Esslinger Landrat Marcel Musolf Die Top 3 auf seiner Agenda – „Es sind wahrlich herausfordernde Zeiten“

, aktualisiert am 25.12.2024 - 13:12 Uhr
Landrat Marcel Musolf war zu Gast in unserer Redaktion. Foto: Roberto Bulgrin

Seit dem 1. Oktober ist der 39-jährige Marcel Musolf Landrat des Landkreises Esslingen. Die medizinische Versorgung nennt er als ein Topthema auf seiner Agenda. Im Interview spricht Musolf aber auch über persönliche Herausforderungen im neuen Amt.

Zehn Jahre lang gehörte Marcel Musolf der Fraktion der Freien Wähler im Esslinger Kreistag an. Jetzt, in seiner neuen Funktion als Landrat, ist der frühere Bürgermeister von Bissingen an der Teck Vorsitzender des 94 Mitglieder zählenden Gremiums. Seinen Dienst im Landratsamt hat der 39-Jährige am 1. Oktober angetreten. Zeit für eine erste Bilanz.

 

Herr Landrat Musolf – haben Sie sich schon an diese Anrede gewöhnt?

Inzwischen ja. Ich bin da aber ziemlich entspannt unterwegs. So förmlich muss die Anrede nicht unbedingt sein.

Wie schwer ist Ihnen der Rollenwechsel vom Bürgermeister zum Landrat gefallen?

Also vorher lagen gut 100 Meter Luftlinie zwischen meinem Wohnhaus und dem Rathaus in Bissingen. Das ist jetzt ein bisschen anders, die Verkehrslage macht mir an der einen oder anderen Stelle im Landkreis immer wieder zu schaffen. Doch vom Arbeitsweg mal abgesehen, hat sich für mich tatsächlich gar nicht so viel verändert. Natürlich ist der Aufgaben- und Verantwortungsbereich größer geworden, aber ich bringe das nötige Rüstzeug für dieses Amt mit. Ich gehe jeden Tag mit großer Freude zur Arbeit und bekomme einen immer besseren Einblick in die unterschiedlichen Strukturen einer so großen Verwaltung.

Lockerer Plausch: EZ-Chefredakteur Johannes M. Fischer, Landrat Marcel Musolf und SWMH-Geschäftsführer Herbert Dachs (von links). Foto: Roberto Bulgrin

Kennen Sie denn schon alle Mitarbeiter der Landkreisverwaltung?

Das zu behaupten, wäre übertrieben. Bei fast zweieinhalbtausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht das nur peu á peu. Ich bin natürlich schon in zahlreichen Themen mit den verschiedenen Ämtern im Austausch und habe dabei viele motivierte Mitarbeitende kennengelernt. Die Vorstellungsrunden werden aber weitergehen. Ich habe jedenfalls auch in den nächsten Wochen weiter vor, noch den einen oder anderen Verwaltungsstandort zu besuchen.

Was halten Sie davon, allen Mitarbeitenden das kollegiale Du anzubieten, wie es Ihr Reutlinger Amtskollege jüngst getan hat?

Ich lege sehr viel Wert auf einen wertschätzenden Umgang und eine dialogorientierte Zusammenarbeit mit der Belegschaft. Das habe ich früher so in Bissingen gehandhabt und diesen Anspruch nehme ich auch mit in die Esslinger Kreisverwaltung. Ein konstruktives, vertrauensvolles Miteinander ist mir ein wichtiges Anliegen. Und dabei spielt es keine bedeutende Rolle, ob man sich duzt oder siezt. Das Motto unserer Arbeitgebermarke lautet im Übrigen nicht umsonst: Gemeinsam Großes gestalten.

Gibt es in Krisenzeiten wie diesen überhaupt noch Gestaltungsspielraum?

Es sind wahrlich herausfordernde Zeiten und wir müssen künftig stärker Prioritäten setzen. Doch wir haben das Glück, dass unser Landkreis auf einem starken wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fundament gewachsen ist. Wir sollten die Herausforderungen mit der entsprechenden Motivation und einer gewissen Prise Optimismus angehen.

Ihre Zuversicht in Ehren, aber die finanzielle Lage des Landkreises Esslingen sieht nicht gerade rosig aus. . .

