Priamos (Martin Theuer) und Kassandra (Lily Frank, rechts) kämpfen um die Wahrheit in „Kassandra und die Frauen Trojas“. Foto: Björn Klein
Magda Woitzucks Stück „Kassandra und die Frauen Trojas“ bricht mit alten Rollenbildern und macht den Trojanischen Krieg aktuell: Eine packende deutsche Erstaufführung in Esslingen.
Elisabeth Maier
01.03.2026 - 11:26 Uhr
Der Krieg um Troja beginnt in den Köpfen der Männer. Doch am Ende sind es genauso die Frauen, die Hass schüren und die ihre Söhne in den Krieg schicken. Die niederösterreichische Autorin Magda Woitzuck erzählt den Mythos in „Kassandra und die Frauen Trojas“ aus weiblicher Sicht. Regisseurin Jenke Nordalm zeigt in der deutschen Erstaufführung nicht nur, wie Frauen vor den Karren der Macht gespannt werden. Sie selbst sind es, die gegeneinander kämpfen.
Der Zicken-Krieg beginnt im Schauspielhaus der Esslinger Landesbühne schon in der ersten Szene. Da geraten die Schwestern Kassandra und Polyxena in Streit. Lily Frank und Eva Dorlaß schöpfen dieses aggressive Potenzial der Frauen gleich zu Beginn aus. Die 42-jährige Schriftstellerin Magda Woitzuck, vor allem bekannt durch ihre Hörspiele, findet 2023 im Mythos viele Parallelen zu ihrer Gegenwart im 21. Jahrhundert.
Der Krieg aus weiblicher Sicht
Ihr Blick auf den Krieg aus weiblicher Sicht holt die Superhelden der Antike mit erfrischender Distanz vom Sockel. Und auch die Rolle der Frauen legt Woitzuck differenziert offen. Dennoch bleibt der Text stellenweise plakativ. Priamos, einziger Mann im Text, kommt da als selbstherrliches Monster weg. Den undankbaren Part interpretiert Martin Theuer auf der Bühne spannend, indem er den König Trojas als modernen Machtmenschen zeigt. Die kitschige Krone, Symbol seiner Herrschaft, lenkt nicht vom knallharten Pragmatismus ab. Dass Theuer der Hassfigur liebevolle und väterliche Züge einhaucht, macht sie erst interessant.
Erbittert kämpfen die Frauen Kassandra (Lily Frank, rechts) und Polyxena (Eva Dorlaß). Foto: Björn Klein
Viel Potenzial billigt die Autorin seiner Tochter Kassandra zu, die er statt der Ältesten, Polyxena, zur Seherin macht. Im blutroten, ausladend geschnittenen Festkleid von Ausstatterin Vesna Hiltmann ist Lily Frank in der Rolle gefangen, die der Palast ihr und den anderen Frauen zugedacht hat. Sie sind da, um zu repräsentieren. Hiltmanns betörend elegante Kostüme, die die Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken, legen Fesseln der Mode offen. Da spielt sie auf Ideale der neuen Rechten im 21. Jahrhundert an, die Frauen im Namen der Schönheit grässliche Ideale aufzwingen.
Für den König zählt nur die Schönheit der Frauen
Dass nur Schönheit zählt, bringt Priamos knallhart auf den Punkt: „Es will einfach nicht in euren Schädel, dass es euer Fleisch ist, das ein Mann begehrt, und nicht eure Gedanken.“ Verstoßen von dem Patriarchen, schickt Lily Frank Kassandra auf eine bemerkenswerte Reise. Klug legt die Schauspielerin innere Kämpfe und Zweifel offen, mit der ihre Powerfrau hadert. Dass sie den Vater vor der Kriegstreiberei warnt, der sie aber kalt abblitzen lässt, raubt ihr die Fassung. Mit loderndem Temperament peitscht die Schauspielerin ihre Kassandra durchs Leben.
