Esslinger Haecker-Preis für Maria Kalesnikava Solidarität mit einer aufrechten Kämpferin

Ein Bild aus besseren Tagen: Maria Kalesnikava kämpft für Menschenrechte in Belarus – inzwischen wurde sie inhaftiert. Foto: dpa

In ihrer Heimat Belarus sitzt Maria Kalesnikava wegen ihres Widerstands gegen das dortige Regime in Haft. Als Zeichen der Solidarität wird die Musikerin, die jahrelang in der Stuttgarter Region gelebt hat, im März mit dem Esslinger Theodor-Haecker-Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

Esslingen - Maria Kalesnikava zählt zu den bekanntesten Gesichtern des Widerstands gegen das Regime in Belarus. Seit sich der Diktator Alexander Lukaschenko im Jahr 2020 unter höchst fragwürdigen Umständen zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklärt hat, ist das Land in Aufruhr. Anfangs gingen Hunderttausende auf die Straße, um gegen Wahlfälschung und für Demokratie zu demonstrieren – auch in der Esslinger Partnerstadt Molodetschno. Doch das autoritäre Regime in Belarus ließ die Demonstrationen mit brutaler Gewalt niederschlagen. Dennoch wollen viele in Belarus das Unrecht nicht hinnehmen.

 

Maria Kalesnikava wurde im September 2020 festgenommen und verschleppt, seither sitzt sie in Haft. Als Zeichen der Solidarität wird die Flötistin und Musikpädagogin, die mehrere Jahre in der Stuttgarter Region gearbeitet hat und die auch in Esslingen vielen wohlbekannt ist, am 13. März mit dem Theodor-Haecker-Preis der Stadt Esslingen ausgezeichnet. Ihre Schwester Tatsiana Khomich wird die Auszeichnung stellvertretend für sie entgegennehmen.

Zeichen setzen

Gewöhnlich vergibt Esslingen den Preis nur alle drei Jahre – demnach würde die nächste reguläre Preisverleihung erst 2023 anstehen. Doch wenn es die Situation erfordert, weicht man vom üblichen Turnus ab. So war das bereits im Jahr 2000, als der belarussische Oppositionspolitiker Victor Gontschar in seiner Heimat spurlos verschwand und in Esslingen in Abwesenheit ausgezeichnet wurde. Nun sieht die Stadt abermals die Zeit gekommen, ein Zeichen zu setzen.

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Maria Kalesnikava zählte 2020 im weißrussischen Präsidentschaftswahlkampf neben Svetlana Tichanovskaja zu den prominentesten Bürgerrechtlerinnen und Oppositionspolitikerinnen ihres Heimatlandes. Dafür wurde sie von der Staatsmacht ins Visier genommen und auf offener Straße in Minsk gekidnappt. Gegen ihren Willen sollte sie in die Ukraine deportiert werden – der Ausweisung hat sie sich durch Zerreißen ihres Passes widersetzt. Ihre spektakuläre Verhaftung und ihre Verurteilung zu elf Jahren Haft haben weltweit Empörung ausgelöst. Viele haben sich seither für ihre Freilassung eingesetzt, mit diversen Auszeichnungen wurde inzwischen Unterstützung für sie bekundet.

Empfohlen von der West-Ost-Gesellschaft

Bereits im August 2021 hatte die Esslinger West-Ost-Gesellschaft (WOG), die auch Kontakte in die belarussische Partnerstadt Molodetschno pflegt, bei der Stadt Esslingen angeregt, den Theodor-Haecker-Preis außer der Reihe zu verleihen. „Die politische Situation in Belarus erfüllt uns leider immer noch mit großer Sorge“, erklärte die WOG-Vorsitzende Brigitte Krömer-Schmeisser den Grund für den Antrag. „Für die Menschen ist der Widerstand gegen das totalitäre Regime mit großen persönlichen Gefahren verbunden. Maria Kalesnikava ist eine Heldin unserer Zeit, die nicht in Vergessenheit geraten darf.“ Deshalb könne man sich kaum eine geeignetere Trägerin des Theodor-Haecker-Preises vorstellen.

Der Esslinger Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) hatte diesen Gedanken nach seinem Amtsantritt mit den Vorsitzenden der Ratsfraktionen diskutiert und rasch Einigung erzielt. „Maria Kalesnikavas beispiellose Tapferkeit und ihr ungebrochener gewaltfreier Widerstand gegen das Terrorregime Lukaschenko stehen stellvertretend für viele Menschen, die in Belarus unter persönlichen Gefahren für Freiheit und Bürgerrechte kämpfen“, begründet Klopfer die Entscheidung, den Haecker-Preis außer der Reihe zu vergeben. Mit der Preisverleihung im Rahmen der Esslinger Frauenwochen solle Maria Kalesnikavas gewaltfreier Einsatz für die Menschenrechte in Belarus gewürdigt und daran erinnert werden, dass sie auch in der Isolation nicht vergessen wird.

Erinnerung in der Begegnung von Kunst und Politik

Die Preisverleihung findet am Sonntag, 13. März, um 11 Uhr in der Württembergischen Landesbühne Esslingen statt. Die Laudatio auf die Preisträgerin wird die Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, Muhterem Aras, übernehmen. Im Rahmen der Preisverleihung werden Viktoriia Vitrenko und Jasmin Schädler, Gründerinnen der Interakt-Initiative, eine musikalische Lecture-Performance unter dem Titel „Liebe ist stärker als Angst! Maria Kalesnikava und die politische Kunst“ zeigen. Während sie die Geschichte ihrer Freundin und Kollegin Maria Kalesnikava erzählen, laden sie zur Begegnung zwischen Kunst und Politik ein.

Der Theodor-Haecker-Preis

Namensgeber
Der Philosoph, Kulturkritiker und Autor Theodor Haecker wurde 1879 in Eberbach geboren und lebte jahrelang in Esslingen. Er gilt als Mentor von Hans und Sophie Scholl und inspirierte mit seinen Gedanken und Schriften den Widerstand der Weißen Rose gegen den Nationalsozialismus.

Preis
Zum Andenken an Theodor Haecker und mit Blick auf eine leidvolle Vergangenheit und eine schwierige Gegenwart vergibt die Stadt Esslingen seit 1995 den Theodor-Haecker-Preis. Der internationale Menschenrechtspreis wurde zunächst alle zwei, seit 2017 alle drei Jahre vergeben und ist mit 10 000 Euro dotiert. Erster Preisträger war der russische Menschenrechtler Sergey A. Kowaljow.

Ehrengabe
Zusätzlich zum Haecker-Preis wird im dreijährigen Turnus eine Ehrengabe an Personen oder Gruppen vergeben, die sich „um das Leben und Werk Haeckers verdient gemacht haben oder sich mit den Themen Gewalt, Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie auseinandersetzen“.

Verleihung
 Die Verleihung des Theodor-Haecker-Preises an Maria Kalesnikava beginnt am Sonntag, 13. März, um 11 Uhr in der Württembergischen Landesbühne. Der Eintritt ist frei.

Anmeldung
www.esslingen.de/haecker-preis

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