Esslinger Podium Festival Warum Stillsitzen nicht zur klassischen Musik gehört

Wiebke Rademacher (links) in Aktion bei einem Mini-Konzert im Kindergarten im Rahmen von Podium „Education“.Wiebke Rademacher Foto: Gaby Weiß

Acht Jahre lang war Wiebke Rademacher aus dem Team des Esslinger Podium Festivals nicht wegzudenken – nun such die Musikwissenschaftlerin eine neue berufliche Herausforderung.

Es war die Vielfalt an Aufgaben, die Wiebke Rademacher am Esslinger Podium Festival gereizt hat: Sie hat als Gitarristin Mitmach-Konzerte in Kindergärten gegeben, bei Workshops mit Jugendlichen Instrumente gebaut, sie hat als Leiterin der pädagogischen Sparte „Education“ konzeptionelle Arbeit geleistet, sie hat verwaltet, organisiert und auch mal eimerweise Rindenmulch geschleppt: Bevor die Musikwissenschaftlerin nun nach acht erfolgreichen Jahren dem Podium den Rücken kehrt und sich eine neue berufliche Herausforderung sucht, hat sie sich den Fragen unserer Zeitung gestellt.Esslingen -

 

Das Podium Festival bringt Musik auch an ungewöhnliche Orte – warum?

Es hat sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt, dass man klassische Musik nur diszipliniert im Konzertsaal sitzend, nicht essend, rauchend oder sich unterhaltend genießt. Wir von Podium lieben klassische Musik. Aber wir finden es eintönig und eindimensional, immer nur still zu sitzen und zuzuhören. Wir hatten Lust, auszuprobieren, was diese Musik noch alles kann, wenn man sie in unterschiedliche Kontexte setzt. Für uns ist die Musik keine heilige Kuh, die man nur in dieser tradierten Form präsentieren darf. Wir sehen Musik als Humus, mit dem man arbeiten und Erlebnisse schaffen kann.

Was ändert sich, wenn man klassische Musik aus dem Elfenbeinturm holt?

Wenn man den Bildungscharakter nicht so stark betont, dann können viel mehr Menschen an Kunstmusik teilhaben. Es ist bei einem Konzert überhaupt nicht notwendig, dass man bei den ersten drei Tönen bereits erkennt: Ah, das ist jetzt Beethoven. Deshalb verraten wir auch vorher nicht, welche Stücke zu hören sind. Wir sagen: Komm einfach her! Hör dir das an! Schau, was die Musik mit dir macht! Wenn das Publikum überrascht wird, kann es sich ganz anders auf die Musik einlassen.

Sie wollen klassische Musik ganzheitlich erfahrbar machen. Was heißt das?

Die Idee, Musik im dunklen Konzertsaal mit dem Fokus auf die helle Bühne wahrzunehmen, schaltet den Körper aus und lässt einen die Musik nur über den Intellekt aufnehmen. Musikhören ist aber eine körperliche Angelegenheit. Die neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass Musik das vegetative Nervensystem beeinflusst. Wenn ich Musik im Liegen, im Stehen, in Bewegung oder beim Tanzen höre, macht das neue emotionale Räume auf. Als Musikvermittlerin kann ich ermöglichen, dass die Menschen hinhören, dass sie die Musik mit ihrem Körper erfahren und dass sie darüber reflektieren, was die Musik in ihnen auslöst. Im Dialog lassen sich Körper, Emotion und Intellekt verknüpfen.

Die Welt wird immer turbulenter – was kann Musik fürs Wohlbefinden leisten?

Vieles. In Kitas, Schulen, Altenheimen und im öffentlichen Raum haben wir mit unseren Pop-Up-Konzerten in diesem Jahr rund 1850 Menschen erreicht. Wenn ich in die Gesichter der Menschen geschaut habe, habe ich gesehen, wie sehr sie nach diesen eineinhalb Jahren Pandemie nach authentischer Kunsterfahrung dürsten. Wie sehr sie sich freuen, kurz innezuhalten, zuhören zu dürfen, die Vibrationen der Musik zu spüren. Dieses Herunterkommen ist Gold wert in Zeiten, in denen man ständig auf Sendung ist, ständig mit neuen Eindrücken konfrontiert wird, ständig weiterklickt. Das ist wichtig für die Psycho-Hygiene.

