Anfang des Jahres 1975 war der Vietnamkrieg noch nicht beendet. In Spanien lebte Diktator Franco. Das Internet war ein kleines Versuchsprojekt. Und in Deutschland war Pornografie verboten. Einiges davon sollte sich bald ändern.
Am 28. Januar 1975, also vor fast genau 50 Jahren, fiel das Verbot für die Verbreitung von Pornografie. In den 80er-Jahren verbreiteten sich Videorekorder für zu Hause, und damit auch die Über-18-Bereiche hinter den Vorhängen in den Videotheken. 2006 machte die Plattform Youporn Pornos online zugänglich und wurde zu einer der erfolgreichsten Internetseiten. Heute sind Pornos jederzeit verfügbar. Laut Zahlen des Portals Netzsieger geht ein Drittel des Datenverkehrs im Internet auf Pornos zurück. Was bedeutet das für uns als Gesellschaft?
Wie auch Sexarbeiterinnen den Einfluss von Pornos spüren
Dieser Frage ist Kurt Möller, Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen, mit einem Team aus Studentinnen und Studenten für ihr Buch „Hypersexed and Overporned“ nachgegangen. Sie haben Interviews unter anderem mit Darstellenden, Konsumentinnen und Konsumenten und etwa auch Prostituierten geführt. Die Ergebnisse in aller Kürze: Die Konsumenten sind zum Großteil Männer. Die Filme werfen einen künstlichen, tendenziell männlich geprägten Blick auf Frauen. Dieser Blick sei geprägt von Unterwürfigkeit und Gewalt, sagt Helena Dadakou, die Teil des Teams war. Das beeinflusse die Drehbücher im Kopf für reale Sexualitäten. „Im Klartext bedeutet das: Wenn der Mann beim Hetero-Sex fertig ist und abgespritzt hat, ist es vorbei. Und man geht davon aus, dass Frauen gefällt, was man in Pornos sieht“, sagt Dadakou.
Das Team sprach auch mit Prostituierten. Diese berichteten, dass Männer, die zu ihnen kommen, nachmachen wollten, was sie in Pornos gesehen haben. Mit der Tendenz, dass es „härter, fordernder, anspruchsvoller, unverschämter“ werde, sagt Möller. Und mit Deep Fakes eröffnet sich eine neue Ebene in der Pornografie. Dabei werden die Gesichter etwa von Prominenten, Influencerinnen oder auch Ex-Freundinnen mithilfe von Künstlicher Intelligenz auf pornografische Bilder montiert. Sie werden unfreiwillig Teil eines Pornos. Die Motive? Manchmal Jux und Tollerei, manchmal Rache gegenüber Ex-Partnern, manchmal wohl auch Erpressung, erzählen Alina Müns und Eva Lehmann, ebenfalls Teil des Teams. Wie kann man diesen Entwicklungen entgegenwirken?
Pornos sind so unecht wie ein Horrorfilm
„Es ist wichtig, so etwas wie Pornokompetenz zu entwickeln“, sagt Möller. „Das bedeutet unter anderem, eine Fähigkeit zu entwickeln, über Sexuelles und Pornografie zu reden und eine gewisse Selbstreflexivität dabei an den Tag legen zu können, also: Was macht das mit mir und meinen Vorstellungen von Sexualität?“
Dazu sei eine medienkritische Sicht auf Pornos wichtig, die hinterfrage: „Wer hat das produziert, mit welcher Absicht, und was sind die Aussagen?“, sagt Kurt Möller. Er bezieht sich auf ein Interview für das Buch mit einer Make-up-Artistin. Diese bemale Darstellende so, dass „ein sexueller Akt auch so rüberkommt, wie er rüberkommen soll“, sagt Möller. „Pornos sind fiktive Produkte, gezielt hergestellt, nicht Abbilder von Realität.“
„Es ist wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen, dass es eine Art Schauspielerei ist“, sagt Helena Dadakou. „Auch wenn der Geschlechtsverkehr tatsächlich stattfindet, sieht man nicht unbedingt die Intimität, wie sie die Darstellenden privat leben würden“, so Dadakou weiter.
Dokus und Podcasts, die die Pornobranche kritisch betrachten
- Money Shot: In der Netflix-Doku geht es unter anderem um Bilder von Missbrauch, die auf der Plattform Pornhub gelandet und millionenfach geklickt worden sind. Pornhub ist laut chip.de die siebtmeistgeklickte Website weltweit.
- Wild Wild Web: In dem Podcast den Bayerischen Rundfunks wird in Staffel 2 darauf eingegangen, wie Pornhub die Industrie verändert hat – ein Deutscher spielt dabei eine prominente Rolle.
- Hot Money: Die Financial Times beleuchtet in dem Podcast unter anderem, welchen Einfluss Kreditkartenfirmen darauf haben, welche Art von Pornografie man zu sehen bekommt.