Ihre eiskalte Mutter ist eine jener Frauen, die sich blind dem Machthunger der Männer unterordnen. Ohne eine Miene zu verziehen, schickt Kristin Göpfert in der Rolle der Hekabe ihre Söhne in den Krieg. Die Kälte, mit der die Schauspielerin die Mutterfigur demontiert, schockiert. In quälend langsamen Bewegungen ist es sie selbst, die der Tochter Kassandra die Augen aussticht. Das nur, weil diese unbequeme Wahrheiten sah. Die Weisen, ganz mit militärgrünen Tüchern verhüllt, flüstern Kassandra Wahrheiten ein. Das schafft eine gespenstische Atmosphäre.
Die Weisen hauchen der Seherin Kassandra (Lily Frank) Wahrheiten ein. Foto: Björn Klein
Den Krieg und seine tödlichen Folgen, vor denen die Seherin immer gewarnt hatte, rückt Woitzuck näher und näher. Das zeigt nach der Pause Vesna Hiltmanns Bühnenbild, auf dem ein Flugzeugteil zu sehen ist. Dieser modernen Symbolik hätte es gar nicht bedurft, sie wirkt wenig schlüssig. Denn Regisseurin Nordalm gelingt es, die Atmosphäre des Kriegs und des Hasses auf sinnlicher Ebene abzubilden. Dabei gewinnt sie dem Stoff die Zeitlosigkeit ab, die er verdient. Ulf Steinhauers Klanglandschaft öffnet Räume. Da surren Fliegen, toben Kämpfe oder wehen Winde über die Opfer auf den Schlachtfeldern. Die Musik bringt Räume zum Klingen.
Magda Woitzucks Text ist hoch aktuell
In „Kassandra und die Frauen Trojas“ stehen die sieben Frauen des Esslinger Ensembles gemeinsam auf der Bühne. Zwar sind die Nebenfiguren in Woitzucks Text nicht alle gleich scharf gezeichnet. Aber der Regisseurin, die seit Jahren an der Landesbühne arbeitet, gelingt es mit den Schauspielerinnen doch, jeder ihr unverwechselbares Gesicht und ihre Geschichte zu geben. Da ist Andromache, die Elif Veyisoglu als liebende Mutter mit ihrem neugeborenen Kind zeigt. Dass ihr Sohn einmal Opfer der Kriege werden könnte, begreift sie erst spät.
Gesine Hannemanns Penthesilea ist alles andere als die verbissene Amazone, zu der sie die Geschichtsschreibung stempeln will. Mit dem ihr eigenen, erfrischenden Humor kontert sie Vorurteile. Da trifft die Intention der Autorin genau. „Bevor ich mir die Brüste abschneide, ändere ich den Bogen.“ Mut und Kraft ihrer trojanischen Prinzessin Briseis arbeitet Feline Zimmermann stark heraus. In der Rolle der Helena wächst Franziska Theiner weit über die Rolle des Kriegsopfers hinaus. Selbstbewusst und stark zeigt sie die Frau, die vom Prinzen Paris nach Troja verschleppt wurde – dieser Raub löste den Trojanischen Krieg aus.
Angesichts der bewaffneten Konflikte und der Kriege in aller Welt ist Magda Woitzucks Text hoch aktuell. Bis auf wenige Ausnahmen lässt sich die Regisseurin Jenke Nordalm nicht dazu verführen, die zeitlosen Bilder in eine begrenzte Gegenwart zu montieren. Woitzucks Botschaft ist stark. Gewisse Schwächen im Text macht das Ensemble durch eine geschlossen starke Leistung wett. Wenn Kassandra am Ende die Namen der Gefallenen spricht, unüberhörbar und laut, rückt der Trojanische Krieg für das Publikum ganz nah – so wie die heutigen Kriege. Denn es sind Menschen, die in den Kämpfen fallen, nicht die Strategen und nicht die Könige.