Konzeptionell „Stadt im Fluss“ folgt jedes Mal einem Leitmotiv – diesmal lautete das Motto „Stadt im Überfluss?“. In einer Zeit, die den allermeisten zumindest hierzulande unendlich viele Möglichkeiten bietet, die Welt aber immer stärker mit Klimawandel, Umweltverschmutzung, Kriegen und Konflikten konfrontiert, waren die Mitwirkenden aufgerufen, Antworten zu entwickeln und zum Nachdenken und Handeln anzuregen. „Gemeinsam schlagen wir Brücken ‚Über den Fluss’, bringen Menschen zusammen und öffnen Perspektiven“, hieß es im Kulturamt, wo die konzeptionellen und organisatorischen Fäden zusammenliefen.
Offiziell Eröffnet wurde das Festival am Freitagabend am Alten Rathaus. OB Matthias Klopfer betonte die Bedeutung nachdenklicher und selbstkritischer Blicke auf Gegenwart und Zukunft und darauf, welche Rolle jeder spielt – und spielen könnte. „Ich bin dankbar, dass wir eine so vielfältige Kultur mit so vielen unterschiedlichen Akteuren haben“, so Klopfer. „Eine Stadt lebt auch von einer reichen Kultur. Das wird bei allen sonstigen Herausforderungen immer ein zentrales Anliegen bleiben.“ Bedauerlich nur, dass die Kommunalpolitik den hehren Anspruch nicht durch stärkere Präsenz unterstrich.
Verbindend Weil die Herausforderungen der Zukunft nur gemeinsam zu meistern sind, sollten Künstlerinnen, Künstler und Kulturakteure ihre Projekte gemeinsam mit Partnern aus anderen Bereichen entwickeln. Da machten etwa Gregory Darcys Tanzkompanie junior mit dem Rohräckerschulzentrum gemeinsame Sache, der Shantychor der Marinekameradschaft Tsingtau erläuterte gemeinsam mit Geflüchteten aus Gambia die Folgen von Umweltverschmutzung und Überfischung der Meere, Ulrike Baki, Matthias Kunisch, Gerhard Polacek und Andreas Weiner zeigten im Literarischen Marionettentheater und vor Ort, was der Abfallwirtschaftsbetrieb auf der Deponie Katzenbühl leistet. Eindrucksvoll auch, wie Martin Hägele und Fußballer des TC Esslingen mit dem Weingärtner-Liederkranz und Menschen aus einer inklusiven Wohngruppe am Freitagabend gemeinsam kickten und sangen.
Gemeinsam Viele in Esslingen und weit darüber hinaus sind überzeugt, dass der Teufelsgeiger Martin Schnabel einzigartig ist. Doch beim Kulturfestival gab’s den doppelten Martin Schnabel: Die beiden Jazzmusiker gleichen Namens zündeten mit Geige und Klavier ein Klangfeuerwerk, Tänzerinnen und ein Tänzer der Tanzschule TanzES zeigten dazu mitreißende Choreografien. „In meiner Kindheit in Stuttgart-Möhringen hatte ich Unterricht bei einem Privatlehrer“, erzählte der Geiger. „Als meine Familie nach Esslingen gezogen ist, hat besagter Musiklehrer einen Schüler gleichen Namens bekommen, der bei ihm Klavierunterricht genommen hat.“ Später ist auch der Pianist Martin Schnabel nach Esslingen umgezogen, wo sich beide vor 40 Jahren kennengelernt haben. „Nun dachten wir, es wäre an der Zeit, zusammen aufzutreten“, verriet der Geiger.
Wortreich In einer Literaturstadt muss das geschriebene Wort eine Hauptrolle spielen. Björn Springorum und Dirk Werner luden mit Schreibworkshops zum kreativen Schreiben ein, Pia Rosenberger las aus „Die Spur des Ultramarins“, der Jugendgemeinderat lud zum Poetry Slam ein, Heidi Graf hauchte Goethes „Zauberlehrling“ zusammen mit Felix Muntwiler und dem Vocalensemble Vox Humana neues Leben ein, Karin Bretschneider und Doris Weinberger rückten mit ihrem Projekt „Antz – Die Seele der purpurnen Ameise“ das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft in Texten und Soundcollagen in den Fokus und vieles mehr.
Klangvoll Zahlreiche Klangkünstlerinnen und -künstler setzten mit unterschiedlichsten Programmen Akzente. Nur einige Beispiele: Den Kammerchor Exvocal und die Musikprofilklasse des Theodor-Heuss-Gymnasiums zog es musikalisch „Zu neuen Ufern“. Tonart präsentierte Antoine Beugers „Wort für Wort (Geraum)“ für sechs Sprecher und elektronische Klänge, Ekaterina Porizko gewann bekannten Kompositionen auf dem Glockenspiel am Alten Rathaus Neues ab. Der Chor VoicES lud zur klingenden Shoppingtour ein, die Kulturinsel der Dieselstraße trug Musik in den öffentlichen Raum, Dorota Welz und ihr Ensemble setzten sich kritisch mit der Reizüberflutung und ihren ökologischen Folgen auseinander, Marion Jeiter und Robert Bärwald spürten mit Musikschülern der Sehnsucht (nach mehr) nach.
Visuell Wer aufmerksam durch die Stadt ging, konnte an vielen Stellen künstlerische Interventionen entdecken. So setzte sich Bertl Zagst am Rathausplatz kritisch mit der Fülle des Überflusses auseinander, die Parents for Future machten mit einem „Mindestlohnbett“, einem „Traumbett“ und einem „Burnoutbett“ auf drängende gesellschaftliche Probleme aufmerksam. Tagsüber war „Stadt im Überfluss?“ im öffentlichen Raum sehr präsent – nach Einbruch der Dunkelheit vermissten langjährige Besucher allerdings die Illuminationen früherer Festivals, mit denen vor Jahren zum Beispiel der Esslinger Lichtexperte Hans Rapp die Altstadt eindrucksvoll in Szene gesetzt hatte.
Klimabewusst In vielen der Beiträge wurden Aspekte von Umwelt- und Klimaschutz thematisiert. Bei Klimafest und Umwelttag am Sonntag zeigten Initiativen, Vereine und Unternehmen unter der Regie der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Klimaschutz Beispiele, wie sich das Leben nachhaltig und zukunftsfähig gestalten lässt. Ritterstraße und der Platz am Postmichelbrunnen wurden zur Klimameile – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gab es viele Möglichkeiten zum Austausch und um selbst aktiv zu werden.
Jung Das Festival bot viel für den Nachwuchs – etwa Kindertheater in der Bücherei, einen Mitmachparcours im Merkelpark oder Lesungen in Klein-Venedig. Der Stadtjugendring schlug eine Brücke über den Neckar und lud am Sonntag zum Kinderfest mit vielen Mitmach-, Kreativ- und Spielangeboten ein. Schließlich kann man sich gar nicht früh genug für Kunst und Kultur begeistern und für eine gute Zukunft engagieren.