Eine todesmutige Figur in schwindelnden Höhen am Schelztorturm: Der Turm-Name geht laut der Stadt Esslingen auf eine Familie Schelz zurück, die in der Nähe des Turms einen Hof betrieben hat. Foto: Roberto Bulgrin
Beim Zuschauen stockt der Atem: Die Figur am Esslinger Schelztorturm balanciert auf einem schmalen Balken. „Skywalker“ wird sie auch genannt. Zu Recht?
Simone Weiß
17.01.2026 - 16:00 Uhr
Höhenangst darf sie keine haben. Schwindelfrei sollte sie auch sein. Ein gutes Gleichgewichtsgefühl könnte zudem nicht schaden. Etwas wackelig und unsicher wirkt die Figur dennoch, die in schwindelnden Höhen auf einem schmalen Balken am Schelztorturm in Esslingen balanciert. „Skywalker“ wird die Todesmutige auch genannt. Ein passender Spitzname?
Skywalker – warum nicht? „Himmelsgänger“ oder „Himmelsläufer“ klingt gut. Schließlich ist die schematisch gestaltete Figur dem Himmel ganz nahe. Ihr Schöpfer hat seinem Kunstwerk einen hintergründigeren Titel gegeben: „...angekommen...“ nannte der Künstler Hubertus von der Goltz seine Skulptur.
Noch ohne Kunstwerk: der Schelztorturm mit dem Schelzwasen um 1900. Foto: Stadtarchiv Esslingen
Im Rahmen der „Esslinger Begegnungen“ von Donnerstag, 27. April, bis Mittwoch, 3. Mai 1989, sollte der 1941 im damaligen Ostpreußen Geborene eine Installation für den Schelztorturm entwerfen, teilt das städtische Kulturamt auf Anfrage mit: „Das Projekt wurde durch die Künstlergilde initiiert und mit dem damaligen Kultur- und Freizeitamt der Stadt Esslingen umgesetzt.“
Künstler schuf zuerst eine lighte Version seiner Skulptur
Der Künstler machte sich ans Werk. Zunächst hat von der Goltz laut städtischem Kulturamt ein 2,15 Meter hohes Objekt aus Fineply-Sperrholz angefertigt. Ihm schwebte aber noch eine robustere Alternative vor: „Der Künstler bot der Stadt eine wetterfeste Variante des Kunstwerks aus Aluminium auf Eisenstangen zum Kauf an“, heißt es vom städtischen Kulturamt. Von der Goltz sei ein Fan seiner eigenen Kreation gewesen: „Er selbst mochte die Installation und die Position auf diesem Turm sehr und war der Meinung, dass sie einen besonderen städtebaulichen Akzent setzt.“
Der Balanceakt zwischen Himmel und Erde am Schelztorturm überzeugte auch die Stadtverantwortlichen. Sie antworteten dem Künstler auf sein Kaufangebot: Die Figur komme an, werde allgemein sehr geschätzt, tue dem Stadtbild an dieser Stelle sehr gut. Die Kunstkommission stimmte dem Ankauf im Mai 1990 zu. Die Stadt Esslingen erwarb die Skulptur. Sie ist nicht die einzige Kreation des Künstlers im Stadtgebiet. Hubertus von der Goltz hat auch das Kunstwerk eines alten Mannes in Lebensgröße am Blarerplatz entworfen.
Der Künstler Hubertus von der Goltz hat die Skulptur „...angekommen...“ kreiert. Foto: Roberto Bulgrin
Doch „...angekommen...“ ist dank seiner Höhenlage sehr präsent. Die Silhouette einer menschlichen Figur sei fast schon zu einem Wahrzeichen, zumindest aber zu einer „signifikanten Wegmarke im Gefüge der Stadt“ geworden, teilte die Esslinger Verwaltung in einer Medieninfo anlässlich des 80. Geburtstages von Hubertus von der Goltz im Februar 2021 mit. Der Spitzname „Skywalker“ allerdings, wie die Figur auch genannt wird, werde der Skulptur nicht gerecht, heißt es in der Pressemitteilung. Die Skulptur sei „bewusst zwischen Himmel und Erde, zwischen Schicksalhaftigkeit und individuellem Aufbruch“ angebracht: „Auf diese Weise steht sie metaphorisch für die Fragilität unserer aller Lebensentwürfe.“
Den Menschen im Zerrspiegel zwischen eigenverantwortlicher Lebensplanung und unvorhersehbaren biografischen Wendungen versinnbildlicht die Skulptur auf atemberaubende Weise. Eine weitere Facette des Kunstwerks bildet nach Angaben der Stadt ihr „spielerischer Akzent, der ganz im Gegensatz zu dem noch immer schweren, massigen Turm steht“. Massig musste der Turm auch sein. Laut städtischen Infos war der Schelztorturm ursprünglich ein Teil der Stadtbefestigung. Im 19. Jahrhundert hatte sie ausgedient und stand der städtebaulichen Weiterentwicklung Esslingens im Weg. Ein Großteil wurde abgerissen.
In einer kleinen Reihe gehen wir Vorurteilen über Esslingen nach. Teile über die vermeintliche „Burg“, die Funktion des Stegs der Stadtkirche, den Marktplatz, den Hafenmarkt, die fehlende Kirchturmuhr von St. Dionys und die Katharinenlinde sind bereits erschienen.