Wer kennt Kleist? Michaela Henze und Julian Häusser verkaufen beim Abi-Quiz oberflächliches Wissen. Foto: Tobias Metz
Mit Rap und Videokunst zeigt Intendant Marcus Grube an der Esslinger Landesbühne Abiturstoff anders. „Ach! Heinrich von Kleist reloaded“ holt Kleist ins 21. Jahrhundert.
Heinrich von Kleists erfolgreichstes Drama „Der zerbroch’ne Krug“ ist auf den ersten Blick eine etwas dröge Komödie. Dass das aus der Zeit gefallene Stück des preußischen Dichters aktueller denn je ist, zeigt die Esslinger Landesbühne in der turbulenten Klassiker-Revue „Ach, Heinrich! Von Kleist reloaded“.
Wer zwischen den Zeilen des Gerichtstags liest, in dem sich der Dorfrichter Adam selbst überführt, findet darin spannende Einsichten über die Unfähigkeit der Menschen, Recht uns Gesetz zu leben. In der 90-minütigen Literatur-Show surft das Ensemble der Jungen WLB nicht nur das Lebenswerk des Dichters, der sich im Jahr 1811 mit 34 Jahren das Leben nahm. Dabei geht Marcus Grube, der Intendant der WLB, weit über die Wissensvermittlung zum „Sternchenthema“ für Abiturientinnen und Abiturienten hinaus. Mit den Schauspielerinnen Michaela Henze, Nicky Taran und Julian Häusser holt er den 1777 geborenen Dichter ganz nah an heutige Lebenswelten heran.
Wo gibt’s denn sowas? Kleists „Amphitryon“ als Playmobil- Theater. Foto: Tobias Metz
Der Vergleich mit der rasanten Komödie „Shakespeares sämtliche Werke, leicht gekürzt“ aus dem Jahr 1987 von Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield ist weit untertrieben. Zwar surfen die jungen Schauspieler auch hier in atemberaubenden Tempo durch das dramatische Werk. Vor allem aber bieten sie in der Produktion für ein Publikum ab 15 Jahren Lesarten an, wie sich Kleists komplexe Dramenliteratur heute verstehen lässt. Dass Grube in der Produktion auf der kleinen Bühne im Podium 1 aus dem Vollen der digitalen Jugendkultur schöpft, verblüfft.
In Zeiten, da junge Menschen wieder auf die Straße gehen, um gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu demonstrieren, geht Kleists Biografie der Generation Z nah. Was es bedeutet, wenn junge Menschen in den Krieg ziehen müssen, zeigen Fernsehbilder der Kriege im Iran und in der Ukraine.
Auf dem Bildschirm im Hintergrund der Bühne mit drei Treppenstufen sind gezeichnete Szenen zu sehen, wie der preußische Dichter Kleist selbst im Krieg gegen Napoleon kämpft. In einer Graphic Novel zieht die Geschichte des jungen Menschen am Publikum vorbei. Die Tränen in seinen Augen berühren ohne Worte. Da lässt sich nachvollziehen, dass Kleists in seinem ersten Drama „Die Familie Schroffenstein“ die blutigen Kämpfe zweier Familien zeigt.
Kleist mit Musik und Video an der Esslinger Landesbühne. Foto: Tobias Metz
Eine Theatersprache für die „Digital Natives“ zu entwickeln, die mit TikTok, Instagram und Graffiti kommunizieren, hat Grube und dem jungen Ensemble sichtlich Spaß gemacht. Die Kostüme haben der Regisseur und Wesley Petermann, der die Kostümabteilung leitet, heutigen Schulhöfen abgeschaut. Der Bildschirm ist von einer schwarzen Mauer umrahmt. In die unteren Ecke ist in weißer Farbe das stilisierte Porträt des schreibenden Kleist gesprüht. Vor dieser kleinen Gedenk-Ecke legen die Spieler die Reclam-Hefte ab, die sie immer wieder verblüffend in Szene setzen.
Dass manchmal an den falschen Stellen gelacht wird, ist ein kleines Defizit des großartigen Theaterabends. Wenn Julian Häusser als Donald-Trump-Double auftritt, um den 1811 veröffentlichten Text „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ zu erläutern, ist das schlicht zu viel. Der Sprachdurchfall des US-Präsidenten ist an dem dramaturgisch so differenzierten, klugen Theaterabend schlicht daneben.
Wer hätte gedacht, dass sich Kleist schweres Kriegsdrama „Die Hermannsschlacht“, mit Mikro und wilden Dance Moves rappen lässt? Die Begeisterung der jungen Schauspieler steckt an. Der Kampf des germanischen Heerführers Hermann gegen Varus und seine römische Legion ist dann nicht mehr so schwer, so unverständlich. Mit gefühlvollen Songs, großartig interpretiert, zeigt das Ensemble die verletzliche Seite Kleists, den viele als „dunkle Seele“ beschrieben.
Krisengespräche mit der Halbschwester finden am Handy statt
Schön bringen Michaela Henze und Julian Häusser dessen Zerrissenheit in den „Briefen an Ulrike“ zum Klingen. Heute schreiben sich der Dichter und seine Halbschwester nicht mehr. Sie zücken ihre Handys und tauschen sich aus. Dass alle Theater Kleists Stücke zunächst ablehnten, weil sie den Grenzgänger zwischen Klassik und Romantik nicht verstanden, zeigen die griffigen Textpassagen stark.
Dass in seiner Sprache in einem Wort oft eine ganze Geschichte liegen kann, spiegelt das „Ach“ mit Ausrufezeichen. Liebe- und lustvoll verführt das junge Ensemble nicht nur Schülerinnen und Schüler dazu, ganz genau in diese Sprache hineinzuhorchen, die in „Penthesilea“ gar „zum Schlachtfeld“ wird. Da ist Kleist den Menschen im 21. Jahrhundert ganz, ganz nah.
Die nächsten Termine: 13. und 26. März im Podium 1 des Esslinger Theaters (Schulvorstellungen), 23. März und 11. April.