Was hat sich seit den Anfängen des Festivals verändert?

Anfangs hatten wir einen Küken-Bonus, da klappte auch mal was nicht. Wir haben viel dazugelernt, es wäre aber schade, wenn wir immer noch die gleichen Fehler machen würden wie zu Beginn. Mit dem Wachstum gibt es einen neuen Anspruch an Professionalität. Darauf sind wir auch stolz. Dass wir nicht nur ein verrückter Haufen in der schwäbischen Provinz sind, sondern dass wir in Deutschland und in Europa sichtbar sind.

An welche „Wow“-Erlebnisse beim Podium werden Sie sich erinnern?

Das ist eine lange Liste. Unvergesslich ist mir die „Ode an Europa“ 2019, als eine riesige Bandbreite an Mitwirkenden, Ausnahmemusikern und eine Schulklasse, mit der ich eine Woche gearbeitet hatte, in der WLB mit zeitgenössischer Kammermusik und hochliterarischen Texten Visionen für ein neues Europa zeigten. Beim Podium kommen Menschen zusammen, die ein Anliegen haben, die etwas verändern wollen. Solange man brennt für die Sache, kann man hier fast alles verwirklichen, auch die kuriosesten Ideen. Hier heißt es: Super, mach’ das. Hier gibt es viel Urvertrauen für Menschen und Ideen. Und natürlich bleiben viele Beziehungen, die entstanden sind: Zum Team, zu Musikern, zu Lehrerinnen und Lehrern, zu den Esslingern, zu Menschen unterschiedlichster Herkunft. Diese Vernetzung in der ganzen Stadt findet man auf anderen Festivals nicht.

Was nehmen Sie aus Esslingen mit?

Während der acht Festivals habe ich mehr gelernt als in meinen ganzen Studiengängen zusammen. Es gibt keinen Ort, wo man besser lernen kann. Und zwar die unterschiedlichsten Dinge wie Kalkulation, Projektmanagement, Fördermittel einwerben oder Kommunikation. Und diese riesige Vielfalt an künstlerischen Projekten, die ich hier realisieren durfte, wappnet mich. Wenn mich jetzt jemand fragt: Wir brauchen dieses oder jenes, kriegen sie das hin? Dann sage ich: Das kriege ich hin. Diese Grundeinstellung, keine Angst vor der Welt zu haben, das ist das größte Gut, das ich von hier mitnehme.

Zur Person

Wiebke Rademacher Die Musikwissenschaftlerin (Jahrgang 1990) begann im Alter von fünf Jahren Gitarre zu spielen. Sie hat in Köln, Maastricht, Basel und Detmold Musikwissenschaft, Geschichte, klassische Gitarre und Musikvermittlung/Musikmanagement studiert. 2020 wurde sie an der Universität Köln im Fach Musikwissenschaft mit der Arbeit „Jenseits der Konzertsäle. Klassische Musik für breite Bevölkerungsschichten in Berlin um 1900“ promoviert. Seit 2014 leitete sie den Bereich „Education“ des Podium Festivals. Darüber hinaus ist sie als Lehrbeauftragte an diversen Universitäten und Musikhochschulen im Rheinland tätig, hält wissenschaftliche Vorträge im In- und Ausland und ist freiberuflich als Musikvermittlerin, Dramaturgin und Beraterin aktiv.

Besondere Fähigkeiten Bei acht Esslinger Festivals war Rademacher selten aus der Ruhe zu bringen: „Ich habe Monobrauen-Schminkkompetenzen entwickelt, mich ins Schweizer Zollwesen eingearbeitet, mit einem Orchester summend auf dem Boden gelegen, Strauß-Lieder für Gitarre bearbeitet und auf Kinderstühlchen gespielt, mit Jugendlichen Goldbergvariationen in der Dessous-Abteilung eines großen Warenhauses angehört, in Luxemburg Hemden mit Wodka gebügelt, im Diakonie-Laden kuriose Gegenstände gekauft … Was man halt so tut.“

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