Esslinger Bibliotheks-Streit Das vergessene Bücherei-Konzept
In der Debatte über den Standort der Esslinger Bücherei geht es nur noch um das frühere Modehaus Kögel. Ein anderes attraktives Konzept bleibt im Rathaus meist unerwähnt.
In der Debatte über den Standort der Esslinger Bücherei geht es nur noch um das frühere Modehaus Kögel. Ein anderes attraktives Konzept bleibt im Rathaus meist unerwähnt.
Die Entscheidung über die Zukunft der Esslinger Stadtbücherei ist auf der Zielgeraden. Diesen Montag wollen der Verwaltungs- und der Kulturausschuss ab 16 Uhr im Alten Rathaus nochmals die Pläne der Verwaltung für einen Umzug ins frühere Modehaus Kögel diskutieren – Ende Juni soll der Gemeinderat entscheiden. Für OB Matthias Klopfer ist schon lange klar, dass der Weg in Richtung Kögel führen soll. Vom bisherigen Standort im Bebenhäuser Pfleghof und seinen Möglichkeiten ist kaum mehr die Rede – zumindest nicht positiv. Dabei hatte man die dortigen Möglichkeiten vor Jahren in schönsten Farben skizziert. Der Vollständigkeit halber sei auch an dieses vergessene Bücherei-Konzept erinnert.
Doch die Vorzüge des Pfleghof-Konzepts scheinen inzwischen vergessen zu sein. Kaum einer spricht mehr davon, dass der international renommierte Architekt und Bibliotheks-Designer Aat Vos großes Potenzial am bisherigen Standort gesehen hatte: „Die Stadtbücherei ist ein lebendiger und offener Begegnungsort der Menschen in Esslingen, an dem Geschichte und Geschichten zusammenkommen. Sie verbindet ein modernes Konzept mit historischem und gemütlichem Flair.“ Heute erklärt die Stadt in einer Bewertung beider Standorte, ein „einladendes, offenes Haus“ sei nicht im Pfleghof, sondern nur im Kögel umsetzbar.
Nach dem Architektenwettbewerb 2020 hatte die Stadt einen großen Wurf für den Bebenhäuser Pfleghof und das Nachbarhaus Heugasse 11 auf den Weg gebracht: Im Erdgeschoss sollte ein einladendes Entree mit Café und Maker Space entstehen. Das erste Obergeschoss sollte zur großzügigen Familienbibliothek werden, in einem zweiten Obergeschoss sahen die Planer Veranstaltungen, in einer dritten Etage waren weitere Publikums- und Arbeitsbereiche geplant, im Untergeschoss eine Jugendbibliothek und eine Lesekapelle für Erwachsene. Aat Vos empfahl, die Regale an die Wand zu rücken und die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Eine Wohlfühl-Atmosphäre sollte zum Verweilen einladen, Farb- und Lichtgestaltungen sollten den Besuch im Pfleghof mehr denn je zu einem Erlebnis machen.
