Esslinger Literaturtage Lesart Besonderes Kinderbuch: Ein Mirabellenbäumchen überlebt sogar das Ghetto

Der Dicke Turm bot eine stimmungsvolle Kulisse für eine besondere Lesung Foto: Roberto Bulgrin

Geschichte wird lebendig, wenn der polnische Autor Cezary Harasimowicz as seinem Buch „Mirabelka“ liest. Der Lesart bescherte er damit einen Höhepunkt.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Mitten in der polnischen Hauptstadt Warschau pulsierte vor dem Zweiten Weltkrieg jüdisches Leben. Doch der Krieg brachte Elend, Leid und Tod in den Stadtteil Muranów – aus einem Viertel, in dem es sich einst frei leben ließ, wurde ein Ghetto. Und als der Krieg vorüber war, waren viele der früheren Bewohner deportiert oder getötet und fast alle Häuser zerstört worden. Die ersehnte Freiheit blieb unter sozialistischer Herrschaft für viele ein Traum. Und auch der Judenhass war noch nicht ausgerottet. Stummer Beobachter war über fast hundert Jahre ein Mirabellenbaum, dessen Geschichte der polnische Autor Cezary Harasimowicz in seinem liebenswerten Buch „Mirabelka“ erzählt, das er anlässlich der Esslinger Lesart nun im Dicken Turm vorstellte.

 

Geschichte wird immer dann besonders greifbar, wenn man sie im Spiegel menschlicher Schicksale zeigt. So, wie das Cezary Harasimowicz in seinem von Marta Kurcewska zauberhaft illustrierten Buch „Mirabelka“ (Ariella Verlag, 18 Euro) gelungen ist. Die kleine Dorka mit dem roten Mantel, der Geiger Herr Isaak, der Kater Maciek, der Mietshaus-Besitzer Herr Friedmann, die Gebrüder Alfus, die in ihrer Manufaktur Karnevalskostüme herstellen, der Wachmann Herr Goldmann oder Romek, der wegen seiner mentalen Einschränkung immer Kind geblieben ist, oder Irena Sendler, die in der Nazizeit so viele jüdische Kinder vor der Ermordung bewahrt hatte – die Erinnerung an sie wird dank Cezary Harasimowicz wieder lebendig.

Ein Stück Verlässlichkeit in unsicheren Zeiten

Cezary Harasimowicz im Gespräch mit seiner Übersetzerin Alexandra Wolfinger. Foto: Roberto Bulgrin

Doch im Mittelpunkt dieser Geschichte, die ab acht Jahren empfohlen wird, aber wie jedes gute Kinderbuch auch Erwachsenen viel Freude bereiten kann, steht jener Mirabellenbaum, der jedes Frühjahr aus dem Winterschlaf erwacht, um die Menschen mit seinen Früchten zu erfreuen. Im Laufe eines Jahrhunderts hat Mirabelka, wie er im Polnischen heißt, Schönes, aber auch Schreckliches gesehen. Der Baum hat sich geduldig die Freuden und Sorgen der Menschen angehört, er hat vielen Hoffnung beschert, weil er Verlässlichkeit in unsicheren Zeiten versprach, er ist verschwunden und auf wundersame Weise zurückgekehrt.

Bettina Langenheim, die das Lesart-Programm fürs junge Publikum kuratiert, ist mit dieser Lesung, die auch das Programm der jüdischen Kulturtage „Le Chaim“ bereichert, ein Glücksgriff gelungen. Cezary Harasimowicz ist ein wundervoller Geschichtenerzähler. Wer ihm im Dicken Turm lauschte, wie er in polnischer Sprache einige Passagen aus „Mirabelka“ las, hat gespürt, dass dieser Autor die Menschen liebt. Und mit Alexandra Wolfinger hat er jene Übersetzerin mitgebracht, die seine Worte und Gedanken einfühlsam ins Deutsche übertragen hatte. Dass Harasimowicz so authentisch vom Leben im Warschauer Stadtteil Muranów zu erzählen vermag, liegt auch an seiner ganz persönlichen Nähe zu diesem Viertel: Der Autor ist dort aufgewachsen, im Hof des Nachbarhauses wuchs ein Mirabellenbaum.

Erinnerungen verschlugen dem Autor den Atem

Bernd Sprenzel (rechts) las Passagen aus Cezary Harasimowiczs berührendem Buch. Foto: Roberto Bulgrin

Eine Reportage der polnisch-jüdischen Autorin Hanna Krall hat Cezary Harasimowicz viel vom früheren Leben in diesem Viertel nahegebracht: „So habe ich die Fabrik für Karnevalskostüme der Gebrüder Alfus kennengelernt, die Geschichte Mirabelkas, die das Ghetto überlebt hatte, und die wunderbare Geschichte über die Geister, die in dem an der Walowa-Straße stehenden Haus erschienen seien“, verrät er. „Ich erinnere mich, wie es mir den Atem verschlug, denn es ist schließlich auch ein Teil meines Lebens.“ Und wenn man ganz genau hinhört, glaubt man auf einmal selbst, die wunderbaren Melodien zu hören, die auf der unsichtbaren Geige des Herrn Isaak gespielt werden.

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