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Gemeinschaftsschule und Abitur – dass sich das nicht ausschließt, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. „In Klasse 12 und 13 unterscheidet uns nichts mehr von den Gymnasien“, sagt die Lehrerin und Oberstufenberaterin des Schule Innenstadt, Kathrin Höss. „Wir machen hier exakt die gleichen Abi-Prüfungen.“ Gemeinschaftsschulen hätten aber oft einen falschen Ruf. „Viele denken immer noch, dass hier die mit schlechter Empfehlung hinkommen“, sagt Francisca Griese, die ebenfalls zur neuen Abi-Klasse gehört, „die Vorurteile waren mir aber immer egal“. An der Gemeinschaftsschule habe man viel bessere Möglichkeiten sich auszuprobieren und könne auf unterschiedlichen Leistungsniveaus lernen. „Hier sind viele Wechsel möglich – ohne dass man gleich die Schule wechseln muss“, sagt die Schülerin, „und man hat auch Zeit, sich zu entwickeln“. So gebe es in der Abi-Klasse jetzt sogar Schüler, die in den unteren Klassen auf dem G-Niveau gelernt hätten, das in der Regel zum Hauptschulabschluss führt.
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Der Weg von Marvin Birth war zwar ein anderer, aber auch für ihn hat sich die Schule Innenstadt als Glücksfall erwiesen. Er kommt eigentlich von der Realschule und ist mitten in der achten Klasse gewechselt. „Hier wird auf die Stärken geschaut, die Schwächen sind weniger wichtig“, sagt der Elftklässler, „seitdem ist es bergauf gegangen“. Er möchte später noch studieren. „Wir nehmen die Schüler zunächst einmal so an, wie sie sind, lassen sie aber nicht stehen“, sagt der Englisch-Lehrer und Oberstufenberater Daniel Trick. „Das ist sehr motivierend.“ Bis zur zehnten Klasse ist die Gemeinschaftschule eine gebundene Ganztagsschule. Hausaufgaben werden in der Schule gemacht. Dafür gibt es die individuelle Lernzeit „IL“, in der Lehrkräfte anwesend sind. „Wir sind näher dran an den Schülern und immer präsent“, sagt Trick. Das heißt nicht, dass den Schülern alles abgenommen wird. „Man muss lernbereit sein“, sagt Kathrin Höss, „und wir bereiten die Schüler auch auf selbstständiges Lernen vor.“ In dieser Hinsicht unterscheide man sich kaum von den Gymnasien. Gleichzeitig werden aber bekannte Elemente der Gemeinschaftsschule jetzt in die Oberstufe mitgenommen. So gibt es etwa zwei Mal in der Woche die Betreute Studienzeit, kurz BSZ. Die entspricht den IL-Einheiten der unteren Klassen, ist aber freiwillig. Man lernt in der Gruppe, tauscht sich aus und kann eine Lehrkraft fragen. „Es nimmt den Druck, dass man nicht alles alleine machen muss“, sagt Anna-Maria Stanciu.
Corona als zusätzliche Hürde
Den Weg zum Abitur zu organisieren, ist nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch für Lehrkräfte und die Schulleitung in Esslingen Neuland. Immer wieder tauchen neue Fragen auf. Corona und die unterschiedlichen Maßnahmen – von Homeschooling bis hin zur Kohortenbildung – haben den Start der Pioniere zusätzlich erschwert. „Wir haben das Beste daraus gemacht und unsere Ideen werden von den Lehrern immer angehört“, lobt Anna-Maria Stanciu.
Für die Leistungskurse kooperiert die Schule Innenstadt mit allen Esslinger Gymnasien. Das ist nichts Ungewöhnliches. Denn Gymnasiasten pendeln schon jetzt innerhalb der Stadt für einen Leistungskurs zu einer anderen Schule, wenn der bei ihnen nicht zustande kommt.
Kooperation mit den Gymnasien in Esslingen
Die Gemeinschaftsschule ist von Heterogenität geprägt, das gilt für die Schülerschaft wie für die Lehrkräfte. „Davon profitieren auch wir Lehrer“, sagt Daniel Trick, so hätten etwa Hauptschullehrer oft eine andere Herangehensweise. In der Oberstufe dürfen allerdings nur Gymnasiallehrer unterrichten. An der Schule Innenstadt gebe es dafür genügend Lehrkräfte, sagt Kathrin Höss. Dazu kommen stundenweise noch Lehrkräfte von Gymnasien an die Innenstadtschule.
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Zum Schuljahr 2013/2014 wurde an der Seewiesenschule die erste Gemeinschaftsschule überhaupt in Esslingen eingerichtet. Damals war die Hochschulreife als Abschluss noch ein Wunsch. Wirklichkeit wird er ein Jahrzehnt später, wenn 2024 Anna-Maria, Marvin, Francisca und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ihr Abi in der Tasche haben.
Abitur an der Gemeinschaftsschule
Schulform
Die Gemeinschaftsschule ist eine junge Schulart und steht für eine höhere Durchlässigkeit im Bildungssystem sowie mehr Integration und Inklusion. Schülerinnen und Schüler lernen länger gemeinsam, was zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen soll.
Gymnasiale Oberstufe
Das Kultusministerium hat die gymnasiale Oberstufe an der Schule Innenstadt 2020 genehmigt. Damit gehört Esslingen zu den acht Städten in Baden-Württemberg, in denen das allgemeinbildende Abitur an einer Gemeinschaftsschule möglich ist. In Konstanz und Tübingen haben 2020 die ersten Schülerinnen und Schüler einer Gemeinschaftsschule ihr Abitur gemacht. Die Oberstufe umfasst eine einjährige Einführungsphase, ähnlich Klasse 10 am Gymnasium. Es folgen dann zwei Jahrgangsstufen.