Angehörige meiden Gegend um das Waldheim
Geachtet und geächtet; verehrt und verfemt; beliebt und bestraft: Das Leben von Otto Friesch bewegte sich zwischen Anerkennung und Ablehnung. Er wurde 1873 in Esslingen geboren, absolvierte eine Lehre zum Flaschner und Installateur, baute sich nach Wanderjahren und Heirat eine Existenz als selbstständiger Handwerker auf. Sein Haus mit der ehemaligen Werkstatt im Hinterhof der Sirnauer Straße 23 in Esslingen gibt es noch und befindet sich im Besitz seiner Urenkelin Vera Kretschmer. Sie wurde schon als kleines Mädchen mit dem dunklen Familiengeheimnis konfrontiert: Ihre Angehörigen mieden die Gegend um das Waldheim auf dem Zollberg. Irgendetwas hatte sich dort in der Vergangenheit ereignet. Irgendetwas, das mit ihrem Urgroßvater zu tun hatte.
Im Jahr 2017, so erzählt Vera Kretschmer, stieß sie dann auf dem Dachboden des Wohnhauses auf einen Koffer mit Dokumenten, Briefen, Urkunden. Das Interesse und die Neugier der Historikerin waren geweckt. Sie forschte nach, wertete die Papiere aus dem Koffer aus, fragte im Familienkreis nach, recherchierte in Archiven und verfasste eine Abhandlung über die Ergebnisse ihrer Arbeit.
Politisch-moralische Überzeugungen eckten an
Sie fand viele Antworten – und viele Fragen. Otto Friesch, so berichtet seine Nachfahrin, war zunächst Sozialdemokrat, doch als überzeugter Gegner des Ersten Weltkriegs trat er nach der Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD aus der Partei aus und erst der USPD, dann der KPD bei. Mehrfach wurde er mit hohen Stimmenzahlen in den Esslinger Gemeinderat gewählt, doch die politisch-moralischen Überzeugungen des selbstständigen Handwerkers eckten auch an und verhinderten, dass er Aufträge bekam.
Friesch war auch experimentierfreudig: 1913 baute er ein Flugzeug, mit dem er auf den Sirnauer Wiesen ein Stück geflogen ist. Vera Kretschmer beschreibt ihren Vorfahren als Idealisten, einen „für seine Mitmenschen Engagierten“, einen Mann, der zu seinen Überzeugungen stand. Otto Friesch wollte sozial schwachen Arbeitern Erholung, Familienleben, Atempausen in der freien Natur ermöglichen. Darum engagierte er sich bei der Gründung, dem Bau und Betrieb des Waldheims auf dem Zollberg als Erholungseinrichtung im Wald für Arbeiter und deren Familien. Geld und Bürgschaften, Arbeitsstunden, Freizeit und viel Kraft steckte er, oft auf Kosten seiner Familie und seines Privatlebens, in sein Lieblingsprojekt.
Druck durch NS-Schergen
Bis zu jenem verhängnisvollen 20. Juni 1933, als sein Lebenswerk – das sich zu jenem Zeitpunkt schon die Nazis unter den Nagel gerissen hatten – in Flammen aufging. Zusammen mit anderen Verdächtigen brachten die nationalsozialistischen Machthaber Otto Friesch in das Konzentrationslager Heuberg und anschließend in das Polizeigefängnis in die Stuttgarter Büchsenstraße. Schließlich gestand er die Brandstiftung und wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, die er von 1933 bis 1937 in der Strafanstalt in Ludwigsburg absaß.
Im Familienkreis, gegenüber seinen Verteidigern und nach 1945 auch öffentlich stritt er die Tat aber ab. Warum dann das Geständnis? Dieser Frage ging Vera Kretschmer nach, und sie hat verschiedene mögliche Antworten gefunden: Der Druck durch die NS-Schergen muss groß gewesen sein, ihm wurde mit Sondergerichten und Hinrichtung gedroht. Friesch mag sich als angesehener Bürger auf seinen Promi-Status verlassen haben; Alter, Reputation und Beliebtheit, meinte er, müssten ihn vor einem hohen Strafmaß schützen. Zu dem NS-Reichsstatthalter in Württemberg, Wilhelm Murr, bestanden seit Kindertagen enge persönliche, wenn auch nicht politische Verbindungen – der Beschuldigte baute wohl auf diese Fürsprache. Es könnte auch sein, dass er die Schuld für mögliche jüngere, weniger bekannte Täter auf sich genommen hat. Doch die Frage nach der Brandursache, den Schuldigen, nach einer möglichen Verstrickung oder einem Wissen Otto Frieschs wird wohl ungeklärt bleiben.
Gebrochen und gealtert aus Haft
Der ehemals so vitale, umtriebige Mann kam gebrochen, gealtert und gezeichnet aus der Haft nach Hause. Im Nachkriegsdeutschland mit Kaltem Krieg, Kommunisten-Hysterie und KPD-Parteienverbot kämpfte er um Entschädigung, Wiedergutmachung und eine Revision seiner Verurteilung. Sein Geständnis wirkte sich dabei als Hinderungsgrund aus. Doch 1953 wurde am Schwurgericht des Stuttgarter Landgerichtes unter dem Vorsitz des Amtsgerichtspräsidenten Meyer das Urteil von 1933 in einen Freispruch wegen erwiesener Unschuld umgewandelt. Der Schacht, in den der Waldheim-Brandstifter gekrochen war, so die Begründung, wäre für den damals korpulenteren Otto Friesch viel zu eng gewesen.
Bis 1953 wurde Friesch immer wieder in den Esslinger Gemeinderat gewählt, dann trat er aus Altersgründen nicht mehr an. Als er 1959 starb, nahm er viele Geheimnisse mit ins Grab – und auch das Wissen über Schuld oder Unschuld.
Das Geheimnis um den Brand des Waldheims
Der Verwandtschaftsgrad: Otto Friesch hatte vier Kinder. Sein Sohn Paul übernahm Geschäft und Werkstatt. In dem Lokal Zeppelin lernte er seine spätere Frau Regina Schmid kennen, die aus Oberschwaben kam und bei Verwandten zu Besuch war. Die 1930 geborene Tochter Gisela ist die Mutter von Vera Kretschmer, der Verfasserin der Abhandlung über Otto Friesch.
Zur Person: Vera Kretschmer wurde 1960 in Esslingen geboren. Nach dem Abitur studierte sie Geschichte und Kunstgeschichte in Stuttgart und Tübingen. 1992 zog die promovierte Historikerin berufsbedingt nach Sachsen, wo sie verschiedene Tätigkeiten etwa als Pressesprecherin im Finanzministerium ausübte. Derzeit ist die Mutter zweier erwachsener Kinder in der Sächsischen Landesvertretung in Berlin tätig.
Die Abhandlung: Aus historischem, aber auch familiärem Interesse heraus hat sich Vera Kretschmer mit dem Schicksal ihres Urgroßvaters beschäftigt und eine 52-seitige Abhandlung über den Hintergrund des Waldheimbrandes verfasst. Einige Punkte möchte sie durch weitere Recherchearbeit noch vertiefen. Auch die Frage nach einer Veröffentlichung der Arbeit sowie deren Rahmen muss noch geklärt werden.