Es kommt nicht alle Tage vor, dass man einem Buchpreisträger gegenübersitzt. Die Esslinger Literaturtage Lesart machten es möglich. Als Programmplanerin Dominique Caina im Frühjahr die literarischen Neuerscheinungen sichtete, weckte das neue Buch des österreichischen Autors Tonio Schachinger sofort ihr Interesse. Dass Caina das richtige Näschen hatte, bescheinigte ihr Monate später die Jury des Deutschen Buchpreises, die den Roman „Echtzeitalter“ mit höchsten Würden adelte. Nun stellte Schachinger sein preisgekröntes Werk im Saal des CVJM vor. Und das Publikum erlebte einen Autor, der trotz aller ehrenden Worte, die er zuletzt hören und lesen durfte, auf dem Boden geblieben ist.
Munterer Dialog auf dem Podium
Im munteren Dialog mit dem Moderator Björn Springorum zeigte der 31-jährige Autor, dass er den Buchpreis-Rummel sehr wohl einzuschätzen weiß. Schachinger hat die Momente, bevor die Jury ihre Entscheidung bekannt gab, noch plastisch vor Augen: „Das Schlimmste ist, genau zu wissen, dass man ständig gefilmt wird. Man fühlt sich wie ein Fußballer, der auf dem Bildschirm mit ansehen muss, ob er einen Elfmeter getroffen oder verschossen hat.“ Obwohl man vorher nicht wisse, müsse jeder Shortlist-Kandidat auf den großen Moment vorbereitet sein, sich schon mal den passenden Gesichtsausdruck zu überlegen und vorsorglich eine Rede in petto haben. „Am einfachsten haben es diejenigen, die nicht gewonnen haben. Die können sich nach der Verkündung einfach zurücklegen“, verriet Schachinger augenzwinkernd. Da musste Björn Springorum nachhaken: „Wird hinterher so richtig gefeiert?“ Auch da musste der Buchpreisträger mit möglichen Klischees aufräumen: Nach einem kleinen Absacker an der Hotel-Bar ging’s auch schon zu Bett, weil am nächsten Morgen bereits um acht Uhr das erste Interview wartete.
Und wie fühlt man sich mit etwas Abstand als Träger des Deutschen Buchpreises? „Es wird alles ein bisschen mehr“, ließ Tonio Schachinger sein Esslinger Publikum wissen. „Das ist ein viel größerer Schritt, als ich mir hätte vorstellen können.“ Dazu gehöre auch der eine oder andere Neider, der nach dem ersten Roman noch hinter vorgehaltener Hand gekrittelt habe, um sich nun mit seiner Kritik auch öffentlich am Preisträger abzuarbeiten. Doch Schachinger scheint viel zu sehr in sich und seiner Arbeit zu ruhen, um sich von seinem Weg abbringen zu lassen. Schon der Erfolg seines ersten Romans habe ihm viel erleichtert: „Ich habe mich beim Schreiben immer frei gefühlt. Nun gibt mir der Buchpreis noch mehr Freiheit. Und ich habe vor, das zu nutzen.“
Lust und Last des Erwachsenwerdens
Wenn Tonio Schachinger in „Echtzeitalter“ eine Geschichte aus einem elitären Wiener Internat erzählt, weiß er ziemlich genau, wovon er schreibt. In jungen Jahren besuchte er selbst das hochwohllöbliche Wiener Theresianum, und er hätte sich gut vorstellen können, selbst einmal Lehrer zu werden. Doch der Reiz der Literatur war stärker, dabei wäre der heute 31-Jährige gewiss ein besserer Pädagoge geworden als Schachingers Romanfigur Dolinar, der seinen Pennälern das Leben jeden Tag ein bisschen schwerer macht – ob allein aus Bosheit oder auch ein wenig mit dem Hintergedanken, seine Schüler auf die Härten des Lebens besser vorzubereiten, sei dahingestellt. Dem Schüler Till, der nicht so recht zum snobistischen Selbstverständnis der selbst ernannten kommenden Elite passen mag, gelingt es in den ersten Jahren, unter Dolinars Radar zu bleiben. Doch irgendwann trifft ihn der Bannstrahl des Klassenvorstands umso heftiger, und neben den ganz gewöhnlichen Irrungen und Wirrungen der Pubertät lasten mehr und mehr auch Dolinars Drangsalierungen auf dem Jungen, der im Unterricht versucht, möglichst wenig aufzufallen, um in seiner Freizeit mehr und mehr in die Welt der Computerspiele einzutauchen.
Tonio Schachinger weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt, als Schüler anzuecken. Schon deshalb begegnet er seinem Protagonisten mit Sympathie. „Ich lasse Till Zeit, sich zu entfalten“, verriet er im Gespräch mit Björn Springorum, der „Echtzeitalter“ auch als Gesellschaftsroman zu schätzen weiß. „Ich wusste am Anfang noch nicht genau, wohin Tills Reise gehen würde“, gab der Autor Einblick in seine Arbeit. Klar sei ihm nur gewesen, dass er den Schüler über die Dauer von acht Jahren begleiten wollte. Und dass sich viele beim Lesen an Erfahrungen ihrer eigenen Schulzeit erinnern würden. Dennoch sei das, was er da schildere, schon eine sehr besondere Schulzeit: Das elitäre Wiener Internat sei wie ein Biotop, darin das Klassenzimmer des Lehrers Dolinar mit seinen eigenen Regeln als Biotop im Biotop. Während der despotische Pauker seinen Schülern die Freude an Sprache und Literatur gründlich vermiest hat, lies sich Schachinger die Lust am Fabulieren von niemandem verderben. Den Leserinnen und Lesern wäre sonst ein reizvoller Roman entgangen – lebensnah, humorvoll und mit wohlwollendem Respekt gegenüber Schülern wie Till geschrieben.
Tonio Schachinger und sein Werk
Der Autor
Der österreichische Autor Tonio Schachinger wurde 1992 in New Delhi geboren und studierte später Germanistik, Romanistik und Sprachkunst in Wien. Bereits mit seinem ersten Roman „Nicht wie ihr“ machte Schachinger 2019 auf sich aufmerksam. Darin gibt er im Szene-Slang Einblicke in die Welt des Profi-Fußballs mit all seinen Höhen und Tiefen. Und er zeigt, dass Spieler oft nicht viel mehr sind als „Schachfiguren auf einem allzu zynischen Spielfeld“. Damit gelang ihm 2019 bereits der Sprung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Das Buch
Für seinen zweiten Roman „Echtzeitalter“ (Rowohlt Verlag, 24 Euro) wurde Schachinger, der in Wien lebt und arbeitet, 2023 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die Geschichte spielt in einem elitären Wiener Internat, wo Kinder aus besserem Hause für das Leben lernen sollen. Der Schüler Till kann weder mit dem Unterrichts-Kanon noch mit dem snobistischen Umfeld viel anfangen. Anfangs ist Till einer von vielen, doch im dritten Jahr gerät er ins Visier des despotischen Klassenlehrers Dolinar, den Schüler als Abbild des Fantasy-Bösewichts Lord Voldemort beschreiben. Dolinar hängt einem antiquierten Bildungsbegriff nach und drangsaliert seine Schüler ungeniert. Till pflegt derweil mehr und mehr seine Leidenschaft für Computerspiele. Stunden- und tagelang kann er sich in das Echtzeit-Strategiespiel „Age of Empires“ vertiefen. Dass sich der 15-Jährige nach und nach unter die Top-10-Spieler der Welt daddelt, ahnt in seinem Umfeld keiner.