Er malte trotzdem. Tell Geck übte seinen Beruf aus, obwohl er es gar nicht durfte. Die Nationalsozialisten hatten den Künstler mit einem Berufsverbot belegt. Seine dennoch im Kriegsjahr 1940 entstandene Darstellung der Stadt Esslingen mag auch seine schwierige biografische Situation symbolisieren – mit düsteren Schatten und helleren hoffnungsvollen Farbtupfern im Wechsel. Das Ölgemälde kann von Dienstag, 3. Oktober, an im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt in Esslingen in Augenschein genommen werden.
Der Mut malte immer mit. Tell Geck war zu Ende des 19. Jahrhunderts in Offenburg geboren worden, lebte aber ab 1919 in Stuttgart. Während der NS-Diktatur galt für ihn von 1933 bis 1945 ein Berufs- und Ausstellungsverbot. Sein Gemälde, meint Laura Becker als Projektmitarbeiterin der städtischen Galerie Villa Merkel, sei auch eine Erinnerung „an eine Zeit, in der viele Geschichten nicht erzählt werden durften“: „Künstler wie Tell Geck haben durch Widerständigkeit und Mut ihrer Nachwelt ermöglicht, heute genau diese Geschichten wieder zu entdecken, zu erinnern und mitzudenken im Hier und Jetzt.“ Wohl auch wegen dieser besonderen Botschaften hatte die Stadt Esslingen das Gemälde 1986 gekauft und es in den Diensträumen des damaligen Oberbürgermeisters Eberhard Klapproth aufgehängt.
Natur und Industrie
Neben der durch den historischen Hintergrund seiner Entstehungszeit erzählten Geschichte sieht Laura Becker in dem Gemälde mit seinem expressionistischen Ausdruck auch eine klare Bildsprache. Thematisiert werde der Widerspruch zwischen Fortschritt und Natur. Die Bäume erinnerten in „ihrer gen Himmel strebenden Wuchsart“ an Industrieschornsteine: „Die Fabrik scheint sich in die Natur einzuordnen.“ Es sei die Ambivalenz zwischen Natur und gebauter Umwelt, die die Widersprüchlichkeit des industriellen Aufschwungs beschreibe – wirtschaftliches Fortschrittsdenken auf der einen Seite und der Versuch, trotz des industriellen Wachstums eine Art vom Menschen gemachte zweite Natur nachzuahmen, auf der anderen Seite: „In dem Gemälde finden sich diese Kontroversen wieder – ungeschönt und ausdrucksstark.“ Es ist aber auch ein Stück Esslinger Stadtgeschichte, die auf der Darstellung verewigt wurde. Der Maler, so sagt Laura Becker, zeigt die Stadt von Süden her und blickt vom Eisberg über den Neckar hinweg. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs schwingen, vom Künstler ungewollt und unbewusst, unsichtbar in dem Gemälde mit. Denn in den Eisberg sei gegen Ende des Krieges unter erheblichem materiellen und personellen Aufwand ein Stollen getrieben worden: „Vermutlich diente er als Schutzraum für die Belegschaft, die ihn über den Alicensteg erreichen konnte.“
Zu sehen sind auf dem Gemälde auch Industriedenkmale wie die Werkshallen und Schlote der Kammgarnspinnerei Merkel und Kienlin. Auf dem 52,5 mal 78 Zentimeter großen Bild sind außerdem das Gärtnerhaus und die Villa Merkel inmitten von Bäumen abgebildet. Die Bahngleise und der Neckar fungieren als Rahmen: „Im Hintergrund erhebt sich die Burg und zeugt von der Bedeutung Esslingens in der vorindustriellen Zeit.“
Eine zweite Natur entsteht
Das Gegen- und Zusammenspiel von Industrie und Natur war auch zuvor von Künstlern aufgegriffen worden. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde laut Laura Becker auf vielen Gemäldeansichten Esslingens der künstlerische Kniff des Vergleichs von Schornsteinen und Bäumen gemacht. Die Kamine würden wie eine zweite Natur dastehen: „Viele dieser Schornsteine wurden während des Zweiten Weltkriegs abgebrochen, um die Fabriken vor Luftangriffen zu schützen.“
Natur und Kunst wurden aber auch verwendet, um Industriebauten zu bewahren. Zu Zwecken der Tarnung hatte der Maler Oskar Schlemmer einen Anstrich für den Stuttgarter Gaskessel entwickelt, um ihn durch diese Camouflage vor der Zerstörung zu schützen. Hans Merkel, der Urenkel von Oskar Merkel und von 1929 bis 1973 Leiter der Kammgarnspinnerei, berichtete in seinen Kriegstagebüchern ebenfalls von als Natur getarnten Industrieanlagen: Das Werksgebäude von Merkel und Kienlin sei schwarz, grün oder braun bemalt und ein Kamin abgebrochen worden. Die Fabrik sollte aus der Luft wie eine Landschaft aussehen. Das Gemälde „Blick auf Esslingen“ kann so städteplanerisch wichtige Szenen vor dem Vergessen bewahren. Das Bild ist Laura Becker zufolge „eine Erinnerung an die Landschaft, die mal da war und heute nicht mehr ist“.
Ein Schlag gegen das Vergessen ist auch den Künstlerinnen Ann-Kathrin Müller, Julia Schäfer und Judith Engel gelungen. Bei Recherchen und Vorarbeiten für die Ausstellung „Surface Treatments – 150 Jahre Zeit“, die in der Esslinger Villa Merkel aus Anlass ihres 150-jährigen Bestehens gezeigt wird, stießen sie auf eine Reproduktion des Gemäldes von Tell Geck. Dieser Fund diente wiederum als Vorlage für eine weitere Reproduktion, die noch bis Sonntag, 22. Oktober, in der Villa Merkel im Rahmen der Ausstellung zu sehen ist - eine 4,60 mal 6,50 Meter große PVC-Plane im ehemaligen Esszimmer der einstigen Fabrikantenvilla. Die Kunst des Malers Tell Geck, den die Nationalsozialisten verstummen lassen wollten, hat viel zu sagen und besitzt noch immer eine große Aussagekraft.
Das Gemälde „Blick auf Esslingen“ von Tell Geck
Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte wie das Gemälde des 1986 verstorbenen Tell Geck sind vom ersten Dienstag des Monats an im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt in Esslingen zu sehen. Am Dienstag, 3. Oktober, dem Feiertag zur Deutschen Einheit, hat das Museum von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Mehr unter www.museen.esslingen.de .
Ausstellung
„Surface Treatments — 150 Jahre Zeit“ wird anlässlich des 150-jährigen Bestehens der städtischen Galerie Villa Merkel in Esslingen gezeigt. Das Projekt fokussiert sich laut der Kuratorin Laura Becker auf die Geschichte des Hauses und die Entwicklung der Esslinger Gesellschaft in diesen 150 Jahren. Die Ausstellung ist bis Sonntag, 22. Oktober, zu sehen. Die Öffnungszeiten während der Dauer der Ausstellung in der Villa Merkel sind dienstags und mittwochs von 11 bis 18 Uhr, donnerstags und freitags von 12 bis 20 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr.