Joosten Ellée hat das Profil des Esslinger Podium Festivals weiter geschärft und damit auch neues Publikum erreicht. Foto: Roberto B/ulgrin
Klassische Musik ist nicht jedermanns Sache. Das Esslinger Podium Festival möchte Musik neu erlebbar machen und ihr gesellschaftspolitisches Potenzial zeigen. Das kommt mehr und mehr auch bei Menschen an, die keine ausgewiesenen Klassik-Fans sind.
Alexander Maier
29.03.2025 - 18:00 Uhr
Rund 100 Künstlerinnen und Künstler werden beim Podium Festival vom 8. bis 18. Mai in 23 Konzerten an 19 verschiedenen Orten in Esslingen zu hören sein. Die konzeptionellen Fäden laufen beim künstlerischen Festivalleiter Joosten Ellée zusammen, der auch selbst als Musiker zu hören sein wird. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Ellée das Konzept des Festivals, und er wirbt dafür, gerade in schwierigen Zeiten wie diesen die Kreativität, die verbindende Kraft und das visionäre Potenzial von Kunst und Kultur weiter zu stärken.
Das Podium Festival steht diesmal unter dem Motto „Trotz und Träume“. Ist dieser Titel eine Reaktion auf die Irrungen und Wirrungen unserer Zeit?
Ich denke schon. Dieser Titel stand nicht am Anfang unserer Planungen, aber als das Programm fast fertig war, ließ sich ein roter Faden erkennen. In vielen Beiträgen setzt die Musik den politischen Entwicklungen mutig etwas entgegen. Und zwar nicht belehrend, sondern auf utopische Weise. Deutschland war immer stolz darauf, ein Land der Dichter und Denker zu sein. Künstlern und Künstlerinnen oblag es, Visionen und Utopien zu formulieren. Jetzt sind wir wieder in einer Zeit, in der das dringend notwendig ist und in der auch die Politik zusehen sollte, dass die Formulierung von Utopie durch die Kunst wirklich sehr gut bearbeitet werden kann.
Die Zusammenarbeit mit lokalen Ensembles ist wichtig. Foto: Gaby Wei/ß
Wofür steht „Trotz und Träume“?
Das ist unser Manifest für eine Welt, in der wir leben wollen, und gegen all das, was diesem Land nach unserem Gefühl nicht guttut. Die Kulturszene zeichnet sich durch große Diversität aus, und sie folgt einem freien Kunstbegriff, der vor denen beschützt werden muss, denen Freiheit, Toleranz und Vielfalt nicht behagen. Dafür stehen auch viele große Werke der Musikgeschichte. Einige von ihnen wollen wir genauer anschauen und gegenwärtige Antworten darauf finden.
Haben wir manchmal vergessen, welch positive gesellschaftliche Wirkung Kultur und Kunst haben können und wie sie gerade in schwierigen Zeiten Perspektiven eröffnen und uns stärken können?
Ja, absolut. Wir laufen Gefahr, Kultur als Luxusgut wahrzunehmen. Wenn man in die Geschichte schaut, sieht man sehr deutlich, welch wichtige Rolle Kunst und Kultur übernehmen können. Wenn man die Kunstfreiheit wirklich schützt und die Kultur angemessen ausstattet, kann sie helfen, eine gemeinsame Identität und einen gemeinsamen Wertekanon auch emotional erfahrbar zu machen. Ich glaube, dass wir gerade an einer Wegscheide stehen. Wir müssen uns bewusst machen, dass es nicht um Unterhaltung geht, sondern dass Kunst und Kultur so viel mehr sind – und noch mehr sein können.
Musikalische Entdeckungen im Maille-Park. Foto: Roberto B/ulgrin
Seit Sie die Leitung übernommen haben, betont das Podium Festival mehr denn je seine gesellschaftliche Relevanz. Goutiert das Publikum diesen Weg?
Ich denke schon. Vielleicht mussten sich manche erst an einen neuen Stil gewöhnen. Aber ich habe das Gefühl, dass unser Weg immer besser angenommen wird. Das zeigen auch die Zahlen. Wir legen Wert auf einen diskursiven Anspruch und werden auch national als Impulsgeber gesehen. Das sieht man auch daran, dass uns die Kulturstiftung des Bundes in das Förderprogramm „tuned – Netzwerk für zeitgenössische Klassik“ aufgenommen hat, dem bundesweit sechs Festivals angehören. Wir spüren ganz deutlich, dass Projekte besonders gefragt sind, die auch eine politische und gesellschaftliche Kraft entwickeln. Das ist eine sehr schöne Erkenntnis, weil genau dieser Anspruch uns jedes Jahr zu unserem Festival motiviert.
Manche sind der zeitgenössischen Musik ganz selbstverständlich zugetan. Sehen Sie die Chance, mit Ihrer Arbeit neue Zuhörerkreise zu erschließen?
Es gibt verschiedene Ansätze, die auch in diesem Festivalprogramm spürbar sind. Wir nehmen Partizipation sehr ernst und wollen diesen Bereich weiter ausbauen. Dafür stehen drei Stadtteilkonzerte, in denen unsere Musikerinnen und Musiker schon vor dem Festival in kleinen Ensembles mit Leuten vor Ort kooperieren. Solche Kooperationen haben auch im Festival ihren festen Platz – etwa mit Sängerinnen und Sängern der Stadtkirche, dem Akkordeonensemble oder der städtischen Musikschule. Wir wollen Menschen, die vor Ort schon aktiv sind, mit einbeziehen und solche Strukturen dadurch stärken. Und es gehört zu unserem Selbstverständnis, den Begriff der Klassik immer wieder zu hinterfragen. Viele unserer Konzerte brechen diesen Begriff mutig auf.
Musik erklingt auch an ungewöhnlichen Orten wie dem Druckhaus Bechtle. Foto: Horst Rudel
Woran denken Sie?
Das beginnt schon mit unserer Klangausstellung „Laute Bäume“, die mit neu komponierten Stücken von Djuena Tikuna aus Brasilien und Huguette Tolinga aus dem Kongo musikalische Mahnmale für den Regenwald setzt. Ich denke an das Vision String Quartet und die wunderbare Sängerin Golnar Shahyar mit ihren genreübergreifenden Arrangements. Oder an „Steel Hammer“, ein Oratorium über einen nordamerikanischen Arbeitermythos. Das und manches mehr sind Stücke, bei denen ich nicht streng genommen von Klassik reden würde, sondern eher von Kunstmusik, die durch ihre verschiedenen Einflüsse auch für Menschen zugänglich sein kann, die sich vielleicht nicht ihr Leben lang mit Klassik beschäftigt haben. Es ist unser Anspruch, Musik, die manche vielleicht als kompliziert empfinden, so zu vermitteln, dass man ihre emotionale Tiefe auch ohne Vorkenntnisse erfahren kann.
Am besten fängt man damit gleich beim jungen Publikum an ...
Auch das war von Anfang an unser Anspruch. Wir sehen es mit Sorge, dass anderswo gerade an solchen Programmen gespart wird. Das ist fatal. Wir wollen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, mit Mitteln der Musik und der Kunst ihre Welt zu begreifen. Und wir wollen dazu ermutigen, selbst kreativ zu werden – wie bei unserer Klangausstellung „Laute Bäume“, bei der wir die Eröffnung mit einer Schulklasse musikalisch gestalten. Es geht uns vorrangig nicht nur darum, dass junge Menschen plötzlich begeistert Beethoven hören, sondern dass sie erlebt haben, wie es ist, sich selbst auszudrücken, und dass sie reicher durch die Welt gehen.
Die Podium-Konzerte wollen alle Sinne ansprechen. Foto: Roberto B/ulgrin
Man spürt, dass Sie brennen für das, was Sie tun. Ist es nicht anstrengend, ein Festival künstlerisch zu leiten, bei dem Sie selbst als Musiker zu hören sind?
Mein großer Vorteil ist, dass ich ein sensationelles Team um mich habe – junge Leute, die teils sogar nach Esslingen gezogen sind, weil sie unbedingt hier arbeiten wollten, und die sich hier wirklich engagieren. Den Künstler Joosten Ellée kann ich nicht vom Festivalleiter trennen. Bei mir muss alles Hand in Hand gehen. Wenn ich im Büro bin, übe ich manchmal dort, wenn es die Zeit erlaubt. Und wenn ich zuhause Geige übe, kann es sein, dass mir etwas einfällt, und ich setze mich schnell an den Computer. Da greift eines ins andere. Dass ich aktiver Musiker bin, bringt mich bei der Festivalleitung auf andere Ideen und lässt neue künstlerische Partnerschaften entstehen. Manchmal ist diese Doppelrolle anstrengend, aber es klappt wunderbar. Ich freue mich unheimlich darauf, dieses Festival 2025 präsentieren zu dürfen.
Das Gespräch führte Alexander Maier
Zur Person
Musiker Joosten Ellée wurde 1992 im ostfriesischen Leer geboren und absolvierte eine Ausbildung zum klassischen Geiger. Dem Esslinger Podium Festival ist er seit vielen Jahren als Musiker verbunden – unter anderem mit dem Ensemble Reflektor, dessen Gründer, Vorstandsvorsitzender und Konzertmeister er ist und mit dem er sich einen Lebenstraum erfüllte. Für den Film „Live“ hat er den Soundtrack komponiert.
Festivalmacher Seit Herbst 2021 ist Joosten Ellée künstlerischer Leiter des Esslinger Podium Festivals. Schon vorher hatte er Erfahrungen als Festivalgründer gesammelt: Das Reflektor-Festival „ultraBACH“ fand erstmals 2019 in Lüneburg statt und entwickelte neue Formate zwischen Clubnacht und groß besetztem Orchester.