Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 17 Jahren haben nach einer Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerks den Eindruck, dass es die Bundesregierung zu wenig kümmert, was junge Menschen denken. Und lediglich 15 Prozent finden, dass sich Lokalpolitiker für junge Menschen und deren Anliegen interessieren. Darüber kann man sich ärgern, man kann sich abwenden – oder man kann sich intensiver mit der Politik beschäftigen. Die Esslinger Kinder-Biennale will junge Menschen ermuntern, Politikern auf Augenhöhe zu begegnen und klar und deutlich zu artikulieren, was sie wollen und was nicht. Gelegenheit dazu bieten Politiker-Interviews, die die Biennale-Kids schon mehrfach in die Bundeshauptstadt geführt haben. Die Erfahrungen sind so gut, dass neue Formate wie Kinder-Kongresse und Podiumsdiskussionen geplant sind. Außerdem wollen die Initiatoren für die bundesweite Senkung des Wahlalters werben.
Zu Gast auf Schloss Bellvue
Mit einem Besuch beim damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck in Schloss Bellevue hat 2014 alles begonnen – seither wird die Liste der Interviewpartner immer länger: Bundeskanzler Olaf Scholz findet sich darauf ebenso wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann oder Berlins einstiger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, aktuelle und frühere Bundes- und Landesminister, aber auch die scheidende Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang, der Linke-Politiker Gregor Gysi, die Esslinger OB-Kandidaten oder zuletzt die Chefin der Bundesagentur für Arbeit und frühere SPD-Vorsitzende Andrea Nahles. „Es macht einen Riesenunterschied, ob man Politiker nur aus dem Fernsehen kennt oder ob man ihnen gegenübersitzt, sie fragen und seine Anliegen ansprechen kann“, weiß Margit Bäurle, die Projektleiterin der Kinder-Biennale. Das Vorurteil, dass junge Menschen keinen Zugang zur Politik hätten, kann sie nicht bestätigen: „Viele Entscheidungen betreffen Kinder und Jugendliche ganz direkt. Deshalb ist Politik für sie sehr spannend.“
Gerade in einer Zeit, in der viele einen Vertrauensverlust der Demokratie konstatieren, findet Margit Bäurle solche Begegnungen wichtig: „Man könnte vielleicht manches besser machen, aber es kann hilfreich sein, wenn sich durch Begegnungen gegenseitiges Verständnis entwickelt. Kinder und Jugendliche erfahren, was Politiker antreibt und weshalb sie so und nicht anders entscheiden. Für Politiker ist es interessant, was junge Menschen denken und erwarten. Das kann für Kinder und Jugendliche ein erster Schritt sein, sich aktiv zu beteiligen und für ihre eigenen Belange einzutreten.“
Türen öffnen sich immer leichter
Margit Bäurle ist beeindruckt von der selbstverständlichen Leichtigkeit, mit der gerade Jüngere den Polit-Profis gegenübertreten. Und sie hat festgestellt: „Ob Kinder, Eltern oder Organisatoren – alle sind politischer geworden.“ Ganz besonders trifft das auf Juri Oskar Eigel zu, der vor zehn Jahren als kleiner Kerl beim Bundespräsidenten zu Gast war. Inzwischen ist er 21 Jahre alt und studiert Politikwissenschaften und International Studies in Großbritannien. Er hat die Organisation der Politiker-Interviews übernommen, knüpft Kontakte und macht Termine. Für Margit Bäurle ist das eines der Erfolgsgeheimnisse: „Dass ein Student in Ministerien und Parteizentralen anklopft, öffnet uns viele Türen.“ So sind gute Kontakte entstanden. „Wir haben gemerkt, dass sich die Kinder-Biennale teilweise schon herumgesprochen hat. Inzwischen sind sogar manchmal Politikerinnen und Politiker von sich aus auf uns zugekommen“, verrät Juri Oskar Eigel, der die Bedeutung dieses Projekts betont: „Wir glauben fest daran, dass gerade bei jungen Menschen ein enger Kontakt zu den politischen Akteuren und spannende Gespräche eine prägende Erfahrung sind, aus der sie viel ziehen können.“
Die Erfahrungen sind meist sehr positiv: „Die Kinder stellen sehr informierte und ehrliche Fragen und lösen damit die verschiedensten Reaktionen aus“, hat Juri Oskar Eigel beobachtet. „Es gab aber auch mal einen Spitzenpolitiker, der sich dadurch angegriffen gefühlt und sehr schroff geantwortet hat. Die Kinder sind jedoch Profis und haben sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen lassen.“ Weil die Kinder-Biennale Partizipation leben und zeigen möchte, dass auch die Jüngsten gehört werden wollen, soll dieses Projekt ausgeweitet und um neue Formate wie Kinderkongresse und Podiumsdiskussionen ergänzt werden.
Politik aus anderen Blickwinkeln
Und was sagen die jungen Leute? „Ich fand es spannend, Politiker zu treffen, die sehr überzeugend für ihre Meinung einstehen konnten und trotzdem nahbar waren“, sagt Tine Berner (15), die gerne auch mal Annalena Baerbock interviewen würde. Andere möchten derweil Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder kennenlernen. Und der 14-jährige Lev Marynchenko verrät: „Nach den Interviews kann ich die Politik und die Politiker aus ganz anderen Blickwinkeln sehen.“
Die Kinder-Biennale im Kurzporträt
Idee
Die Künstlerin Margit Bäurle hatte die Kinder-Biennale 2009 zusammen mit Nicole Kreja gegründet. Heute steht dahinter ein gemeinnütziger Verein, der Angebote „für kreative kleine Köpfe“ auf den Weg bringt. „Wir sind Kontaktbörse und Ideenschmiede für Kreativ- und Mitmachprojekte für Kinder in Esslingen“, sagt Bäurle, die als Projektleiterin bis heute die treibende Kraft ist. „Wir achten darauf, dass Kinder aus sozial schwachen Familien oder mit Migrationshintergrund teilnehmen können.“ Für ihr Engagement wurde die Kinder-Biennale 2014 von der Initiative „Land der Ideen“ ausgezeichnet.
Netzwerk
Veranstaltungsreihen, Projekte, Workshops und Ausstellungen für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren werden in Kooperation mit Bildungseinrichtungen, Unternehmen, Medien und sozialen Einrichtungen organisiert.
Angebote
„Selbstbestimmtes kreatives Tun kommt im Alltag von Kindern heute meist zu kurz“, erklärt Bäurle. „Wir wollen Kindern die Möglichkeit geben, sich selbst zu erproben und sie unterstützen, ihre Kreativität zu zeigen. So wollen wir sie in ihren Talenten und damit ihrem Selbstwertgefühl stärken.“ Zu den Angeboten zählen die Mitarbeit an einer Ausstellung oder an einem Buch, kreative Workshops, Flash Mobs, das Verfassen eines Zeitungsartikels, die Zubereitung eines Menüs, das Bauen eines Modellautos, spannende Besuche in Firmen oder Interviews mit bekannten Persönlichkeiten.