Esslinger Kulturtage „Le Chaim“ Jüdisches Festival zielt verstärkt auf junges Publikum
Der Unterstützerkreis jüdischer Kultur in Esslingen möchte mit dem Festival „Le Chaim“ jüdisches Leben sichtbar machen und Zeichen des Miteinanders setzen.
Der Unterstützerkreis jüdischer Kultur in Esslingen möchte mit dem Festival „Le Chaim“ jüdisches Leben sichtbar machen und Zeichen des Miteinanders setzen.
Jüdisches Leben hat seinen festen Platz in Esslingen. Die Synagoge Im Heppächer ist Kristallisationspunkt einer rührigen Gemeinde, mit dem Kauf einer neuen Thorarolle hat eine Initiative um den heutigen Ehrenbürger Wolfgang Drexler vor Jahren ein wichtiges Zeichen des Miteinanders gesetzt. Damit jüdisches Leben in Esslingen noch sichtbarer wird, lädt der Unterstützerkreis jüdischer Kultur vom 17. bis 30. November zum dritten Mal zu den jüdischen Kulturtagen „Le Chaim“ ein. Zusammen mit zahlreichen Partnern haben Wolfgang Drexler und Andrea Klöber als Sprecher des Unterstützerkreises zusammen mit ihrem Team ein facettenreiches Programm zusammengestellt, das mehr denn je auch junge Menschen ansprechen möchte. Der Titel des Festivals, ins Deutsche übersetzt, ist Programm: „Auf das Leben!“
„Wir wollen die Esslingerinnen und Esslinger jüdischen Glaubens in unsere Mitte nehmen“, hat Drexler oft betont. Vor Jahren rief er eine Spendenaktion zum Kauf einer neuen Thorarolle für Esslingens jüdische Gemeinde ins Leben und gewann dafür zahlreiche Unterstützer.
Die frühere Thorarolle war in der Reichspogromnacht 1938 vom nationalsozialistischen Mob zerstört worden. Dass fast 80 Jahre später etwa 40 000 Euro für eine neue Thorarolle zusammenkamen, war nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass es Drexler gelungen war, die Begeisterung für dieses Anliegen tief in der Bürgerschaft zu verankern. Für ihn ist aber klar: „Wir müssen unsere Anliegen immer wieder in die Stadtgesellschaft tragen.“
Deshalb war Drexlers Mission mit der feierlichen Übergabe der Thorarolle nicht beendet. Seit neun Jahren organisiert der Unterstützerkreis Veranstaltungen zum jüdischen Leben in Esslingen. Zum dritten Mal werden die Angebote verschiedener Partner nun unter dem Titel „Le Chaim“ versammelt. Neben dem Unterstützerkreis jüdischer Kultur sind der Verein Denk-Zeichen, das evangelische Dekanat, das evangelische Pfarramt für das christlich-jüdische Gespräch, die Freunde jüdischer Kultur, die israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs, das Kommunale Kino, das Kulturamt der Stadt, das Kulturzentrum Dieselstraße, das Stadtarchiv, die Stadtbücherei, das Schelztorgymnasium und die Württembergische Landesbühne dabei.
Dass „Le Chaim“ sehr gut in die Zeit passt, ist für Drexler keine Frage: „Antisemitismus ist in unserer Gesellschaft ein großes Problem, die Zahl der antisemitischen Straftaten nimmt zu. Das dürfen wir nicht zulassen.“ Veranstaltungen wie „Le Chaim“ sind nach Drexlers Überzeugung eine wichtige Möglichkeit, zu zeigen, wie sehr jüdisches Leben eine Gesellschaft bereichern kann. „Und ich habe den Eindruck, dass dieses Miteinander seit den Aktionen für eine neue Thorarolle, an der sich weite Teile der Stadtgesellschaft beteiligt haben, für viele Esslinger viel selbstverständlicher geworden ist“, betont der langjährige Landtagsabgeordnete und Kommunalpolitiker, der sich freut, dass jedes Jahr neue Partner das Festival mit ihren eigenen Beiträgen bereichern.
Drexler und seiner Co-Sprecherin Andrea Klöber ist es wichtig, gerade junge Menschen für dieses Anliegen zu begeistern. Deshalb freuen sie sich, dass sich das Schelztorgymnasium mit einem eigenen Schulprojekt beteiligt – einem Comic-Konzert mit Itay Dvori unter dem Titel „Vor allem eins: Dir selbst sei treu“. Das Kommunale Kino zeigt in zwei Schulvorstellungen den Film „Das kostbarste aller Güter“, der in animierten Bildern eine zutiefst bewegende Geschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs erzählt. Und auch die Literaturtage Lesart, die von der Stadtbücherei und unserer Zeitung veranstaltet werden, beteiligen sich: Cesary Harasimowicz stellt am 18. November sein Buch „Mirabelle“ vor – die Geschichte des Warschauer Stadtteils Muranów, erzählt aus der Perspektive eines Mirabellenbaums. „Junge Menschen sind unsere Zukunft“, sagt Andrea Klöber. „Wir freuen uns über jede Schule, die wir für unser Anliegen begeistern können.“
Das Programm von „Le Chaim“ ist breit gefächert: So folgt am 19. November eine Führung dem Weg der Thorarolle und lädt ein zum Streifzug durch das jüdische Esslingen. Der Regisseur Offer Avnon stellt seinen Film „Der Rhein fließt ins Mittelmeer“ am 20. November im Koki vor. Tuvia Ben Avraham lädt am 23. November zum Kalligrafie-Workshop ein, ein Lesekonzert erinnert am 23. November an 80 Jahre Kriegsende, das Stadtarchiv stellt am 25. November Quellen zum jüdischen Leben in Esslingen vor. Joachim Hahn untersucht am 26. November Einflüsse der jüdischen Herkunft auf Friedensreich Hundertwassers künstlerisches Werk. Und am 29. November wollen Itay Dvori und Nicole Schneider in einem Comic- und Live-Zeichnungs-Konzert im Sinne des Festivals Brücken der Freundschaft bauen.
Eröffnung
Mit einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ beginnen die jüdischen Kulturtage „Le Chaim“ am Montag, 17. November, im Econvent in der Ritterstraße 16. Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, und Michael Blume, der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, diskutieren, was Juden und Nichtjuden nach 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland verbindet.
Ausstellung
Die Ausstellung „Mein Leben war ein Auf-dem-Seile-Schweben“ beleuchtet vom 9. bis 23. November in der Franziskanerkirche Biografien von 15 jüdischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts.
Abschluss
Mit einem Konzert des Klezmer-Ensembles Dobranotch enden die jüdischen Kulturtage am Sonntag, 30. November, um 18 Uhr im CVJM-Haus in der Kiesstraße. Das Repertoire der Band, die in St. Petersburg gegründet wurde und seit 2023 in Deutschland zuhause ist, umfasst jüdische Lieder auf Russisch, Jiddisch und Hebräisch.