Das Anschauen der Nachrichten bestätigt Katrin Radtke jeden Morgen und jeden Abend in ihrer Berufswahl. Internationale Krisen, nationale Befindlichkeiten, Kriege und Katastrophen zeigen der Esslinger Beauftragten für Städtepartnerschaften, dass sie den richtigen Job hat. Die große Politik, meint die 38-Jährige, könne sie nicht ändern. Aber ihre Arbeit auf kommunaler Ebene, das Schaffen persönlicher Kontakte über Landesgrenzen hinweg, das Agieren im internationalen Umfeld von Esslingen aus sei wichtig und könne deeskalierend wirken. Darum bleibt sie trotz aller Widrigkeiten bei den globalen städtischen Beziehungen am Ball. Corona, sagt sie, habe ihre Arbeit verändert, aber nicht ausgebremst. Und die Partnerschaft mit Molodetschno in Belarus bleibe eine Gratwanderung, die Fingerspitzengefühl erfordere.
Offiziell hört sie gar nichts mehr aus der Stadt, die etwa 50 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Minsk liegt. Die früher bestehenden Kontakte zur Verwaltung und zu Entscheidungsträgern in Molodetschno seien erkaltet oder gekappt worden, sagt Katrin Radtke. In der Zivilbevölkerung gebe es jedoch noch Kontaktpersonen, die sich vorsichtig-zurückhaltend äußerten. Was sie zu hören bekomme, sei besorgniserregend. Die Teilnehmenden an den im August 2020 gestarteten Demonstrationen gegen Präsident Alexander Lukaschenko würden noch immer per Gesichtserkennung gesucht und müssten mit Verhaftung, Strafverfolgung und Jobverlust rechnen. Auch vor Frauen oder Müttern mit Kindern machten die machtgierigen Machthaber nicht halt. Selbst Menschen, die sich in den sozialen Medien extrem vorsichtig und zurückhaltend äußerten, müssten Repressalien fürchten: „Wir hier würden diese Worte noch nicht einmal als Kritik empfinden.“ Schon das Tragen von Kleidung in den Oppositionsfarben Rot und Weiß könne verdächtig machen, berichteten die inoffiziellen Quellen von Katrin Radtke.
Unsicherheit und Angst
Neben der Sorge vor der Verfolgung Oppositioneller spürt Radtke bei ihren Gesprächspartnern auch die Angst, Belarus könnte in den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit hineingezogen werden. Viele Menschen fürchteten, dass einer ihrer Angehörigen an die Front müsse. Früher, berichtet Radtke, habe es einen regen Schüleraustausch mit Molodetschno gegeben– doch nun habe sie erfahren, dass in den Schulen der Partnerstadt der Deutschunterricht eingeschränkt worden sei und sich immer weniger Schüler für diese Fremdsprache entschieden. Dafür sei Chinesisch auf dem Vormarsch.
Für Katrin Radtke ist der Kontakt zu der belarussischen Partnerstadt ein kniffliger Balanceakt. Ganz möchte sie die seit 1989 gewachsenen Kontakte nicht einschlafen lassen, aber gefährden wolle sie eben auch niemanden: „Bei Gesprächen vermeiden wir Wörter wie Lukaschenko oder Angriffskrieg.“
Tun statt jammern
Doch nicht nur mit Molodetschno ist es schwierig. Auch die Coronapandemie hat das Kontakthalten erschwert. Bedauern wegen dieser Einschränkungen lässt Radtke erst gar nicht aufkommen: „Es nützt nichts, ständig zu jammern. Bei allen schlimmen Folgen hat Corona doch auch Chancen geboten.“ Der Online-Kontakt sei die Regel geworden – das erleichtere Begegnungen auf der virtuellen Ebene: „Man muss nicht immer ein Flugticket kaufen und hinjetten.“
Die Lockdowns habe sie zudem für die Vorbereitung einiger Herzensprojekte nutzen können. Mitte März fährt sie etwa mit Jugendlichen aus Esslingen und den Partnerstädten Velenje in Slowenien und Vienne in Frankreich nach Straßburg. Die Schüler sollen das Europäische Parlament kennenlernen und auf Basis der Erfahrungen gemeinsam ein Programm für den Europatag am 9. Mai erarbeiten. Was dabei herauskommt – Katrin Radtke lässt sich überraschen. Die Esslinger Delegation bestehe fast komplett aus hochmotivierten Jugendgemeinderäten. Das sei nicht geplant gewesen und müsse auch nicht die Regel sein – aber die jungen Leute seien sehr engagiert.
Modellprojekte aus Esslingen
Für die etwas Älteren gibt es auch etwas. Mitte Mai kommt eine dreiköpfige Delegation aus Sheboygan im US-amerikanischen Bundesstaat Wisconsin nach Esslingen, um sich verwaltungsintern über die Themen Klimaschutz und Städteplanung auszutauschen. Die Gäste wollen sich unter anderem die Esslinger Radwege und die Neue Weststadt anschauen. Ob es sich dabei um Vorzeigeprojekte handelt, können die Besucher dann selbst aufgrund ihrer eigenen Eindrücke entscheiden. Heidelberg und Neuschwanstein, die Lieblinge vieler US-Besucher, stünden nicht auf dem Reiseplan, erklärt Katrin Radtke sofort. Es solle ja kein Tourismusprogramm, sondern ein kommunaler Austausch werden. Es sind diese Begegnungen auf der menschlich-persönlichen Ebene, die ihrer Meinung nach so wichtig sind, um den internationalen Krisen ein kommunales Stück Krisenmanagement entgegenzusetzen.
Esslingen und seine Partnerstädte
Person
Katrin Radtke wurde 1984 in Ditzingen im Kreis Ludwigsburg geboren. Nach dem Abitur an ihrem Geburtsort studierte sie in Heilbronn Betriebswirtschaftslehre mit Kultur- und Freizeitmanagement. Danach setzte sie ihre Ausbildung in Süddänemark mit einem Studium der Fachrichtung Wirtschaft, Sprachen, Kultur und internationale Beziehungen fort. Katrin Radtke hat auch ein Praktikum in Mazedonien absolviert. Nach dem Masterabschluss arbeitete Katrin Radtke für eine Eventagentur, die Großveranstaltungen für Firmen und den öffentlichen Dienst organisiert. Für die Stadt Remseck arbeitete sie im Bereich Kultur, Sport und Soziales, seit 2008 ist sie auch für die Städtepartnerschaften der Stadt Esslingen zuständig.
Partnerstädte
Esslingen hat Partnerschaften mit Coimbatore in Indien, Eger in Ungarn, Molodetschno in Belarus, Neath in Großbritannien, Norrköping in Schweden, Piotrków Trybunalski in Polen, Schiedam in den Niederlanden, Sheboygan in den USA, Udine in Italien, Velenje in Slowenien, Vienne in Frankreich. Beziehungen zur Ukraine sollen intensiviert werden.