Esslinger Bürgerfest Schwörfest führt Tradition in die Zukunft

Mit dem Schwörtag beginnt traditionell das Esslinger Bürgerfest. Künftig sollen diese beiden Anlässe in einem Schwörfest noch enger verzahnt werden. Foto: Roberto Bulgrin

Schwörtag und Bürgerfest sind feste Größen im Esslinger Jahreskalender. Dass beide untrennbar zusammengehören, scheint bislang allerdings nicht jedem bewusst zu sein. Nun plant die Stadt, beide Anlässe als Schwörfest besser miteinander zu verzahnen.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Die Tradition der Schwörtage reicht bis ins Mittelalter zurück, und sie wird in Esslingen – wenn auch mit Unterbrechungen – bis heute gepflegt. Dieses Hochamt der kommunalen Demokratie mündet stets in ein Bürgerfest-Wochenende, das von lokalen Vereinen und Gruppen gestaltet wird. Doch jede noch so alte Tradition kann sich weiterentwickeln. Um Schwörtag und Bürgerfest besser zu verzahnen, soll daraus ein Schwörfest werden, das von der Schwör-Zeremonie eröffnet wird. Erste Korrekturen wurden in diesem Jahr bereits erprobt. Nun soll das neue Konzept, das von einer Arbeitsgruppe unter Leitung des Ersten Bürgermeisters Ingo Rust entwickelt wurde und im Verwaltungsausschuss ungeteilte Zustimmung fand, vollends etabliert werden.

 

Neue Zielgruppen erreichen

Für die Kulturamtsleiterin Alexa Heyder ist das Ziel klar: „Wir wollen den Schwörtag und das Bürgerfest lebendig halten und neue Zielgruppen erreichen, ohne die Traditionen und das Bewährte hinter uns zu lassen.“ Bislang hatte sie den Eindruck, dass viele Bürger beide Festlichkeiten nicht als Einheit sehen. Dabei gehöre beides untrennbar zusammen: „Historisch gesehen war der Schwörtag immer mit einem Fest verbunden.“

Die Schwör-Zeremonie soll weiterhin im historischen Schwörhof stattfinden, nur bei Regen im Neuen Blarer. Wesentliche Elemente wie die Ansprache des Oberbürgermeisters, die Schwörtagsrede eines externen Gastes (2023 soll es VdK-Präsidentin Verena Bentele sein) sowie die Verpflichtung von Gemeinderat und OB auf das Wohl der Stadt bleiben. Darbietungen kultureller Institutionen oder der örtlichen Schulen sollen die Feier aufwerten. Ereignisse wie das 75-jährige Bestehen der Bürgerausschüsse im kommenden Jahr sollen zum Tragen kommen. Bewährt hat sich nach Einschätzung der Stadtverwaltung der gemeinsame Ausklang auf dem Marktplatz, der 2022 erstmals erprobt wurde. „Die Änderungen führten durchweg zu einer positiven Resonanz“, resümiert Jutta Bogdahn-Klotz, die Vizechefin des Kulturamts, in ihrer Sitzungsvorlage.

Politik stärker in den Fokus

Die Schwörfest-Organisatoren wollen die historische und politische Bedeutung stärker in den Fokus rücken. So wird es einen Tag der offenen Tür im Rathaus geben, wo sich Stadtverwaltung, Ratsfraktionen, Jugendgemeinderat und Bürgerausschüsse präsentieren können. Das Bürgerfest, das sich künftig Schwörfest nennen und als solches intensiv beworben werden soll, wird auch künftig gleich nach der Schwör-Zeremonie auf dem benachbarten Marktplatz beginnen, sich am Samstag auf viele weitere Plätze und Gassen der Altstadt ausdehnen und am Sonntag ein etwas früheres Ende finden.

Nachhaltiger und kultureller

Das Bühnenprogramm wird besser durchmischt, die Kultur wird stärker einbezogen, um damit auch neue Zielgruppen anzusprechen. Angebote wie Führungen und Multimedia-Präsentationen sollen Brücken in die Historie schlagen, auch die Hochschule soll Gelegenheit erhalten, sich zu präsentieren. „Und wir wollen Nachhaltigkeits- und Klimainitiativen einbeziehen und das Fest nachhaltiger gestalten, indem wir auf Einweggeschirr verzichten“, verspricht Alexa Heyder. Außerdem wollen die Organisatoren die Zusammenarbeit mit Stadtmarketing, City-Initiative, Stadtjugendring und Partnerstädten intensivieren.

Im Verwaltungsausschuss des Gemeinderats fand das neue Konzept einhellige Zustimmung. Carmen Tittel (Grüne) begrüßt den neuen Kurs: „Die Weiterentwicklung ist gut, weil sie die Tradition von Schwörtag und Bürgerfest mit neuem Leben erfüllt.“ Dass die Organisatoren verstärkt junge Leute ansprechen wollen, gefällt Carmen Tittel. „Schwergetan haben wir uns mit der Umbenennung in Schwörfest, weil das Bürgerfest in Esslingen Tradition ist“, erklärt die Grünen-Chefin. „Das muss man sehr gut publik machen.“ Christa Müller (SPD) empfindet beim Blick auf das neue Konzept „keine Skepsis, sondern Vorfreude“. Für beide Festlichkeiten sieht sie eine Win-win-Situation. Dass künftig mehr demokratische Elemente zum Tragen kommen, begrüßt die SPD. Jörg Zoller (Freie Wähler) erwartet sich zusätzlichen Rückenwind durch die noch engere Kooperation mit dem Stadtmarketing.

Ungewohnter Name

Rena Farquhar (FDP) findet es „sehr gut, die Schwörtagstraditionen in Zukunft deutlicher herauszuarbeiten“ und „die Verknüpfung von Bürgerschaft und Politik zu stärken“. Tim Hauser (CDU) ist mit den konzeptionellen Überlegungen einig, tut sich mit der Umbenennung jedoch schwer: „Der Name ‚Bürgerfest‘ ist seit den 70er Jahren etabliert. Die Mehrheit in unserer Fraktion hätte es gerne dabei belassen.“ Martin Auerbach (Linke) sah derweil wichtigere Themen: „Viele Menschen machen sich Sorgen, wie sie über den Winter kommen, und erwarten darauf Antworten. Darüber sollten wir mehr diskutieren als über den Namen für ein Fest.“

Festtage zwischen Historie und Gegenwart

Geschichte
 Schwörtagsfeiern zählen zu den ältesten kommunalen Traditionen und stehen für die besondere politische Kultur in den Freien Reichsstädten, die sich weitgehend selbst regierten. Ausdruck der kommunalen Selbstregierung war der öffentliche Eid von Bürgermeister, Rat und Bürgerschaft auf die Stadtverfassung. Mit dem Verlust der reichsstädtischen Freiheiten verschwanden die Symbole dieser Tradition. In Esslingen blieb das Schwörhaus bestehen, der Schwörbalkon wurde jedoch abgebaut.

Comeback
 Esslingen hat die Tradition der Schwörtage 1991 unter dem damaligen OB Ulrich Bauer wiederbelebt. Im Zentrum steht der Schwörakt, mit dem sich der Oberbürgermeister und der Gemeinderat auf die Stadtverfassung verpflichten. Der OB legt der Bürgerschaft Rechenschaft ab und stellt sein weiteres Programm vor.

Anerkennung
2021 wurden die Schwörtagstraditionen der einstigen Reichsstädte Esslingen, Reutlingen und Ulm von der deutschen Unesco-Kommission in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

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