Esslinger Intendant Friedrich Schirmer Ein großer Theatermann geht in den Ruhestand

Als Intendant sagt Friedrich Schirmer Adieu, im Parkett wird man ihn auch künftig sehen. Foto: Roberto Bulg/in

Er hat die denkwürdigste Intendantenkarriere des deutschen Theaters hinter sich: von Esslingen über Freiburg und Stuttgart auf den stürmischen Gipfel des Hamburger Schauspielhauses und zurück. Jetzt geht Friedrich Schirmer in den Ruhestand.

Seit 54 Jahren ist er an Bord, jetzt sagt Friedrich Schirmer den Theaterschiffen aller Bühnenweltmeere Adieu. Vier Jahrzehnte lang stand er auf den Kommandobrücken: in Freiburg, am Stuttgarter Staatsschauspiel, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und zweimal an der Esslinger Landesbühne (WLB). Als großer Ermöglicher und Entdecker von Regisseuren wie Martin Kusej, Stephan Kimmig oder Christof Loy hat er die Szene seit den 80er Jahren geprägt. Jetzt geht der 72-jährige WLB-Intendant in den Ruhestand.

 

Herr Schirmer, Sie verlassen das Theater. Verlässt das Theater bald auch uns?

Das Theater kann eines sehr gut: einen Vorgang aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen. In die Zukunft schauen kann es nicht, auch nicht in die eigene. Aber mir ist nicht bange um die Zukunft des Theaters. In welcher Form – ob hoch subventioniert oder höchst bescheiden – weiß ich nicht. Als betrachterabhängiges Medium verändert sich das Theater durch Beobachtung, wie in der Quantenphysik, und bleibt doch es selbst. Daran wird sich nichts ändern, solange es die Menschheit gibt.

Können Sie sich künftige Theaterästhetiken vorstellen?

Nein, ich bin froh, dass ich mir das nicht vorstellen muss – und dankbar, dass ich so lange meiner persönlichen Ästhetik folgen durfte: mit aktuellen Theatermitteln Geschichten erzählen, die Menschen berühren.

Sie wollen als Zuschauer dem Theater treu bleiben. Werden Sie Marcus Grube, Ihrem Nachfolger an der WLB, gelegentlich die Meinung sagen?

Ungefragt nicht. Marcus Grube und mich verbindet ein langes, tiefes Vertrauen. Wir haben uns fünfmal lautstark gestritten und jedes Mal wieder vertragen. Wir waren uns immer einig über Spielpläne, Besetzungen – und dass wir beim „Sie“ bleiben. Dieses „Sie“ verbindet uns in gegenseitigem Respekt. Ich weiß nur nicht, ob ich mich zum Zuschauer ohne Gestaltungsmöglichkeit eigne. Aber ich werde meinen Schmerz des Aufhörens nicht auf meinen Nachfolger projizieren.

Wie schwer fällt Ihnen das Abschiednehmen?

Es ist bittersüß, schön und schmerzhaft zugleich. Ich habe mit dem Theater zu tun, seit ich 13 war. Sich da abzulösen ist schwierig, aber auch befreiend.

Esslingen, Freiburg, Stuttgart, Hamburg und wieder Esslingen: Sie haben die denkwürdigste Intendantenkarriere des deutschen Theaters hinter sich. Was war für Sie der Höhepunkt?

Da waren so viele Höhepunkte. Die erste Esslinger Zeit mit einem Spielplan, der viel überregionale Kritik anlockte. Der Start in Freiburg, wo ich als exilschwäbischer Kleintheatermann galt und mich dann durchgesetzt habe. Aber der absolute Höhepunkt war Stuttgart. Ich hatte dort eine Reihe interessanter Angebote, aber es war richtig, in Stuttgart zu bleiben. Erst nach zehn Jahren kam das Veränderungsgefühl – und das Angebot aus Hamburg. Ich musste das annehmen, obwohl ich wusste, dass ich in Hamburg nicht glücklich werde.

„Ein Erfolg, den niemand sieht“

Der Gipfel als Tiefpunkt?

Immerhin, dass es das Hamburger Schauspielhaus noch gibt, das von der Politik kaputtgespart wurde, ist ein Erfolg, den niemand sieht, aber den ich mir zugutehalte. Danach dachte ich: Wenn die Theatergötter noch etwas mit mir vorhaben, mache ich es. Dass ich dann diese zweite Intendanz in Esslingen bekam, ist das größte Geschenk meines Lebens.

