Am 21. Dezember 2022 ist André J. (Name geändert) im Esslinger Klinikum gestorben. Woran und unter welchen Umständen, wissen seine Angehörigen nicht genau. Der 61-Jährige verkehrte seit Jahren in der Esslinger Obdachlosenszene. Dass ihr Sohn tot ist, erfährt die Familie aus dem Raum Heilbronn erst knapp einen Monat später – per Brief vom Ordnungsamt. Zu diesem Zeitpunkt ist der Leichnam bereits eingeäschert, „aus hygienischen Gründen“, wie es in dem Schreiben heißt. Den 85-jährigen Vater, der nicht namentlich genannt werden möchte, macht das noch immer fassungslos. „Ich hatte keine Chance mehr, mich zu verabschieden“, sagt er, „es war ja immer noch mein Kind, auch wenn vieles in der Vergangenheit falsch gelaufen ist“. Seinen Sohn hatte er sieben Jahre lang nicht mehr gesehen. Selten habe André J. angerufen, wenn, dann meistens an den Geburtstagen. Die Art und Weise, wie die Behörden die Familie über den Tod informiert, bringt den 85-Jährigen in Rage. „Zumindest hätte man uns anrufen können“, empört er sich, „einfach einen Brief schreiben, ist eine Unverschämtheit“.
Unterstützung bekommt er von Thomas Hirzel, einem früheren Kollegen von André J. Er ist Polizist, viele Jahre habe er mit dem Verstorbenen zusammengearbeitet, bis seinem Bekannten 2014 schließlich gekündigt worden sei. André J. sei alkoholkrank gewesen und in die Esslinger Obdachlosenszene abgedriftet, berichtet Hirzel. Er könne nicht glauben, dass es so lange dauert, bis die Angehörigen ausfindig gemacht werden. „Es kann doch nicht sein, dass jemand einfach so eingeäschert wird“, empört er sich. Inzwischen ist die Urne an die Familie überführt worden. Im Februar wurde André J. im Kreis Heilbronn beigesetzt.
Schweigepflicht über den Tod hinaus
Auch das Esslinger Klinikum hatte versucht, Angehörige ausfindig zu machen. „Es wurde mit dem Einwohnermeldeamt Kontakt aufgenommen, mit der Polizei, dem Erfrierungsschutz Heilbronn und dem Sozialamt. Leider ohne Ergebnis“, so die Kliniksprecherin Anja Dietze auf Anfrage. Es seien bei dem Patienten keine Kontakt- oder Verbindungsdaten hinterlegt gewesen. Sie hat Verständnis für die Situation des Vaters, der wissen möchte, was mit seinem Sohn passiert ist. „Grundsätzlich ist es aber so, dass die Schweigepflicht über den Tod hinaus gilt“, erklärt sie.
Die Stadt Esslingen teilt auf Anfrage mit, dass ihr der Sterbefall am 22. Dezember von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (EVA) gemeldet worden sei. Daraufhin habe das Standesamt eine Adresse in Sigmaringen ausfindig gemacht und die Familie in einem Schreiben über ihre Bestattungspflicht informiert. „Nachdem der Friedhofsverwaltung am 9. Januar 2023 noch immer keine Rückmeldung der Eltern vorlag, wurde am 10. Januar die Kremation des Verstorbenen veranlasst“, teilt der Sprecher der Stadt, Niclas Schlecht mit. Erst am 17. Januar sei die Verwaltung informiert worden, dass die alte Adresse nicht mehr aktuell sei und die Eltern im Kreis Heilbronn wohnen. „Die Eltern wurden dann sofort informiert“, so Schlecht.
Gräberfeld für Obdachlose
Anja Wessels-Czerwinski, die Esslinger Bereichsleiterin der EVA, geht davon aus, dass die Behörden viel daran setzen, um Familien schnell über den Tod eines obdachlosen Angehörigen zu informieren. „Es wird gut recherchiert“, ist ihre Erfahrung. Denn nicht zuletzt gehe es auch darum, dass die bestattungspflichtigen Angehörigen die Kosten für eine Beerdigung übernehmen und sie auch beauftragen müssen. Ist die Familie finanziell dazu nicht der Lage, könne staatliche Unterstützung beantragt werden.
Seit 1999 gibt es auf dem Esslinger Ebershaldenfriedhof ein Gräberfeld für Obdachlose, wo Klienten der EVA und dem St.-Vinzenz-Treff beerdigt werden. Die Namen der Verstorbenen lässt die EVA in die Grabplatten eingravieren. „Es ist wichtig, dass es einen solchen Ort gibt, zu dem man hingehen kann“, sagt Werner Bolzhauser, der Vorsitzende von Kultur am Rande, einem Esslinger Verein, der sich auch für Wohnsitzlose engagiert. Er erinnert sich an eine unkonventionelle Feier. „Wir haben einen Schluck Schnaps ins Grab geschüttet“, erzählt Bolzhauser, „es war würdig, in diesem Fall hat es einfach gepasst.“
Schnaps mit ins Grab
Auch Anja Wessels-Czerwinski ist ein würdevoller Abschied wichtig. Ein Mal im Jahr, meistens an Allerheiligen, gibt es eine Gedenkfeier auf dem Ebershaldenfriedhof. Im Esslinger Aufnahmehaus gibt es eine Ecke, in der ein Bild des Verstorbenen aufgestellt wird. Wichtig sei immer der Wunsch ihrer Klienten, betont sie. Einige würden bewusst den Kontakt zu ihrem früheren Umfeld abbrechen. Oft schämten sich die Wohnsitzlosen für die eigene Situation. „Es gibt einige, die in ihrem Leben immer abgelehnt wurden und dann den Spieß umdrehen“, sagt die Mitarbeiterin, „sie wollen mit niemandem etwas zu tun haben“. Kontaktdaten würde sie deshalb niemals herausgeben, so sehr sie auch die Not der Familien versteht.
Die letzte Ruhe für Obdachlose
Gräberfeld
Auf dem Esslinger Ebershaldenfriedhof gibt es im unteren Teil, in Feld zehn, ein Gräberfeld für Obdachlose. Hier werden seit dem Jahr 1999 Klienten der Evangelischen Gesellschaft (EVA), die unter anderem das Esslinger Berberdorf betreut, und des St.-Vinzenz-Treffs beerdigt, teilt die Stadt Esslingen mit. Die Verwaltung und Pflege des Gräberfeldes obliegt der Friedhofsverwaltung. Grabmale und Namenstafeln sind Eigentum der EVA. Die Bestattungskosten übernehmen je nach Fall die Angehörigen, das Sozialamt oder die Ortspolizei.
Recherche
Wenn ein Patient im Klinikum verstirbt und keinerlei Angehörige zu ermitteln sind, wird dies dem Standesamt Esslingen gemeldet und dorthin werden auch alle persönlichen Gegenstände übergeben, sofern welche vorhanden sind. Alle weiteren Schritte werden dann über das Standesamt eingeleitet, teilt das Klinikum Esslingen auf Anfrage mit.