Esslinger Büchereivision Um Bücher geht es in Zukunft nur noch am Rande

Von Philipp Braitinger 

Bei einer Diskussion der Freien Wähler zur Zukunft der Stadtbücherei standen Ideen für eine modere Bücherei im Mittelpunkt.

Diesmal stand nicht die Standortdiskussion im Mittelpunkt. Foto: Horst Rudel
Diesmal stand nicht die Standortdiskussion im Mittelpunkt. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Ihnen sitzt die Zeit im Nacken. Schon am 18. Juli möchte der Esslinger Gemeinderat darüber entscheiden, ob die Bücherei saniert und vergrößert oder ob ein neues Gebäude in der Küferstraße gebaut wird. Während sich andere Fraktionen bereits für die eine oder andere Lösung entschieden haben, wollen die Freien Wähler erst einmal benennen, was die neue Bücherei können soll. Mit ihrem Votum könnten sie das Zünglein an der Waage sein.

Am Donnerstag hat der kommunalpolitische Verein ins Alte Rathaus zu einem Vortrag von Kirsten Wieczorek eingeladen. Sie ist die Leiterin der Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen beim Stuttgarter Regierungspräsidium. An der Podiumsdiskussion, bei der die Meinungen weit auseinandergingen, nahmen neben Wieczorek der Kulturamtsleiter Benedikt Stegmayer und die Vorsitzende des Fördervereins der Stadtbücherei Esslingen, Sylvia Greiffenhagen, teil.

Kinderspiele und auf jeden Fall eine Küche

Kirsten Wieczorek präsentierte Beispiele, was moderne Büchereien ihren Besuchern bieten könnten. Ihr Bild der Bücherei der Zukunft war das eines Hauses mit schier unendlich vielen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Das Ausleihen und Lesen von Büchern ist dabei nur noch ein Grund von vielen für den Büchereibesuch. So könnte eine moderne Bücherei etwa einen Bastelbereich, Familienfilme, einen Stillraum für junge Mütter, Computerspiele, Gesellschaftsspiele, einen Tischkicker, Handyladestationen und einen Kinderwagenparkplatz anbieten. Für Kinder könnte es Verkleidungen geben, damit sie das Theaterspielen ausprobieren könnten.

Baulich müssten die einzelnen Bereiche voneinander getrennt sein, damit sich die Besuchergruppen bei ihren Aktivitäten nicht störten. Gleichzeitig solle es auch Räume für Begegnungen geben. Und eine Küche sei wichtig, wenn sich Menschen lange in der Bücherei aufhielten. „Man muss dort auch Essen und Trinken dürfen“, meinte Wieczorek. In Skandinavien gebe es bereits solch moderne Büchereien. Als Beispiel nannte Wieczorek die Bücherei im dänischen Aarhus. Allerdings wohnen in Aarhus 270 000 Menschen, also rund drei Mal so viele Menschen wie in Esslingen. Die Bücherei dort ist ein Teil eines gigantischen Kulturzentrums mit 30 000 Quadratmeter Fläche.

Die Bücherei soll gesellschaftsbildend sein

Der Kulturamtsleiter Benedikt Stegmayer betonte, dass in der Bücherei Menschen zusammenkommen sollten, die sich ansonsten kaum begegneten. „Wir reden darüber, dass wir gesellschaftsbildend sind. Das ist ein großer und hehrer Anspruch.“ In zukünftigen Bücherei müssten auch jene Menschen erreicht werden, die bisher nicht in die Bücherei kämen.

Sylvia Greiffenhagen wiederum merkte an, dass der Bildungsauftrag, die Kulturarbeit und die Freizeitgestaltung im Zentrum des Anforderungsprofils einer Bücherei stehen sollten. Angesichts einer begrenzten Fläche von knapp 4000 Quadratmetern sei es notwendig, Prioritäten zu setzen. Allerdings stellte Greiffenhagen auch klar, dass sie keine reine Verfechterin des alten Standortes sei. „Wir müssen das Gute erhalten, an welchem Standort auch immer.“ Es gehe ihr darum, den bisherigen Standort nicht leichtfertig aufzugeben.

Während der Fragerunde zeigte sich rasch, dass neben der Standortdiskussion vor allem der Umgang des Rathauses und des Gemeinderates mit dem Thema die Menschen bewegt. Der Vorwurf gleich mehrerer Redner aus dem Publikum lautete, dass die Einwohnerschaft zu wenig in die Entscheidung über die Zukunft der Stadtbücherei einbezogen werde. Nun sei es zu spät, den Fehler zu revidieren.