Herr Ellée, Steven Walter hat das Podium seit 2009 geprägt. Wie fühlt es sich an, in seine Fußstapfen zu treten?
Es ist aufregend. Ich weiß aus meiner Erfahrung beim Ensemble Reflektor, wie sich der Übergang von den Gründern zur nächsten Generation anfühlt – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Ein Festival wie das Podium weiterzutragen, ist eine große Aufgabe. Steven ist nicht irgendwohin gewechselt, sondern zum Bonner Beethovenfest. Die Anerkennung, die er dadurch erfährt, strahlt auch auf seine bisherige Position.
Wie gehen Sie die Herausforderung an?
Es ist eine große Aufgabe, aber auch eine Chance, dieses Erbe fortführen und weiterentwickeln zu dürfen. Das Podium Esslingen ist eine Marke, die nur für beste Attribute bekannt ist: eine sehr flexible Produktionsplattform für junge, innovative nationale und internationale Konzertformate. Sie ist durchaus offen für andere Genres, denkt und arbeitet radikal zeitgenössisch.
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Einerseits wollen Sie Bewährtes bewahren, andererseits wollen Sie aber sicherlich auch eigene Ideen realisieren ...
Ich will das Podium liebevoll pflegen und zugleich die Chance haben, den gegenwärtigen Herausforderungen gerecht zu werden. Es geht mir nicht um das Bewahren im konservativen Sinne. Was ich erhalten will, ist die konsequente Offenheit für Neues. Das Festival soll sich jedes Jahr neu erfinden, ohne seine DNA zu verändern. Dass der Wechsel keinen radikalen Bruch bedeutet, zeigten die von Steven Walter und mir gemeinsam kuratierten Projekte wie der Soundwalk zur jüdischen Geschichte und Gegenwart in Esslingen oder das sommerliche Konzertwochenende im Kloster Bebenhausen.
Wo wollen Sie neue Akzente setzen?
Ein wichtiges Anliegen ist mir die Erkenntnis, dass es darum gehen muss, den gesellschaftlichen Auftrag als Kulturinstitution ernst zu nehmen. Dazu gehört eine größere Diversität bei der Auswahl der Komponistinnen und Komponisten sowie der Musikerinnen und Musiker. Wir wollen vermehrt auch Komponistinnen zur Geltung bringen. Und wir wollen Projekte realisieren, die größere internationale Perspektiven einnehmen – wie das Folgewerk des Oratoriums „Herkules von Lubumbashi“. „The Ghosts are returning“, eine Produktion europäischer und kongolesischer Künstlerinnen und Künstler, wird uns die nächsten zwei Jahre begleiten.
Wie wollen Sie dem gesellschaftspolitischen Anspruch an das Podium Esslingen in Zukunft stärker gerecht werden?
Wir werden uns verstärkt der Frage stellen, mit wem wir kooperieren, wenn wir die großen internationalen Themen ansprechen. Die Frage nach der politischen Relevanz unserer Projekte ist uns sehr wichtig. Es geht etwa darum, aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Klimakrise künstlerisch zu reagieren. Und wir wollen verstärkt die jüngere Generation mit diesen Themen in Verbindung bringen. Der Blick der älteren Generation auf die junge verengt sich nach meinem Eindruck sehr auf Fridays for Future und Klimaproblematik. Dabei ist das eine ganz vielschichtige Generation mit sehr komplexen Fragestellungen, die einen eigenen, sehr interessanten künstlerischen Output hat. Den auf die Bühne zu bringen, ist reizvoll.
Die sogenannten „alten weißen Männer“ werden von vielen Jüngeren auch nicht wesentlich differenzierter betrachtet ...
Das will ich gar nicht leugnen. Ich habe überhaupt nichts gegen Werke alter weißer Komponisten. Das ist wunderbare Musik, die absolut ihre Berechtigung und damit ihren festen Platz im Podium-Programm verdient. Mir geht es um mehr Diversität. Es gibt zum Beispiel fantastische Musik, die viel zu selten gespielt wird, nur weil sie von Frauen komponiert wurde. Solche Werke sollen mehr Geltung erhalten. Ziel muss es sein, eine gute Mitte zu finden. Es ist eine Stärke der klassischen Musik, dass sie den generationenübergreifenden Dialog anregen kann. Wichtig ist: Wir wollen relevante Themen auf der Bühne ansprechen. Nur so entsteht ein Dialog.
Das Podium wird gerne als Leuchtturm der Esslinger Kultur gefeiert. Jeder Leuchtturm braucht aber auch ein solides Fundament. Wo sehen Sie das?
Wir sind ganz bewusst das Podium Esslingen, nicht nur das Podium allgemein. Unsere Aufgabe ist es, eine Verbindung zwischen globalem Denken und einer starken Verortung im lokalen Kontext herzustellen. Das Podium soll sich noch stärker zur Stadt hin öffnen und noch intensiver partizipatorische Ansätze pflegen. Wir wollen Stück für Stück Projekte integrieren, die professionelle Musik und Laienmusik in Esslingen verbinden. Erste Schritte haben wir mit einer angestrebten Kooperation mit Uwe Schüssler und der Stadtkirchen-Kantorei eingeleitet. Wichtig ist, dass auf der Bühne etwas passiert, womit sich das Publikum identifizieren kann.
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Das Education-Programm ist ein wichtiger Teil im Podium-Konzept. Mit Wiebke Rademacher geht eine Top-Expertin. Wie wollen Sie ihre Arbeit fortführen?
Wiebke wird uns als Leiterin des Education-Bereichs zwar fehlen, wir sind aber sehr froh, dass sie uns in ihrer neuen Funktion als Professorin weiter verbunden bleibt und auch in Zukunft mit uns kooperieren wird. Nächstes Jahr werden wir wieder Teil des Kulturrucksacks sein und dafür Teile ihres Konzepts auffrischen. So soll es weiterhin Pop-up-Konzerte an Schulen geben. Darüber hinaus setzen wir unsere Zusammenarbeit mit dem Stegreif-Orchester in Musikvermittlungsworkshops fort und planen eine Kooperation zwischen Ensemble Reflektor und Musikschülerinnen und -schülern aus der Region.
Zur Person
Joosten Ellée
Der klassisch ausgebildete Geiger wurde 1992 im ostfriesischen Leer geboren und ist dem Podium Festival seit Jahren verbunden. Unter anderem stand er mit dem Ensemble Continuum beim Projekt „Schlafes Bruder“ in Esslingen auf der Bühne. Mit dem von ihm 2015 mit gegründeten Ensemble Reflektor, bei dem er als ehemaliger Vorstandsvorsitzender noch als Konzertmeister aktiv ist, experimentiert Ellée hinter den Kulissen mit basisdemokratischer Entscheidungsfindung und auf der Bühne mit der Integration von Kunstvermittlung ins Konzerterlebnis.
Festivalgründer
Auch als Festivalgründer hat Ellée Erfahrung: Das Reflektor-Festival „ultraBACH“ fand erstmals 2019 in Lüneburg statt und entwickelte zwischen Clubnacht und groß besetztem Orchester neue Formate. Für den Spielfilm „Live“ hat Ellée den Soundtrack komponiert.