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Herr Vollbrecht, wie haben Sie die Coronazeit bislang ganz persönlich erlebt?
In den stillen Lockdown-Monaten mit viel Lektüre, Online-Formaten, Sport und durchaus düsteren Gedanken, in den entspannten Monaten recht hektisch mit aufgehäuften Terminbergen. Alles in allem fühle ich mich nach zwei Jahren doch sehr erschöpft.
Gibt es etwas, das uns die Philosophie für solche Zeiten lehren kann?
Die Philosophie war immer besonders wach, rege und ausdrucksstark, wenn das Leben sich in Umbruchzeiten befand. Ich bin mir sehr sicher, dass in den nächsten Jahren wichtige Impulse aus den philosophischen Werkstätten kommen werden. Ich halte es da mit einem Ausspruch Hegels, der sagte: „Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ Damit meinte er, die Philosophie deute das Vergangene, zu Prophetien tauge sie nicht. Und die vergangenen Tage zeigen uns tatsächlich einiges, denn die Pandemie ist ja wie ein Brennglas, in dem sich die gesellschaftlichen Probleme in Vergrößerung zeigen. Ich vermute, wir werden postpandemisch Debatten führen über das, was man im angelsächsischen Bereich „governance“ nennt, also Theorien und Praktiken des guten Regierens und Führens. Es wird um eine Neujustierung von persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Stabilität und Prosperität gehen. Wir werden wieder akzeptieren lernen, dass wir die Wirklichkeit nicht berechnend kontrollieren können, dass die Natur stärker und innovativer ist als wir. Wagnis und Risiko werden weitere wichtige Themen werden, die Pandemie entlässt uns in eine unglaublich spannende intellektuelle Welt.
Philosophie erzielt oft nicht die Breitenwirkung, die sie verdient hätte. Lässt sich der Zugang niederschwelliger gestalten, und hält auch die leicht zugängliche philosophische Hausapotheke für solche Zeiten Rezepte bereit?
Als ich vor einem Vierteljahrhundert den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, existierte noch kein philosophischer Markt. Das ist heute anders. Das Philosophieren ist zwar kein Breitensport geworden, aber die Marktplätze sind gut besucht, analog wie digital. Sendeplätze, Festivals, Lesungen, Zeitungskolumnen, dann Veranstaltungen jedweder Art, philosophische Reisen, die Szene ist sehr innovativ unterwegs. Von der Philosophie ist aber meiner Auffassung nach keine Rezeptur zu erwarten, mit der man sich gegen Krisen wappnen kann. Das Philosophieren besteht in der Lust am Denken, das ist die Arznei, daran gesundet die Seele.
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Corona lässt keinen kalt. Viele haben eine fest gefügte Meinung. Warum fällt es vielen so schwer, sich sachlich mit anderen auseinanderzusetzen?
Jede Äußerung hat einen sachlichen und einen persönlichen Anteil. Von den Kommunikationswissenschaften wissen wir – und das ist jetzt „Sache“ – dass der persönliche Anteil oft größer ist als der sachliche. Weil immer viel Person an der Sache klebt, verteidigen wir mit unseren Auffassungen immer auch unsere Person, unser Selbstwertgefühl. Dazu aber kommt noch etwas anderes. Martin Heidegger hat es das „Man“ genannt, das irgendwie in uns allen steckt: das Verlangen, sich anzulehnen, zu Kollektiven dazuzugehören, sich Auffassungen und Meinungen abzuschauen und eben nicht selbst zu denken. Das Kollektiv spielt da den Personenschutz. Mal mehr, mal weniger natürlich, und das Selber-Denken wäre dann die Lust, sich auch einmal ohne Personenschutz zu bewegen, sich selbst infrage zu stellen. Selbst dann, wenn man der festen Auffassung ist, man liege richtig.
Zahlen wir nun die Zeche für digitale Kommunikationsformen, die auf kurze und knappe Äußerungen setzen und bei denen Empörung und Haudrauf-Reaktionen alltäglich geworden sind?
Soziale Netzwerke bedienen nicht selten eine Erregungskultur, die ihre tieferen Wurzeln in dem hat, was ich die Kultur des Verdachts nenne. Da gibt es eine aufsteigende Linie, die mit der sokratischen Haltung des Zweifelns beginnt und über mehrere Stufen zur Kultur von Misstrauen und Verdacht führt. Auf der Strecke geblieben ist das gesunde Vertrauen in den guten Willen der Mitbürger. Als eine Gemeinschaft von Feinden kann eine Demokratie nicht funktionieren.
Müssten sich Philosophen häufiger zu Wort melden und nicht nur den TV-Kollegen das Feld überlassen?
Medial waren und sind Philosophinnen und Philosophen überaus stark vertreten, nicht erst seit der Pandemie. Aber auch ihnen hat das Virus immer wieder eine Nase gedreht, die Wirklichkeit kam und kommt da einfach immer anders. Wenn man heute, zwei Jahre später, die philosophischen Einlassungen zur Krise liest, auch die von wirklich namhaften Denkern der ersten Reihe, erscheint vieles davon doch recht kurzatmig. Die Pandemie hat die Halbwertszeit unserer Aussagen beträchtlich verkürzt. Das gilt auch für meine eigenen Versuche, mich mit dem Corona-Tagebuch zu Wort zu melden. Deshalb habe ich es nach neun Monaten eingestellt.
„Machen wir es der Angst nicht zu leicht. Erzeugen wir Zuversicht!“, haben Sie zu Beginn der Pandemie in Ihrem Corona-Tagebuch notiert. Ist das gelungen?
Ich war zu Beginn der Pandemie in einer Art Weltuntergangsstimmung. Der Untergang ist dann nicht eingetreten, Zuversicht allerdings auch nicht, dafür waren die Selbstheilungskräfte in unserer Gesellschaft einfach zu schwach. Was wurde zu Beginn nicht alles von Neustart geredet. Ein „neues Normal“, keineswegs das alte, eine grundlegende Revision unserer Weltbewirtschaftung stehe an, eine Transformation von Politik und Gesellschaft. Zwei Jahre später ist von solchen Tönen nichts mehr zu hören. Nein, Zuversicht sieht anders aus. Wir haben eine Chance vertan. Trotzdem geht das Leben immer weiter, und Pessimismus ist ein schlechter Ratgeber. Neue Generationen werden kommen, und wir Heutige sind einfach dazu verpflichtet, unsere Erkenntnisse über unsere Irrtümer an die kommenden Generationen weiterzugeben. Das ist auch eine Art von Zuversicht, nämlich die Hoffnung, das Leben werde obsiegen, auch wenn es immer wieder mit Blindheit geschlagen ist.
Selbstständiger Philosoph
Zur Person
Peter Vollbrecht wurde 1953 in Berlin geboren und lebt seit vielen Jahren in Esslingen. Das Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in Heidelberg, Bayreuth und New Delhi wurde für ihn zum Sprungbrett in eine selbstständige philosophische Existenz. Seit Jahren bereist er „philosophische Orte“ in Asien und Europa. Für die „Zeit“ hat er das Konzept der philosophischen Reisen entwickelt. Er leitet Denkwochen für die Wochenzeitung und für sein Philosophisches Forum in Esslingen, mit dem er Philosophie erzählerisch vermittelt.
Buch
Zuletzt hat Peter Vollbrecht gemeinsam mit Christoph Quarch das Buch „Aufbrechen“ (Legenda Q, 12.90 Euro) veröffentlicht, das philosophische Inspirationen für Reisende bietet.