Ja, das stimmt. Die Jahre der Rekordüberschüsse im Kreishaushalt sind vorbei. Unsere Ausgaben, die zu einem erheblichen Teil von Bund und Land verordnet sind, steigen inzwischen deutlich stärker als unsere Einnahmen. Leider ist es derzeit auch so, dass die Erstattungen von Bund und Land zum Teil ausbleiben, Jahre später kommen oder in Summe viel zu gering ausfallen. So geht die Rechnung schlicht nicht auf. Es muss wieder das Prinzip gelten: Wer bestellt, bezahlt. Darauf müssen wir Bund und Land mit Nachdruck hinweisen. Ich bin fest davon überzeugt: Wenn alle staatlichen Ebenen und die kommunale Familie zusammenstehen, werden wir die anstehenden Aufgaben stemmen. Entscheidend ist aber unser eigener Gestaltungswille auf kommunaler Ebene.

Was fordert den Landkreis derzeit besonders heraus?

Nach wie vor stellen Unterbringung und Betreuung von Geflüchteten eine große Herausforderung dar. Unsere Prognose geht davon aus, dass zum Ende dieses Jahres 2200 bis 2400 Menschen aus aller Herren Länder in den 35 Gemeinschaftsunterkünften in 22 Städten und Gemeinden des Kreises untergebracht sein werden. Das beschäftigt uns in unterschiedlichen Aufgabenbereichen – von der Anschlussunterbringung über den Spracherwerb bis hin zur beruflichen Qualifizierung.

Welche drei Themen stehen auf Ihrer Agenda ganz oben?

Ich halte es für unabdingbar, dass sich der Landkreis Esslingen mit einem Strategieprozess auf den Weg in die Zukunft macht. Die Verwaltung und der Kreistag werden hier in einem mehrjährigen Prozess Handlungsfelder, Zielperspektiven und auch konkrete Ansätze für eine nachhaltige Entwicklung des Landkreises ausarbeiten. Die zweite große Herausforderung ist es, die medizinische Versorgung im Landkreis sicherzustellen, also sowohl die Medius Kliniken als auch den haus- und fachärztlichen Bereich zu unterstützen. Und drittens sind wir sehr stark im Bildungsbereich gefordert. Vor allem an den Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) sehen wir enorme Bedarfe an zusätzlichen Plätzen für die Zukunft.

Der Landrat schaute sich auch das kleine Museum der Eßlinger Zeitung an. Foto: Roberto Bulgrin

Ein neuer Landrat, ein neuer Kreistag – stimmt die Chemie?

Ich glaube, wir sind wirklich sehr gut gestartet. Natürlich mussten wir uns in der neuen politischen Zusammensetzung zunächst einmal zusammenfinden. Aber die ersten Sitzungen des Kreistages und seiner Ausschüsse haben gezeigt: Es ist durchaus möglich, konstruktiv zu diskutieren und Lösungen mit breiten Mehrheiten zu finden. Von Vorteil ist sicher auch, dass mich viele Ratsmitglieder aus meiner seitherigen Gremienarbeit kennen. Sie wissen, wofür ich stehe: für gegenseitigen Respekt und einen fairen Umgang in der Debatte.

Schauen wir einmal weit nach vorn: Wie sieht der Landkreis am Ende Ihrer ersten Amtszeit in acht Jahren aus?

Er wird im Jahr 2032 hoffentlich mindestens genauso schön sein, wie er heute ist: Ein Landkreis mit lebendigen Städten und Gemeinden, einer starken Wirtschaft, einer guten Infrastruktur, einer einzigartigen Kulturlandschaft und einem festen sozialen Zusammenhalt.

Das Gespräch führte Elke Hauptmann.

Zur Person

Sportliches
Marcel Musolf, geboren 1985 in Karlsruhe, wuchs in Schwenningen und Heidenheim auf, wo er das Sportinternat besuchte. In seiner Jugend nahm der Degenfechter an zahlreichen Europa- und Weltmeisterschaften teil und war mehrfacher Deutscher Meister. Den Leistungssport gab er schließlich für ein Studium an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg auf.

Berufliches
Der Verwaltungsfachwirt war von 2009 bis 2011 zunächst Kämmerer und Personalleiter in Bissingen an der Teck, wurde dann – mit damals 25 Jahren landesweit der Jüngste in diesem Amt – zum Bürgermeister der rund 3500 Einwohner zählenden Gemeinde gewählt und blieb es 14 Jahre lang. Ende Juli wählte ihn der Esslinger Kreistag mit 53 von 93 Stimmen als Nachfolger von Heinz Eininger (CDU) zum Landrat.

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