Esslinger Schüler geehrt Junge Filmemacher entlarven digitale Verführungen

Noah Schubert (links) und Max Förschler  haben eine vielversprechende Karriere als Filmemacher gestartet. Foto: Roberto Bulgrin

Max Förschler und Noah Schubert gehen den Dingen gerne auf den Grund. Ihre Doku über die Gefahren sozialer Medien wurde mit dem Schülermedienpreis ausgezeichnet.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Die Diagnose der Esslinger Gymnasiasten Max Förschler und Noah Schubert ist ebenso eindeutig wie bedenklich: „Rund 2,5 Stunden nutzen Jugendliche täglich ihr Handy.

 

Social Media ist längst kein harmloses Tool mehr – es ist ein System, das uns nicht nur unterhält, sondern auch manipuliert. 90 Prozent der Jugendlichen nutzen Social Media täglich, 1,3 Millionen Nutzer zeigen ein problematisches oder gar süchtiges Verhalten. Und es werden jedes Jahr mehr.“ Weil die beiden begeisterte Filmemacher sind, haben sie eine Dokumentation gedreht, die unter dem Titel „Algorithmus der Abhängigkeit“ den unsichtbaren Zwang durch soziale Medien unter die Lupe nimmt.

Fast 17 Minuten lang ist ihr Filmbeitrag, und er ist so kenntnisreich, überzeugend und professionell realisiert, dass Noah Schubert und Max Förschler dafür mit dem baden-württembergischen Schülermedienpreis ausgezeichnet wurden.

Abiturienten am Esslinger Georgii-Gymnasium sind schon lange als Filmemacher unterwegs

Die beiden 17-Jährigen, die am Esslinger Georgii-Gymnasium auf das Abitur zugehen, sind in ihrer Freizeit schon lange als Filmemacher unterwegs. Und sie haben es zu einer beachtlichen Finesse gebracht. Sie verstehen es, für jedes Thema und Genre die angemessene Bildsprache zu wählen, die Kamera beherrschen sie ebenso versiert wie Ton und Schnitt.

Am Anfang jeder Produktion steht eine akribische Vorbereitung: Sorgsam wird recherchiert, unterschiedlichste Perspektiven werden beleuchtet, Fachleute werden befragt, Studien werden zu Rate gezogen, und am Ende steht eine Produktion, die so manchem Profi alle Ehre machen würde.

Die Fülle der Social-Media-Angebote ist verführerisch. Foto: dpa

Auch wenn die beiden mit Schule, Hobbys und der Filmemacherei viel zu beschäftigt sind, um sich von sozialen Netzwerken vereinnahmen zu lassen, sind sie sich wohl bewusst, dass Instagram, Tiktok oder Snapchat allzu leicht verführen – vor allem dann, wenn soziale Bindungen oder andere Interessen fehlen. „Wir wollten aufdecken, welche psychologischen Mechanismen hinter der Social-Media-Sucht stecken, warum wir ständig nach Likes, Benachrichtigungen und Dopamin-Kicks suchen und welche Auswirkungen das auf unser Gehirn und unser Selbstbild haben kann“, erklärt Max Förschler. Und Noah Schubert betont: „Es muss zu denken geben, wenn man sieht, wie schnell gerade junge Menschen in Abhängigkeit von Social Media geraten können.“

Die jungen Filmemacher wollen zeigen, warum Social Media viel mehr ist als nur Unterhaltung. „Wir sind nicht einfach nur Nutzer dieses Systems – wir sind Datenlieferanten“, weiß Max Förschler. Und Noah Schubert verspricht: „Wir wollen aufdecken, wie Algorithmen unsere Aufmerksamkeit fesseln und mit der Zeit süchtig machen.“ Die beiden zeigen die psychologischen Tricks hinter TikTok, Instagram & Co., sie erläutern, warum Social Media unsere Emotionen und unser Selbstwertgefühl manipuliert.

