bücher aus der Stadtteilbibliothek nach Hause geschleppt, und sie hat schon als Kind eigene Geschichten geschrieben. Am Selber-Schreiben reizt sie bis heute nicht nur die ästhetische Gestaltungsaufgabe: „Es geht immer auch um die Frage der Identität: Wer bin ich? Schreiben ist für mich auch Selbstgespräch, eine Möglichkeit, über Sprache mit mir in Kontakt zu kommen. Indem ich schreibe, lerne ich, was ich fühle und denke.“

Redenschreiberin für Landtagspräsidentin Muhterem Aras

Das Leben als Frau, die Auseinandersetzung mit dem Körper und weibliches Empfinden sind ebenso ihre Themen wie das existenziell Menschliche: „Jeder Künstler, jede Künstlerin schöpft aus diesem unfassbaren inneren Kosmos, den jeder in sich trägt, aus Bildern, Beobachtungen, Erlebtem, Empfindungen, Erinnerungen, Symbolen, Motiven.“ In ihrer preisgekrönten Erzählung lässt Rechsteiner die Ich-Erzählerin sagen: „Im Grunde ist das Malen nur ein schlechteres Erinnern.“ Das sei auch mit dem Schreiben so. „Das künstlerische Schaffen ist nie eins zu eins die Realität. Es ist immer eine Interpretation. Man hebt etwas hervor, man lässt etwas anderes weg. Und vieles steht noch nicht einmal im bewussten Zugriff. Auf der anderen Seite kann man sich Erinnerungen durch einen künstlerischen Prozess auch wieder emotional erschließen. Aber dann färbt sich das gegenwärtige Ich mit hinein und schafft etwas Neues.“

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Regina Rechsteiner hat Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft und Soziologie studiert, bei einer Sozialforschungsagentur gearbeitet und sich dann auf eine Stelle beim baden-württembergischen Landtag beworben: Seither schreibt sie Reden für Landtagspräsidentin Muhterem Aras. Daran reizt sie vor allem die Vielfalt der Themen, die sie dafür bearbeitet: Frauenrechte, Feminismus, Parlamentarismus, Europa, die Stärkung der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. „Beim Redenschreiben habe ich gelernt, auch unter Zeitdruck zu schreiben“, erklärt sie. Parallel zum beruflichen Schreiben hat sie jedoch immer auch literarisch geschrieben, sie hat Schreib- und Rhetorikkurse besucht und ein Fernstudium zum Thema Prosaschreiben absolviert. Ihren ersten Roman hat sie trotzdem in die Schublade verbannt: „Er ist sehr innerlich und sehr schön, aber handwerklich noch nicht so, dass er auf dem Literaturmarkt bestehen könnte.“

Anfang und Ende stehen früh fest

Die Arbeit am Konzept eines Romans nimmt bei ihr mehrere Monate in Anspruch: „Aber dieser Entwurf ist keine Landkarte, auf der man eine Reise von A nach B und dann nach C plant und dabei jedes Hotelzimmer bereits vorher bucht. Bei mir sind Anfang und Ende klar, und dann ist da sehr viel Freiheit. Je mehr ich loslassen und assoziativ schreiben kann, je mehr ich eigentlich gar nichts Bestimmtes will, desto besser werden die Fragmente.“ Allerdings müsse sie viel überarbeiten, damit der aus einzelnen Passagen montierte Text in sich stimmig wird und eine schlüssige Struktur erhält: „Ich vergleiche das mit einem Bergwerk: Ich hole Edelsteine hervor, die zwar schon glänzen, anfangs aber noch vollkommen roh sind. Dann muss ich feilen und schleifen. Und damit dann eine Kette daraus wird, muss man die Steine auch noch zusammenfügen.“

Zweiter Roman über Weiblichkeit und Sexualität

Ihr zweites Romanprojekt „Was du weißt“ über Weiblichkeit, Körperlichkeit und Sexualität hat Regina Rechsteiner, gefördert durch den Förderverein Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, nun fertig. „Wenn ich diesen Roman auch nicht veröffentlichen kann, schreibe ich weiter. Dann wird eben mein dritter Roman oder mein vierter mein Debütroman“, ist sie entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Sich schreibend ein Bild von der Welt machen

Die Auszeichnung
Der „Irseer Pegasus“ ist ein Autorentreffen, das seit 1999 von der Schwabenakademie und dem Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Bayern veranstaltet wird. Diesmal erhielt die Jury mit Markus Orths, Thomas Kraft und Sylvia Heudecker 227 Bewerbungen aus acht Ländern. Die Einladung zum „Irseer Pegasus“ gilt als Auszeichnung und Förderung von Schreibenden, die bereits Erfahrung mit der Veröffentlichung eigener literarischer Texte haben. Jedes Jahr werden zwei Literaturpreise verliehen.

Die Erzählung
Für ihre Kurzgeschichte „Das Porträt“ erhielt Regina Rechsteiner kürzlich den Jurypreis des „Irseer Pegasus“. Darin versucht das schreibende Ich, sich ein Bild vom lange verstorbenen Großvater zu machen, bei dem es als Kind viel Zeit verbrachte. Der einzige Weg zurück zum mittlerweile abgerissenen Bauernhof der Großeltern in Oberschwaben ist ein schöpferischer: zeichnend, malend, schreibend.

Das Romanprojekt
Regina Rechsteiner erzählt in ihrem Roman „Was du weißt“ die Geschichte der 32-jährigen Biologin Karla, die sich nach einer gescheiterten Beziehung auf die Suche nach ihrer Weiblichkeit macht. „Was weiß mein Körper?“, fragt sie sich und erhofft sich einen Zugang zu sich selbst. Die Naturwissenschaftlerin verlässt sich nicht länger auf Daten, sondern protokolliert fortan für einen intensiven Blick nach innen ihren eigenen Körper.

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