Esslinger Kreiskliniken Corona hinterlässt Spuren in der Krankenhausbilanz

Im neuen Hybrid-Operationssaal des Nürtinger Krankenhauses können Patienten während der Operation von einem hochmodernen Röntgengerät durchleuchtet werden. Foto: Britt Moulien

Corona geht allmählich in die Normalität über, hat die Krankenhäuser aber vor große wirtschaftliche Herausforderungen gestellt. Gleichwohl haben die Medius Kliniken des Landkreises Esslingen großen Pläne.

Kreis Esslingen - Wer heutzutage über eine Klinik reden will, kann von Corona immer noch nicht schweigen – obwohl die Pandemie jetzt vom tödlichen Wahnsinn eines Aggressors in den Schatten gestellt wird. Eines vorab: Bei den Medius Kliniken des Landkreises Esslingen sieht man sich gut gerüstet für die medizinische Betreuung von Flüchtlingen aus der Ukraine. Und was Covid anbelangt, nähere man sich trotz erneut steigender Inzidenzen der Normalität, sagt Sebastian Krupp bei seiner ersten Jahrespressekonferenz als Medius-Geschäftsführer seit 1. April 2021. Vorher war er Klinikleiter in Ruit, neben Kirchheim und Nürtingen einer der drei Standorte der gemeinnützigen GmbH. Von derzeit 49 infizierten Patienten in den drei Häusern – nicht alle wegen Corona eingewiesen – seien nur vier auf der Intensivstation.

 

„Der Virus entwickelt sich in Richtung Normalbetrieb“

„Der Virus entwickelt sich in Richtung Normalbetrieb“, sagt Krupp, was sich in der überwiegenden Zahl milder Verläufe abzeichne. Und zugleich politische Konsequenzen zeitige: Krupp erwartet keine Einführung einer allgemeinen Impfpflicht mehr. Gleichwohl gilt ab 15. März die Impfpflicht fürs Krankenhauspersonal – dazu zählen beispielsweise auch externe Handwerker, sofern sie regelmäßig im Haus arbeiten. Bei einer Impfquote von rund 90 Prozent unter den 3400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kann man indes gelassen bleiben. Einen Versorgungsengpass schließt Krupp aus, wie man überhaupt ohne merkliche Personalabwanderung durch die Pandemie gekommen sei. Auch mit arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen rechnet er nicht. Zwar müsse er gemäß Infektionsschutzgesetz die nicht geimpften Mitarbeiter ans Gesundheitsamt melden und dieses entscheiden, was mit ihnen passiert. Doch juristisch sei das weitere Prozedere ungeklärt, zumal die Impfpflicht vorerst nur bis Ende des Jahres gilt – und bis dahin noch kein Arbeitsgerichtsprozess abgeschlossen wäre.

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Etwas mehr Fragezeichen wirft Corona im Hinblick auf die Ertragslage auf. Insgesamt verzeichnet Krupp in den beiden vergangenen Pandemiejahren einen Patientenschwund von zehn Prozent – was paradox klingt, aber durch die „Blockierung der Intensivstationen“, die Hygiene- und Abstandsmaßnahmen bedingt ist. Da ein moderner Krankenhausbetrieb unter „Volllast“ kalkuliert sei, sagt Krupp, also mit einer Bettenbelegung von mindestens 80 Prozent, wirke sich Covid unmittelbar auf das Betriebsergebnis aus. Und dieses erreichte bei Medius im Jahr 2020 zwar noch einen Überschuss von 9,7 Millionen Euro und damit das Niveau der Vorjahre – allerdings nur dank der „damals noch sehr guten Kompensation der Coronaausfälle durch Bund und Land“, sagt Krupp. Für 2021 liegt das Ergebnis noch nicht vor, laut Wirtschaftsplan werden lediglich 7,3 Millionen Euro avisiert.

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Dieser Einbruch wirkt sich auf die Rücklage für bauliche und medizinische Investitionen aus, in welche die Überschüsse bei den gemeinnützigen Medius Kliniken komplett fließen. Immerhin werden die Maßnahmen und Anschaffungen mit einem Eigenanteil von 50 Prozent gestemmt, erklärt Krupp. Und man habe den Anspruch, bei den medizinischen Geräten stets auf dem technisch neuesten Stand zu sein.

Röntgen und Operieren gleichzeitig

So kommt die Durchleuchtung der Zahlen zum Beispiel jener der Patienten zugute; und zwar im neuen Nürtinger Hybrid-Operationssaal, wo während der gefäßchirurgischen Eingriffe der Körper mit Röntgentechnik durchsichtig gemacht werden kann. Der OP ist Teil des mittlerweile fertigen ersten Erweiterungsabschnitts. Der zweite soll bis 2024 realisiert sein. Kostenpunkt: insgesamt 65 Millionen Euro. Neben dem Ausbau der Gefäßchirurgie ist mit dem Projekt der Aufbau eines Zentrums für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sowie eine Vernetzung der Unfallchirurgie mit der neu eingerichteten Alterstraumatologie verbunden. „Der Fokus liegt darauf, alte Menschen nach Frakturen wieder fit zu machen für ein selbstständiges Leben“, erklärt Krupp.

Ambulante Behandlung wird wichtiger

In Kirchheim steht die Rheumatologie – „wohl die größte im Land“ – kurz vor wichtigen nationalen und internationalen Zertifizierungen. Und in Ruit wird der Baubestand aus den späten 1960er-Jahren saniert oder durch Neubauten ersetzt. Man reagiere damit auch, so Krupp, auf den parallel zur abnehmenden Zahl niedergelassener Ärzte wachsenden ambulanten Bedarf. Nicht zuletzt hoffen die Medius Kliniken auf Bewilligung von zwölf Millionen Euro aus den Fördertöpfen von Bund und Land für Digitalisierung, die „menschliche Fehler verhindert“, ist Krupp überzeugt. Das aktuelle Thema Cyberangriffe habe man auch auf dem Schirm.

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Die Medius Kliniken des Landkreises Esslingen

Gemeinnützig
 Die Medius Kliniken mit ihren drei Standorten in Ruit, Nürtingen und Kirchheim sind eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) des Landkreises Esslingen.

Patienten
 Die drei Häuser zusammen verfügen über knapp 1100 Betten. Im Schnitt werden jährlich über 46 000 Patienten  stationär und mehr als 125 000 ambulant behandelt.

Beschäftigte
 An den Medius Kliniken arbeiten zurzeit insgesamt rund 3400 Beschäftigte in Voll- oder Teilzeit (entspricht gut 2400 Vollzeitstellen). Seit 2016 mit damals 2060 Vollzeitstellen fand ein gezielter Personalaufbau statt. Mangel herrscht wie überall an Intensivpflegekräften.

Ausbildung
 Die Kliniken sind laut eigener Darstellung mit über 300 Ausbildungsplätzen in 15 Berufen größter Ausbilder im Kreis. Die Übernahmequote beträgt 80 bis 90 Prozent.

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