Der Architekt und Bibliotheks-Designer hatte stets betont, die Voraussetzungen für eine attraktive Bibliothek seien im Bebenhäuser Pfleghof außergewöhnlich gut: „Die Bürgerbeteiligung hat uns gezeigt, was typisch ist für Esslingen: eine selbstbewusste Bürgerschaft und eine eigenständige Identität, die sich wesentlich in der denkmalgeschützten Altstadt manifestiert. Wir haben in vielen Gesprächen festgestellt, dass die Erwartungen an die neue Bibliothek sehr differenziert sind. Wenn die Stadt das ernst nimmt, kann sie etwas Besonderes schaffen.“
Mit Blick auf die baulichen Rahmenbedingungen im Pfleghof befand Aat Vos: „Das Schöne ist: Wir bewegen uns in einem Denkmal, können also unmittelbar an die Identität dieser Stadt anknüpfen. Die Gebäudestruktur bietet ganz von selbst viele Möglichkeiten, unterschiedliche Bereiche zu schaffen, wie sie eine moderne Bibliothek braucht. Bei der Gestaltung müssen wir das Gemütlichkeitsbedürfnis der Menschen beachten. Die intensiven Nutzerbefragungen helfen, die Schönheit dessen, was schon vorhanden ist, auf neue Weise zu sehen. Andere Städte müssen sich solche Orte suchen – Esslingen kann im Pfleghof eine einzigartige Bibliothek schaffen, wie es sie nur hier gibt. Dieses Projekt bietet der Stadt großartige Möglichkeiten, um die andere sie beneiden. Das muss ein Projekt sein, das die ganze Stadt zu ihrem gemeinsamen Anliegen macht und das weit darüber hinaus wirkt.“
In einem aufwendigen Beteiligungsprozess konnten Nutzerinnen und Nutzer jeden Alters ihre Wünsche und Ideen einbringen. Kontinuierlich wurden einzelne Bereiche weiterentwickelt. Und schließlich gab es einen einwöchigen Workshop, in dem Aat Vos und sein Team zusammen mit Expertinnen und Experten aus der Stadtbücherei sowie Nutzerinnen und Nutzern Visionen für die künftige Inneneinrichtung entwickelten. Noch heute findet man bei Youtube unter dem Titel „Ein dritter Ort für Esslingen“ einen Film, der zeigt, wie eine Bibliothek im Pfleghof aussehen und was sie der Stadt bieten könnte.
Doch von alledem ist schon lange nicht mehr die Rede. Die Verwaltung sah eine „Kostenexplosion“ auf mehr als 60 Millionen Euro und wollte zunächst nur noch eine „kleine, feine Sanierung“ des Pfleghofs, wobei Aat Vos wegen möglicher Einsparungen gar nicht mehr konsultiert worden war. Nun soll es ein Umzug ins frühere Modehaus Kögel sein. Für die Pfleghof-Lösung und eine Erweiterung in die Heugasse 11 werden weiterhin mehr als 60 Millionen Euro angesetzt, obwohl allein die Kostenschätzung für das Nachbarhaus von zunächst elf auf mittlerweile vier Millionen Euro reduziert wurde.
Pfleghof
Die Esslinger Stadtbücherei ist seit 1989 im Bebenhäuser Pfleghof zwischen der Heu- und der Webergasse untergebracht. Schon kurz nach dem Einzug in das historische Gebäude war klar, dass die Bibliothek angesichts stetig wachsender Aufgaben auf Dauer erweitert werden muss. Schon in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre wurden Pläne entwickelt, das Nachbarhaus Heugasse 11 einzubeziehen. Vertieft wurden diese Pläne 2013 in einer Machbarkeitsstudie für Bücherei, Stadtmuseum und städtische Galerie. Diese Pläne waren allerdings rasch wieder zu den Akten gelegt worden.
Wechselspiele
Jahrelang wurden verschiedene Standorte für die Stadtbücherei erwogen – unter anderem in der Weststadt, auf dem ZOB-Areal sowie zwischen Kies- und Küferstraße. Schließlich entschied sich der Gemeinderat 2018 für einen Neubau in zweiter Reihe an der Küferstraße. Weil sich dagegen Widerspruch regte, gab es 2019 einen Bürgerentscheid, der mit einem klaren Votum für die Erweiterung und Modernisierung des Pfleghofs und der Heugasse 11 endete. Ein Architektenwettbewerb brachte ein selbst von anfänglichen Bedenkenträgern hoch gelobtes Ergebnis. Doch als die Verwaltung 2022 ein düsteres Bild der städtischen Finanzen zeichnete und Kostensteigerungen auf über 60 Millionen Euro reklamierte, wurden die großen Pläne für den Pfleghof auf eine „kleine, feine Sanierung“ reduziert. Und auch die liegt auf Eis, seit OB Klopfer 2023 vorschlug, die Bücherei ins frühere Modehaus Kögel zu verlegen. Seither ist von dem einst hoch gelobten Konzept für den Pfleghof nicht mehr die Rede.