Esslinger Landesbühne Regisseurin mit Sinn für Humor – Die Teamspielerin hat Lust auf Neues

Die Regisseurin Catja Baumann schaut hinter die Fassade der Bühnenfiguren. Foto: Roberto Bulgrin

Tragik und Komik sind für die Regisseurin Catja Baumann kein Widerspruch. Die Stuttgarterin bringt am Esslinger Theater einen Film des Regisseurs Aki Kaurismäkis auf die Bühne.

Die Filme des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki zeigen Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Das findet die Stuttgarter Regisseurin Catja Baumann spannend. Im Schauspielhaus der Esslinger Landesbühne hat am Freitag, 16. Januar, ihre Inszenierung von „I Hired a Contract Killer“ Premiere. Beginn ist um 19.30 Uhr.

 

Was reizt die Regisseurin an den Filmen von Aki Kaurismäki? „Dass er Menschen in den Mittelpunkt seiner Erzählungen stellt, die wir sonst übersehen würden, und uns mit einer Mischung aus Melancholie und Humor immer einlädt, auch inmitten von Tristesse, Eintönigkeit und Einsamkeit Ausschau zu halten nach dem Absurden, dem Schönen und Verbindenden.“ Diese Vielschichtigkeit liegt der 45-Jährigen Regisseurin. Der Film aus dem Jahr 1991 ist ein Melodram.

Eine Szene aus „I HIred a Contract Killer“ an der Esslinger Landesbühne. Foto: Patrick Pfeiffer

Die gebürtige Tübingerin hat in Erlangen zunächst Theater- und Medienwissenschaften, Geschichte und Pädagogik studiert. Das Theater war schon damals die Leidenschaft der Pfarrerstochter. Dann absolvierte sie ein Regiestudium am berühmten Mozarteum in Salzburg. Als Regieassistentin am Theater Heidelberg setzte sie als Leiterin der neuen Spielstätte „Friedrich 5“ ganz neue Akzente. Mit der Theater-Soap „Friedrichstraße“ traf sie den Nerv des Publikums in der Universitätsstadt. Gemeinsam mit der Dramaturgin Katrin Spira und mit Heidelberger Laien setzte sie 2005 bis 2007 die Theaterserie in Szene, die sich schnell eine Fangemeinde erspielte. Profis, Amateure und Theaterlaien gemeinsam auf die Bühne zu bringen, gelang in diesem Format wunderbar.

Neue Formate: Theaterserien mit viel Witz und Hintersinn

In witzigen Szenen mit viel Hintersinn nahmen Baumann und Spira nicht nur den Theaterbetrieb aufs Korn. In den Plot der Serienteile flossen aktuelle Diskurse aus der Stadtgesellschaft ein. Zwei Staffeln und insgesamt 17 Folgen begeisterten das Publikum. Manch eine entdeckte sich in den schräg überzogenen Typen wieder, die das fiktive Stadttheater aufmischten.

Das Serienformat im Theater umzusetzen, fand die Regisseurin spannend. Auch am Stuttgarter Staatstheater etablierte sie als Leiterin der Spielstätte „Schauspiel Nord“ in der Spielzeit 2011/2012 eine Theaternovela. „Praxis Löwentorbogen“ lehnte sich an die lateinamerikanischen Telenovelas an, die mit viel Herzschmerz mitten die Emotionen des Publikums trafen. Eine eigene Spielstätte zu konzipieren, hat der jungen Regisseurin gefallen. Das Schauspiel Nord am Löwentor war nicht ganz einfach zu erreichen. „Das Publikum ans Haus zu binden, war für mich eine spannende Herausforderung.“ Mit ihrem Konzept begeisterte sie gerade ein junges Publikum fürs Theater.

Die Regiearbeiten verortet sie konsequent in ihrer Wirklichkeit

Wie konsequent Catja Baumann ihre Inszenierungen in der Gegenwart verortet, zeigte ihre Eröffnungsinszenierung von Shakespeares „Romeo und Julia“ in der neuen Spielstätte. Da gelang ihr nicht nur ein frischer, junger Blick auf den Text, in dem Lachen und Tränen so dicht beieinander liegen. Die romantische Welt der Liebenden übertrug sie in die Stuttgarter Wirklichkeit der Baulöwen und der Demos gegen Großprojekte. Mit den Protagonisten Till Wonka und Lisa Bitter interpretierte sie den Klassiker frisch, neu und berauschend sinnlich.

„Immer offen bleiben im Prozess, Impulse von außen und die Erfahrungen und Gedanken aller Beteiligter in die Arbeit einfließen lassen.“

Catja Baumann, Regisseurin

Dabei ist die Regisseurin eine begnadete Teamspielerin. Die Künstlerin versteht es, ihre Teams zu motivieren. „Immer offen bleiben im Prozess, Impulse von außen und die Erfahrungen und Gedanken aller Beteiligter in die Arbeit einfließen lassen“, so bringt sie ihre Theaterphilosophie auf den Punkt. Das Publikum der Esslinger Landesbühne kennt Baumann von ihren Arbeiten an der Jungen WLB. Da hat die Mutter einer Tochter 2023 „Der Tag an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat“ von Marc-Uwe Kling im Rahmen der Lesekiste auf die Bühne gebracht. „Himmelwärts“ von Karen Köhler hat sie im Mai 2025 inszeniert. Im Erwachsenentheater machte sie mit der Schauspielerin Gesine Hannemann „Niemand wartet auf Dich“ von Lot Vekemans.

Beim Blick auf ihre Theaterbiografie besticht Baumanns Vielseitigkeit. Am Staatstheater Braunschweig hat sie ebenso inszeniert wie an den Schauspielbühnen und der Komödie im Marquardt in Stuttgart. Dabei liegt ihr ein Komödienstoff wie „Loriots Dramatische Werke – Extended Version“ ebenso wie neue Dramatik. Wolfram Lotz’ „Die lächerliche Finsternis“ hat sie 2015 am Landestheater in Salzburg mit Schauspielstudenten des Mozarteums inszeniert. Auf ein Genre lässt sie sich nicht festlegen. „Tragische und komische Elemente sind für mich kein Widerspruch, sondern bilden immer eine Symbiose“, sagt die Regisseurin. Ihr komplexer Blick auf die Welt macht ihre Regiearbeiten so besonders.

Aki Kaurismäki im Theater

Der Filmregisseur
Die Filme des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki haben Fans in ganz Europa. Er studierte an der Universität Tampere Literatur- und Kommunikationswissenschaften. Neben Jobs, etwa als Briefträger oder in der Gastronomie, gab er an der Uni ein Filmmagazin heraus. Von 1979 bis 1984 schrieb er Filmkritiken für das Magazin Filmihullu. Das erste Drehbuch schrieb er 1980 für den Film Der Lügner (Valehtelija), bei dem sein Bruder Mika Regie führte.

Filmstoffe im Theater
Viele Bühnen haben die Filmstoffe Kaurismäkis auf die Bühne gebracht. „I Hired a Contract Killer“ an der Esslinger Landesbühne hat am Freitag, 16. Januar, um 19.30 Uhr im Schauspielhaus der Esslinger WLB Premiere. Die nächsten Termine sind am 22. und 24. Januar sowie am 6. Februar. Mehr Infos unter: www.wlb-esslingen.de

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