Esslinger Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht Gebaut, gelebt, gejubelt und gelitten

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23 Jahre lang hat Wilfried Wallbrecht als Baubürgermeister das Esslinger Stadtbild mit geprägt und weiterentwickelt. Mit Höhen, aber auch mit Tiefen. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Esslingen - In den vergangenen Tagen hat er von allen möglichen Seiten viel Sympathiebekundungen und Anerkennung erfahren, erzählt Wilfried Wallbrecht. Besonders seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Technischen Rathaus haben ihm den Rücken gestärkt. Angefangen von der Putzfrau, die ihm eine Flasche Sekt auf den Schreibtisch gestellt hat, bis hin zu seinen Amtsleitern, die in einem speziell für ihren Chef umdesignten Stadtplan alle Roten Punkte der vergangenen Jahrzehnte eingezeichnet haben.

 

Balsam auf so manche Wunde, die der 71-jährige Baubürgermeister und Erster Bürgermeister der Stadt Esslingen vor allem in den vergangenen zwei, drei Jahren einstecken musste. „Es hat in der letzten Zeit etwas geholpert“, räumt er ein. Da hatte sich das Volk an der Baustellen- und Informationspolitik des Technischen Rathauses ordentlich gerieben. Da sind ein paar Dinge unglücklich und ungut gelaufen, für die Wallbrecht vielleicht nicht immer etwas konnte, die er aber zu verantworten hatte. Etwa das Sommertheater 2020, als er auf der frisch sanierten Pliensaubrücke wieder Bauzäune aufstellen lassen musste, weil die Brüstung für Radler zu niedrig war. Keine Sternstunde war auch sein Umgang mit der PCB-Belastung an Esslinger Schulen, die er lange nicht wahrhaben wollte. Und die er erst dann öffentlich machte, als es sich nicht mehr unter der Decke halten ließ. Zudem haben die vergangenen Kommunalwahlen die Grünen und damit die Forderungen nach einer Mobilitätswende gestärkt – doch dafür und für eine bessere Kommunikation nach außen habe ihm jahrelang das Personal gefehlt, sagt er heute.

15 000 Baugenehmigungen erteilt

Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Architekt und Stadtplaner, der sich als junger Bürgermeister-Kandidat der Freien Wähler im Dezember 1997 gegen den damaligen Amtsinhaber Hans-Joachim Bonacker durchgesetzt hatte und gemeinsam mit OB Jürgen Zieger am 1. März 1998 seinen Dienst in Esslingen antrat, das Esslinger Stadtbild über 23 Jahre und vier Monate lang entscheidend mitgeprägt, mitgestaltet und weiterentwickelt hat. Rund 15 000 Baugenehmigung sind über seinen Schreibtisch gegangen. Er war verantwortlich für die Stadt- und Verkehrsplanung, für Bau und Unterhalt der 350 städtischen Gebäude, für Straßen, Brücken und Abwasser, für Grünflächen, Spielplätze und den Wald, war Chef von rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zwischen 15 und 25 Millionen Euro pro Jahr wurden in Bauvorhaben investiert, mit rund zehn Millionen Euro jährlich musste er den Unterhalt von Gebäuden und Infrastruktur bestreiten.

Als der vormalige Technische Beigeordnete aus Kornwestheim nach Esslingen kam, stand noch die alte Stadthalle an der Grabbrunnenstraße – wo heute Neckar Forum samt Hotel moderne Tagungsstätten bieten – auch wenn das Hotel gerade Pandemie-bedingt zum Sorgenkind geworden ist. Der Verkehr rollte noch vor dem Bahnhofsgebäude vorbei – vom neuen ZOB und der Südtangente war noch nichts zu sehen. In seiner Amtszeit wurde aus dem Alten Schelztorgymnasium das preisgekrönte Landesdenkmalamt, die beiden Kasernenareale im Norden wurden zu attraktiven Wohnvierteln weiterentwickelt, die beiden Sporthallen auf dem Berg gebaut. Die Feuerwache zog in einen Neubau beim Landratsamt, das Hengstenberg-Areal hat ein völlig neues Gesicht bekommen.

