Esslinger Hainbach So schreitet die Renaturierung voran

Zurück zur Natur: Stefanie Blank vom Stadtplanungsamt, Projektleiterin Renate Aigner, Tiefbauamtsleiter Uwe Heinemann, Sascha Arnold vom Grünflächenamt, Regionaldirektor Alexander Lahl und Baubürgermeister Hans-Georg Sigel (von links) am renaturierten Hainbach. Foto:  

Auf weiteren 250 Metern hat der Hainbach sein natürliches Bett zurückbekommen. Auch Überschwemmungsflächen sind vorgesehen.

„Ich hört’ ein Bächlein rauschen“, heißt es in Franz Schuberts „Schöner Müllerin“. Das Esslinger Hainbächlein hört man jetzt auf weiteren 250 Metern wieder so zu Tale rauschen, wie es seiner Natur entspricht: in Windungen und Wendungen, genüsslich mäandernd und gemächlich fließend statt wie ein Sturzbach durch sein früheres Natursteinkorsett zu schießen.

 

Renaturierungsmaßnahmen am Hainbach reichen schon einige Jahre zurück. Nach einigen kleineren und punktuellen Verbesserungen beschloss der Gemeinderat 2017 ein koordiniertes Projekt. 2023 wurde oberhalb der Kennenburger Straße der bislang vorletzte Abschnitt fertiggestellt. Bachaufwärts direkt im Anschluss, beim Kinderspielplatz, wurde nun der Wasserlauf für eine weitere Strecke in den Naturzustand zurückversetzt.

3500 Quadratmeter groß ist die neue Renaturierungszone am Hainbach. Foto: Roberto Bulgrin

Initiiert und realisiert hat die Stadt Esslingen, Unterstützung kommt vom Regionalverband, und zwar aus dem „Landschaftspark Region Stuttgart“. Der ist kein Park, sondern ein finanzielles Förderprogramm, damit immer mehr Flächen in der Region zum Landschaftspark werden. Bis zur Hälfte der Gesamtkosten von rund 530 000 Euro könnten aus dem Fördertopf kommen, sagte der Esslinger Baubürgermeister Hans-Georg Sigel beim Vorort-Termin zum Abschluss der im Oktober vergangenen Jahres begonnenen Arbeiten. Welchen Pegelstand die Fördermittel tatsächlich erreichen werden, muss noch final abgerechnet werden.

3500 Quadratmeter seien „der Natur zurückgegeben worden“, sagte Sigel. 3400 Kubikmeter Erdreich wurden abgetragen – unter anderem um die Böschung beim Spielplatz abzuflachen, die eine Absturzgefahr für die Kinder war. Vor allem aber, um in Ufernähe die nährstoffarmen Bodenschichten unter der Grasnarbe zum Vorschein zu bringen, denn sie „fördern die pflanzliche Artenvielfalt. Sonst wird alles von Gras überwuchert“, sagt Renate Aigner, die Projektleiterin beim Tiefbauamt. Die entfernten Erdmassen werden übrigens nicht deponiert, sondern beim Bau des Neckaruferparks verwendet. „Dort wird dringend Material benötigt“, sagt Aigner. „Die unbelastete Erde vom Hainbach ist dafür sehr gut geeignet.“

Bundesgartenschau 2043 als Fernziel

Laut Sigel dient die Hainbach-Renaturierung auch der Vorsorge bei Starkregen: Die verringerte Fließgeschwindigkeit im neuen alten Bett und die Flächen, „die wir dem Wasser geben, wenn es über die Ufer tritt“, bildeten einen natürlichen Hochwasserschutz. Als eine von vielen Maßnahmen auf Esslinger Gemarkung steht die Renaturierung damit unter dem großen Vorzeichen der Anpassung an den Klimawandel, denn Starkregenfälle werden klimabedingt häufiger. Ebenso wie Hitzeperioden, wo ein naturbelassenes Feuchtgebiet für Abkühlung sorgt. Mit dem erfreulichen Begleiteffekt der Naherholung, die Wiesen, schattenspendende Bäume, Spazierwege und Spielplätze bieten. Und am ganz fernen Horizont erscheint die Bundesgartenschau 2043, für die sich Esslingen zusammen mit Ludwigsburg und der Region beworben hat. Dafür braucht es vorzeigbare Flächen.

„Platz für Hochwasser, Natur und die Seele, die man baumeln lassen kann“: So brachte Regionaldirektor Alexander Lahl das Projekt und den Förderzweck auf eine griffige Formel. Mit den nun wiedergewonnenen 250 Metern Bewegungsfreiheit für den Bach ist das Gesamtprojekt freilich noch nicht abgeschlossen, sagt Projektleiterin Aigner. „Weitere Maßnahmen sind angedacht, aber noch nicht spruchreif.“ Immerhin basiert die Renaturierung nicht nur auf städtischer Öko-Lust und -Laune, sondern auf einer gesetzlichen Grundlage. „Die EU-Wasserrahmenrichtlinie gibt vor, Gewässer in einen möglichst naturnahen Zustand zu versetzen“, sagt Aigner. Knackpunkt am Hainbach sind die Besitzverhältnisse. Eine Renaturierung setzt in den meisten Fällen voraus, dass die dafür erforderliche Uferfläche der Stadt gehört. Und dies ist keinesfalls im ganzen Hainbachtal der Fall. Immerhin hat sich die Stadt laut Aigner ein Vorkaufsrecht gesichert, sollten Grundstücke veräußert werden.

Auch die Forelle kehrt zurück

Seit 2022 ist der Hainbach zudem integriert in die damals beschlossene Biotopverbundplanung für Esslingen. Sie will systematisch ein Netzwerk von Lebensräumen für die unterschiedlichsten Arten schaffen – Fauna wie Flora, am und im Wasser. Letzteres war im denaturierten Hainbach recht leblos: „Wegen der hohen Fließgeschwindigkeit durch die Begradigung und das stärkere Gefälle konnten Fische nicht mehr den Bach hinaufschwimmen“, sagt Aigner. Künftig gibt’s zu Schuberts rauschendem Bächlein auch wieder das Forellenquintett. Inmitten von Wiesen und Auwäldchen, hochromantisch und doch in der Stadt.

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