Italien hat gewählt, Europa ist besorgt: In Esslingen lebende Italiener erwarten indes keine radikalen Veränderungen in ihrem Heimatland.

Europa ist beunruhigt, die Italiener nehmen es mit lockerer Verzweiflung: Kurz nach Giorgia Melonis Regierungsantritt platzt ihre Rechtskoalition, weil sie dem alten Berlusconi doch nicht den Steigbügel aufs hohe Ross des Staatspräsidentenamtes hält. Macht nichts, die Dame von den Postfaschisten koaliert dann einfach mit dem Partito Democratico, den Sozialdemokraten vom gegnerischen Linksblock.

„Ich glaube, dass vieles nur Worte bleiben werden“

Diesen Witz erzähle man sich jetzt in ihrem Heimatland, sagt Anna Gubiani, Italienerin und Dramaturgin an der Esslinger Landesbühne. Und da stecke alles drin, vor allem jene mit Sarkasmus gepaarte Verzweiflung über den Opportunismus eines politischen Systems, das nur um sich selbst und die Eitelkeit seiner Akteure kreise. Auch von Meloni, der ersten Rechtsaußen-Politikerin an der Regierungsspitze eines EU-Kern- und Nettozahlerlandes, erwartet Gubiani trotz der anderslautenden Rhetorik der Wahlsiegerin keine radikalen Impulse: „Ich glaube, dass vieles nur Worte bleiben werden.“

Permanenter Wechsel zementiert die Stagnation

Was indes keine Entwarnung für Italien bedeute, denn genau dieses Gefühl der Dauerkrise mit ihren permanenten Koalitions- und Regierungswechseln, die nur die Stagnation zementierten, treibe die Leute in die Resignation: Man wähle aus Protest oder gar nicht, sagt Gubiani. Statt Entscheidungs- gebe es nur noch Verhinderungswahlen.

„Es geht nicht um Ideologien, sondern um Geld“

Aus Sicht des Esslinger Accanto-Wirts Salvatore Marrazzo ging es denn auch bei der jüngsten Wahl nicht um Ideologien, sondern um Besitzstände, letztlich ums Geld, namentlich den „Reddito di Cittadinanza“, eine 2019 eingeführte, allerdings nicht bedingungslose Grundsicherung für Arbeitslose und Geringverdiener. Als ein zentrales Wahlkampfthema polarisierte der Reddito „gerade die Leute, die Geld nötig haben“, sagt Marrazzo und beruft sich auf Berichte von Freunden und Verwandten in Italien. „Wenn ein Rentner nur 210 Euro im Monat hat, fragen sich viele, warum junge Menschen ohne zu arbeiten mehr Geld vom Staat bekommen.“ Andere wiederum seien auf die Grundsicherung angewiesen. Meloni stellte sie in Frage und schlug offenbar Profit aus der so angefachten Debatte um Neid und Gerechtigkeit – außer im wirtschaftsschwachen Süden des Landes, wo die Fünf-Sterne-Bewegung punkten konnte, indem sie den Reddito für unantastbar erklärte.

Kein Interesse an internationaler Perspektive

Der Wahlausgang zeige, wie gespalten die italienische Gesellschaft sei, sagt Marrazzo. Für Gubiani kommt noch etwas anderes hinzu: „Die meisten Italiener interessieren sich nicht für die internationale Perspektive, gleichzeitig finden sie in Italien alles schlecht, vor allem die Politik.“ So sei Italien ein „Reich der Widersprüche: mit viel Egoismus, Intoleranz und Rassismus , aber ebenso viel Solidarität und Menschlichkeit.“

Bei den Auslandsitalienern wäre die Wahl anders ausgegangen

Dass bei den rund fünf Millionen im Ausland lebenden Italienern andere Perspektiven gelten, zeigt ebenfalls das Wahlergebnis: Unter ihnen hätte der Mitte-Links-Block gewonnen, allerdings knapp und mit sehr geringer Wahlbeteiligung – laut Zahlen des italienischen Innenministeriums nur 25 Prozent. Salvatore Virga, seit 1965 in Esslingen und Mitgründer des Italienischen Elternvereins, hebt denn auch europäische Eintracht hervor („Ich kenne keine Italiener, die gegen Europa wären“) und weist europäische Panik in die Schranken: „Italien ist auch nach der Wahl noch ein demokratisches Land.“ Ähnlich wie Gubiani glaubt er an „kein großes politisches Erdbeben“. Melonis Partei Fratelli d’Italia sei zweifellos rechts, aber ob rechtsextrem – das will Virga noch nicht beurteilen. Sein Sohn Francesco wird deutlicher: „Ich bin überhaupt nicht glücklich, dass meine Landsleute nicht imstande sind, jemand Anständigen zu wählen.“