Reibung und Gegenwind

Oft gab es ordentlich Reibungsfläche, bis die Objekte tatsächlich unter Dach und Fach waren. Etwa beim Bau der Moschee in der Rennstraße. Ober bei der Ansiedlung des Möbelhauses Rieger in Sirnau. Massiver Gegenwind wehte Wallbrecht auch beim neuen Flächennutzungsplan ins Gesicht. Denn er hatte den Mut, ihn nicht nur in Teilbereichen fortzuschreiben – was ihm dann eben den Widerstand aus der ganzen Stadt eingebracht hat. Der Geiselbachkanal ist saniert, die Vogelsangbrücke ertüchtigt, für die Neue Weststadt und ihr bundesweit aufsehenerregendes Klimaprojekt haben er und sein OB in diesen Tagen noch die ersten Meriten einfahren können.

Und damit ist nur ein Bruchteil dessen wiedergegeben, was in den vergangenen 23 Jahren über seinen Schreibtisch ging. „Als Stadtplaner muss man immer langfristige Perspektiven haben. Man muss sehen, wo Zeitfenster für gewisse Projekte auf- und auch wieder zugehen. Und das Gefühl und die Erfahrung dafür haben, sie entsprechend zu nutzen“, sagt er. Dabei sei ihm zugute gekommen, dass er mit Zieger nicht nur einen Mann vom Fach, sondern auch eine „dynamische Verwaltungsspitze“ mit Visionen, Machtfülle und den notwendigen Verbindungen an der Seite hatte. Nicht jeder Baugenehmigung konnte Wallbrecht grünes Licht geben. „Und genauso wie es 80 Millionen Bundestrainer gibt, hat Esslingen 95 000 Verkehrsexperten.“ Die aus ihrer Meinung über die Baustellenpolitik in ihrer Stadt keinen Hehl machten. Dass der Umgangston auch in den Leserbriefspalten schärfer geworden ist und Egoismen immer offensiver zu Tage treten – auch das hat er zur Kenntnis nehmen müssen.

Abschied mit Demut und Dankbarkeit

Viele hatten sich gewundert, als er 2017 erklärt hatte, die veränderte Gesetzgebung nutzen zu wollen und mit 67 Jahren für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Manche waren auch nicht glücklich darüber. Die Wahl 2018 ging nicht ohne Gegenstimmen ab. Er komme aus einfachen Verhältnissen, aus einem kleinen Dorf in Südniedersaschen, erklärt er. Dort habe man ihm vorgelebt, dass Arbeiten samt Gesundheit eine Gnade sei. Aber zuletzt habe er den Spaß daran verloren und die Last gespürt. Im Dezember 2020 kündigte er dann seinen vorzeitigen Abschied auf Ende Juni 2021 an. „Vieles ist gut gelaufen. Aber das steht dann halt nicht in den Schlagzeilen.“ Dennoch: Er geht „versöhnt, zufrieden und zuversichtlich“. Mit einem Gefühl großer Demut und Dankbarkeit. „Ich bin in meinem Leben so weit gekommen, wie ich es mir nie habe vorstellen können.“ Was er ab dem 1. Juli vorhat, will er noch nicht verraten. Er spricht nur über das, was er auf keinen Fall tun will: „Ich werde weder studieren noch auswandern“, spielt er auf seine ehemaligen Dezernenten-Kollegen Bertram Schiebel und Markus Raab an. Und sein Nachfolger Hans-Georg Sigel muss sich ebenfalls keine Sorgen machen: „Ich werde auch keine Leserbriefe schreiben.“

Zur Person

Wilfried Wallbrecht ist am 8. Mai 1950 in Göttingen geboren. Der Architekt und Stadtplaner hat an der TU Braunschweig und an der Universität Stuttgart studiert. Nach Ablegen der 2. Staatsprüfung im Fach Städtebau, Raumordnung und Landesplanung und beruflichen Stationen in Freien Planungsbüros und in den Stadtverwaltungen Sindelfingen und Kornwestheim wurde er Ende 1997 vom Esslinger Gemeinderat zum Baubürgermeister gewählt und in den kommenden Jahren mehrfach in seinem Amt bestätigt. Seit Juli 2003 ist er zudem Erster Bürgermeister der Stadt Esslingen. Wallbrecht sitzt für die Freien Wähler im Kreistag und Regionalparlament, ist Mitglied im Landes-Forstwirtschaftsrat und im Aufsichtsrat der Flüwo. Er ist geschieden und hat drei Kinder.

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