Die Adresse ist vielen in Esslingen wohlbekannt: Heugasse 11. Denn das historische Gebäude ist seit den 90er Jahren für die Erweiterung der Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof im Gespräch. Viel wurde und wird über das Nachbarhaus der Bibliothek diskutiert, und wenn der Gemeinderat am 21. November über die Zukunftspläne für die Bücherei entscheidet, wird auch die Heugasse 11 eine wichtige Rolle spielen. Denn das Gebäude, das seit vielen Jahren leer steht, könnte zusätzliche Flächen bringen. Nur die wenigsten kennen es jedoch aus eigener Anschauung, denn die Türen sind seit vielen Jahren verschlossen – nur ganz selten öffnen sie sich wie jüngst am Denkmalwochenende. Wer jedoch die rare Gelegenheit erhält, einen Blick hinter die eher unscheinbare Fassade zu werfen, stellt fest, dass sich unter dem Staub der Zeit viel Interessantes entdecken lässt.
Bewegte Baugeschichte
Ein Gewölbekeller unter dem Vorderhaus zeigt, dass dort schon im frühen 13. Jahrhundert ein Vorgängerbau stand. Das heutige Haupthaus war vermutlich 1506/07 entstanden, 1548/49 folgten ein Hofgebäude zur Webergasse und ein Verbindungsbau zwischen Vorder- und Hinterhaus. Umbaumaßnahmen prägten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das heutige Gesicht des Gebäudes. In seiner Denkmaltopografie resümiert das Landesamt für Denkmalpflege: „Das Anwesen stellt ein selten vollständig erhaltenes Beispiel eines frühneuzeitlichen Wohn- und Wirtschaftsanwesens dar. Es liefert somit wichtige Informationen zur Wirtschaftsgeschichte Esslingens und zum historischen Hausbau im Südwesten Deutschlands.“
Wiederholt hat die Stadt, der das Gebäude seit Jahren gehört, darüber nachgedacht, dieser vergessenen Schönheit ihren alten Glanz zurückzugeben. 1981 war die Heugasse 11 von Fachingenieuren und einem Architekturbüro ausgiebig begutachtet worden. Jahre später wurde ein weiteres Sanierungskonzept erarbeitet, das nie realisiert wurde. Getan wurde nur Unvermeidliches – etwa an der Fassade oder den Laubengängen hin zum Innenhof. Als die Stadt vor einigen Jahren die Büchereierweiterung anpacken wollte, ließ sie den historischen Bau von Fachleuten verschiedener Disziplinen genau untersuchen. Und auch das Landesdenkmalamt hat mit den Baufachleuten der Kommune bereits abgestimmt, was dort bei einer möglichen Nutzung zum Beispiel für die Bibliotheksverwaltung möglich wäre und was nicht.
Sehenswerte Details
Interessant ist ein Rundgang durch die Heugasse 11 allemal. Die aufwendige Dachkonstruktion ist ebenso sehenswert wie der alte Gewölbekeller oder die vielen reizvollen Details, wie aufwendig verglaste Türen, alte Steinmetzzeichen oder die Malereien an Decken und Wänden. Überraschen mag auch, dass längst nicht alle Räume so klein sind, wie es bisweilen kolportiert wurde. In der Denkmaltopografie heißt es dazu, das erste Obergeschoss sei „ursprünglich offenbar wenig unterteilt“ gewesen.
Wie es mit der Heugasse 11 weitergeht, steht derzeit noch in den Sternen: Die Pläne zur Erweiterung und Modernisierung der Stadtbücherei sehen vor, die Heugasse 11 zum Verwaltungstrakt zu machen, die bisherigen Verwaltungsräume würden für die Büchereibesucher nutzbar. OB Matthias Klopfer möchte jedoch beim Büchereiprojekt „die Pausentaste drücken“ und in den nächsten zehn Jahren nur „eine kleine, feine Sanierung“, die den Büchereibetrieb sichern soll. Von 2024 bis 2031 ist vorerst nur die Sanierung von Fenstern, Fassade und Dach der Heugasse 11 vorgesehen – sofern der Gemeinderat dem OB am 21. November folgt. Erst dann wird klar sein, ob und wann dieses historische Gebäude seine verborgenen Reize wieder der Öffentlichkeit zeigen darf.
Mehr Platz für die Stadtbücherei
Idee
Schon in den 90er-Jahren war der zusätzliche Platzbedarf der Esslinger Stadtbücherei ein Thema. Der damalige Kulturreferent Peter Kastner und die frühere Bücherei-Leiterin Sibylle Weit erarbeiteten eine erste Planung, wie die Heugasse 11 in die Bibliothek integriert werden könnte.
Konzepte
Konkretisiert wurden die Überlegungen zur Heugasse 11 im Jahr 2013 in einer Machbarkeitsstudie zur Erweiterung der Stadtbücherei und des Stadtmuseums. Und auch beim Architektenwettbewerb wurde das Gebäude 2020 fest eingeplant. Im Siegerentwurf heißt es: „Die Verwaltung ist komplett autark im Haus Heugasse 11 untergebracht und erhält damit eine eigene Adresse mit eigenem Eingang.“