Esslinger Kommunalpolitik FÜR-Stadträtinnen gehen ihren Weg

Mandatsträgerinnen und Mitglieder des Personenwahlbündnisses FÜR arbeiten Hand in Hand: Dilek Toy und Hubert Bauer bereiten eine Gemeinderatssitzung vor. Foto: Roberto Bulgrin

Seit 2004 ist das Personenwahlbündnis FÜR im Esslinger Gemeinderat vertreten – derzeit durch die Stadträtinnen Dilek Toy und Sigrid Cremer. Die beiden folgen nicht dem kommunalpolitischen Mainstream – die Konkurrenz zeigt ungeniert, was sie davon hält.

Reporter: Alexander Maier (adi)

2004 ist das Personenwahlbündnis FÜR erstmals in den Esslinger Gemeinderat eingezogen. Die Initiatoren waren mit dem Anspruch angetreten, „eine Alternative zu den bisherigen Fraktionen aufzubauen, die Alltagsprobleme der einfachen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, deren Sprachrohr im Gemeinderat zu sein und die Betroffenen zu ermutigen, selbst aktiv zu werden und ihre Interessen durchzusetzen“. Derzeit hat FÜR zwei Sitze im Esslinger Rat. Vieles, was Dilek Toy und Sigrid Cremer dort vertreten, unterscheidet sich deutlich vom kommunalpolitischen Mainstream. Und die Konkurrenz zeigt den beiden ungeniert, was sie davon hält. Cremer und Toy gehen ihren Weg, auch wenn ihnen der Gegenwind oft heftig ins Gesicht fegt. Das haben sie auch versichert, als die FÜR-Mitglieder bei einem Fest auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurückgeblickt haben.

 

Gemeinsame Ziele verbinden

Dilek Toy ist vor 20 Jahren durch ihr Studium nach Esslingen gekommen. Als alleinerziehende Mutter stand die gelernte Kinderkrankenschwester, die sich später als Diplom-Pflegeassistentin, Sozialarbeiterin und Trauma-Fachberaterin weiter qualifiziert hat, vor dem Problem, keinen Betreuungsplatz für ihren Sohn zu finden. „Irgendwann wurde mir klar, dass ich selbst aktiv werden muss und nicht darauf warten darf, dass andere mir helfen“, erinnert sie sich. So kam sie zur FÜR, die sich 2004 anschickte, erstmals in den Esslinger Gemeinderat einzuziehen. Hans-Georg Pabst holte damals das erste Mandat. Der Name des Personenwahlbündnisses steht für „fortschrittlich, überparteilich und rege“, eine demokratische und antifaschistische Grundhaltung verbindet die Mitglieder. Parteilose und Parteigebundene arbeiten zusammen.

Politische Gegner monierten früher gerne, dass manche FÜR-Mitglieder der MLPD angehörten, andere den Grauen. Gründungsmitglied Hubert Bauer hat das nie sonderlich berührt: „Unsere Arbeit ist überparteilich. Wer unsere Ziele mitträgt und sich zu unseren Grundsätzen bekennt, ist willkommen. Ob jemand einer Partei angehört, ist seine Sache.“ Die Arbeit ist getragen vom Gedanken der Gleichberechtigung aller in Esslingen lebenden Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft. Angestrebt wird ein solidarisches und kulturvolles Zusammenleben. Finanziert wird die Arbeit über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Kommunalpolitische Entscheidungen werden von Mandatsträgerinnen und Mitgliedern gemeinsam vorbereitet. Wer gewählt wird, spendet seine Sitzungsgelder in vollem Umfang an FÜR oder an gemeinsam festgelegte Projekte.

Häufig gibt es Kontra

„Wir setzen uns für ein lebenswertes Esslingen ein“, sagt Dilek Toy. Diesen Anspruch reklamieren auch andere Ratsfraktionen für sich, doch in der Frage, wie ein lebenswertes Esslingen aussehen und welcher Weg dorthin führen soll, unterscheidet man sich oft ganz erheblich. Ob Stadtentwicklung, Kita-Gebühren, sozialer Wohnungsbau, der Erhalt von Sportplätzen oder das Bekenntnis zum (inzwischen aufgehobenen) Bürgerentscheid zur Stadtbücherei – Dilek Toy und Sigrid Cremer geben häufig Kontra. Das kommt bei der Verwaltungsspitze und bei manchen politischen Gegnern nicht gut an. „Schade, dass man uns im Gemeinderat oft nicht mal zuhört und unsere Redebeiträge gar stört“, bedauert Toy. „Dass man andere Meinungen respektiert, gehört zur Demokratie. Wir lassen uns aber nicht entmutigen. Vieles, was man uns an den Kopf wirft, fällt auf die zurück, die sich respektlos über uns äußern. Wenn Argumente fehlen, wirft man uns halt vor, wir hätten keine Ahnung.“

Was die Stadträtinnen besonders ärgert: „Dass wir in der Debatte zum Haushalt nur vier Minuten Redezeit hatten, während es bei den großen Fraktionen bis zu 16 Minuten waren, fanden wir nicht demokratisch. Wir haben zum Haushalt so viel zu sagen wie jede Fraktion.“ 17 Anträge zum neuen Haushalt hatte das Personenwahlbündnis eingereicht – die meisten wurden abgelehnt. Unverdrossen will FÜR bei der Kommunalwahl am 9. Juni antreten. Die Kandidatinnen und Kandidaten werden am 18. Februar nominiert.

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