Bekannt geworden sind Sie als Ausgräber unbekannter, oft regionaler Stoffe. Wie sind Sie darauf gekommen?

Das war ein Rat von Burkhard Mauer, neben Hermann Beil einer der genialsten Dramaturgen des deutschen Theaters. Er sagte: „Stoffe, die dich interessieren, musst du in der Stadt finden, in der du arbeitest. Die interessieren dann auch das Publikum.“

Sie sind auch ein großer Entdecker von Theatertalenten.

Ich habe auf Tipps gehört. Martin Kusej zum Beispiel war ein Hinweis von Johann Kresnik. Viele Intendanten haben Angst, jemanden kennenzulernen, von dem sie nichts gesehen haben. Aber ich habe mich zuerst mal mit Kusej getroffen. So war es mit allen, ich habe das immer so gemacht. Mit Jürgen Kruse oder zuletzt mit Eva Lemaire, die jetzt in Esslingen inszeniert und die mir von Tom Blokdijk empfohlen wurde.

Sind Ihnen langjährige Weggefährten ebenso wichtig ?

Ja. Beim Ensembleaufbau hat sich oft ein Dreierschlüssel ergeben: Ein Drittel ist schon da, ein Drittel kommt neu hinzu, ein Drittel bringe ich mit. Menschen, die ich schätze und die mir vertraut sind. Bei meinem Neustart in Esslingen habe ich mir vertraute Schauspielerinnen und Schauspieler aus Stuttgart angefragt, die nicht gerade am Staatsschauspiel engagiert waren.

„Gerede vom Tod der Landesbühnen halte ich für Quatsch“

Ist das Modell Landesbühne mit seinem Gastspielbetrieb noch zeitgemäß?

Das Gerede vom Tod der Landesbühnen halte ich für Quatsch. In Relation zu seinen Möglichkeiten ist diese Art von Wandertheater das ökonomischste Modell. Ich kenne kein schnelleres, wendigeres Theaterschiff als die WLB. Das Publikum bewegt sich ja auch, die Bildungswurzeln schwinden. Shakespeare ist heute fast schon ein Randautor. Aber man muss solchen Entwicklungen nicht hinterherlaufen. Ich habe immer auch gegen die herrschenden Moden Stücke gelesen. Und das Publikum ist nach wie vor dankbar, wenn man sein Interesse weckt.

„Wer immer nur Erfolg hat, wird zum Idioten“

Was würden Sie heute anders machen?

Nichts. Es hatte so, wie es war, seine Richtigkeit. Wer immer nur Erfolg hat, wird zum Idioten. Man muss sich auch mal den Staub aus den Kleidern schütteln. Ohne Niederlagen keine Sternstunden. Ich hatte beides.

Die abgedankten Regiekönige von Peymann bis Castorf sitzen in Berlin herum und jammern über die Gegenwart. Haben Sie schon Ihren Platz reserviert am Veteranenstammtisch?

Nein. Ich hatte an dem Stammtisch nie einen Platz, sondern bin meinen eigenen Weg gegangen. Ich bleibe in Esslingen wohnen.

Leben vor und nach der Landesbühne

Biografie
 Friedrich Schirmer, 1951 in Köln geboren, begann seine Theaterarbeit gleich nach dem Abitur mit einem Steilstart: Am Landestheater Castrop-Rauxel fing er als Hospitant an, wenige Monate später war er Dramaturg. Mit 25 war er für eine Spielzeit kommissarischer Schauspielchef in Nürnberg. Seine erste Intendanz trat er 1985 an der Esslinger Landesbühne (WLB) an. Von 1989 bis 1993 leitete er das Freiburger Dreispartentheater, danach war er Schauspieldirektor, dann Intendant des Stuttgarter Staatsschauspiels. 2005 folgte er einem Ruf ans größte deutsche Sprechtheater, das Schauspielhaus Hamburg. 2010 trat er aus Protest gegen die Unterfinanzierung des Hauses zurück. Ab 2014 leitete er wieder die Esslinger WLB, zuletzt in einer Doppelintendanz mit seinem Nachfolger Marcus Grube.

Abschied
 Am 31. August 2024 geht Schirmer in den Ruhestand. Die WLB verabschiedet ihn mit einem Festakt an diesem Donnerstag, 27. Juni, 19 Uhr, im Esslinger Schauspielhaus. Der Eintritt ist frei, Karten müssen aber vorab an der Theaterkasse abgeholt werden.

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