Esslinger Nachwuchs-Filmer zeichnen ein differenziertes Bild

Ein Beispiel: „Snapchat nutzt psychologische Mechanismen, um Nutzer gezielt abhängig zu machen“, erklärt Max Förschler. „Wer täglich Snapchat nutzt, hält eine digitale Flamme am Leben. Reißt der Kontakt ab, ist die Serie verloren und man riskiert Streit mit Freunden, mit denen man auf Snapchat verbunden ist.“ Für solche Mechanismen wollen die beiden sensibilisieren, ohne Social Media zu verdammen. Ihr Credo: „Wichtig ist, dass man sich der Risiken bewusst ist und sich nicht vereinnahmen lässt.“

Gerade junge Menschen geraten leicht in den digitalen Sog. Foto: IMAGO/SOPA Images

Noah Schubert und Max Förschler haben Fachleute befragt – wie Markus Löble, den Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Göppinger Klinikum Christophsbad, der erläutert, was es mit Menschen macht, die immer tiefer in die Fänge von Social Media geraten. Und der erläutert, wie wichtig es ist, sich ganz bewusst Momente der Muße zu gönnen, um Raum zu schaffen für Kreativität.

Die Dokumentation „Algorithmus der Abhängigkeit“, die zusammen mit anderen Beiträgen der jungen Filmemacher auf dem Youtube-Kanal „RealTalk Doku“ zu finden ist, arbeitet nicht nur mit Zahlen, Daten und Fakten, sie macht auch die Probe aufs Exempel. Eine Woche lang haben die Schülerinnen Philina und Sophie ihr Smartphone zur Seite gelegt und von ihren Erfahrungen berichtet. Und siehe da: Es hat gar nicht lang gedauert, bis die Schülerinnen ihr digitales Detox-Programm als angenehm empfunden haben – auch wenn sie nach dieser Woche ganz schön neugierig waren, was sich inzwischen in der Welt und in ihrem Umfeld getan hat.

Die nächste Produktion der jungen Filmemacher beschäftigt sich mit der Volksdroge Alkohol. Foto: dpa

Neugier auf die Welt ist auch das Motiv, das Noah Schubert und Max Förschler antreibt. Ihre nächste Produktion steht bereits kurz vor der Vollendung: eine Dokumentation über die Volksdroge Alkohol. Dass sie den Schülermedienpreis gewonnen haben, ist zusätzliche Motivation – auch für die Berufswahl: Während Noah Schubert in Richtung Radio- oder Fernsehmoderation schaut, sieht Max Förschler seine Zukunft eher im Filmbereich. Dass beide das nötige Talent mitbringen, haben sie mit „Algorithmus der Abhängigkeit“ eindrucksvoll bewiesen.

Der Schülermedienpreis

Auszeichnung
 Der baden-württembergische Schülermedienpreis ist Teil der Medienkompetenzinitiative des Landes und wird alljährlich für Kinder und Jugendliche ausgeschrieben. Prämiert werden eigenständig entwickelte Medienprojekte von Filmen, Hörspielen und Apps bis hin zu Webseiten und Schülerzeitungen. Mit mehr als 100 Einreichungen war das Interesse auch in diesem Jahr sehr groß.

Ausschreibung
Ausgeschrieben wird der Schülermedienpreis für die Altersgruppen von 6 bis 12 Jahren sowie von 13 bis 18 Jahren. Der erste Platz ist in beiden Kategorien mit je 1000 Euro dotiert. Außerdem gibt es Sonderpreise für den besten Schulpodcast und für besonderes gesellschaftliches Engagement.

Preisträger
 Den ersten Platz in der Kategorie von 13 bis 18 Jahren gewannen die Esslinger Max Förschler und Noah Schubert mit ihrer Produktion „Algorithmus der Abhängigkeit“, die sich mit den Auswirkungen von Social Media auf Jugendliche beschäftigt.

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