Esslinger Stadtjubiläum Warum einst Bier die Weingärtner zum Weinen brachte

Wein und sein Anbau sind Esslingens ganzer Stolz. Doch ganz ohne Bier ging es auch in der Weinstadt nicht. Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen feiert 2027 sein Stadtjubiläum. Ein Zuprosten zum Stadtjubiläum sollte in der Weinstadt eigentlich mit Rebensaft erfolgen, doch auch Bier spielte einst eine Rolle.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Ehrfurcht vor dem hohen Alter, keine Furcht vor flotten Sprüchen: Esslingens 1250. Geburtstag im Jahr 2027 wird feierlich, aber auch mit Augenzwinkern und kecken Slogans begangen. 777 wurde die Stadt erstmals urkundlich erwähnt, und ein Werbespruch zum historischen Datum lautet: „777 ist eine Schnapszahl. Na dann – Prost!“ Das Zuprosten zum Stadtjubiläum sollte in der Weinstadt eigentlich mit Rebensaft erfolgen. Doch der hatte einen Konkurrenten – das Bier.

 

Bierernste Weinseligkeit in Kombination hat es in der Neckarstadt zwar gegeben – aber konfliktfrei war das Miteinander nicht. Kai Engelmann, ehemaliger Mitarbeiter der Städtischen Museen und nun Leiter des Heimatmuseums Weißenhorn im Kreis Neu-Ulm, hat sich an ein historisches Wein- und Biertasting herangewagt. In dem Buch „Quellen – Spuren – Strukturen“, das am Dienstagabend im Alten Rathaus vorgestellt wurde, stellt er in seinem Beitrag fest, dass Hopfen und Malz in Esslingen keineswegs verloren waren. Im Gegenteil: „Ein Bierchen in Ehren kann niemand verwehren“, war auch ein gültiger Leitsatz in der Neckarstadt.

Kai Engelmann, ehemaliger Mitarbeiter der Städtischen Museen und nun Leiter des Heimatmuseums Weißenhorn im Kreis Neu-Ulm, hat sich mit Esslingens Bierhistorie befasst. Foto: Roberto Bulgrin

Biermonopol für eine Familie

Sicher, der Wein boomte. Er sorgte für Wohlstand, Handel, Imagegewinn und Arbeitsplätze. Doch auch das Bier bescherte angenehme Jobs: Die Stadtoberen hatten der Familie Schidinger als Betreiberin des „Roten Löwen“ im Jahr 1745 die Erlaubnis zum Bierherstellen erteilt. Die Schidingers hatten das Geschmacksmonopol. Sie besaßen als einzige in Esslingen die Lizenz zum Brauen. 1773 aber ging eine Beschwerde wegen der angeblich schlechten Bierqualität beim Magistrat ein, der nachgegangen wurde: „Das Bier sollte untersucht und, wenn nötig, dem Bierwirt sein Privileg entzogen werden“, schreibt Kai Engelmann in seinem Artikel. Wer den sicherlich begehrten Job des Biertesters übernahm, darüber schweigt sich der Autor aus. Gemundet haben muss es aber: „Die Familie Schidinger konnte ihre Monopolstellung bis 1794 aufrecht erhalten.“

Esslinger Katharinenspital als Bier-Vorreiterin

Allerdings: Bier schmeckte in der Weinstadt Esslingen nicht jedem. Erst im 17. Jahrhundert wurde es als „Aushilfsgetränk“ geduldet. Der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen bescherten Hunger, Missernten, Armut und Mangel. Der Weinanbau lag danieder. Ersatz musste her. „1644 soll das Katharinenspital die erste offizielle Erlaubnis zum Brauen von Weiß- und Braunbier für seine Knechte und Bediensteten erhalten haben“, hat Kai Engelmann recherchiert.

Den Esslinger Wengerter hatten ein Wörtchen mitzureden

Bier für den Eigenbedarf – das mochte noch angehen. Doch als das Katharinenspital seinen Gerstensaft gar verkaufen wollte, begannen die Weinhersteller zu weinen. Sie fürchteten die Konkurrenz, sprachen bei den Stadtvätern vor und bekamen recht: 1697 wurde dem Katharinenspital die Bier-Genehmigung entzogen. Die Winzer hatten Einfluss. Noch im Jahr 1725, als die Blütezeit des Weins längst vorbei war, waren 459 von 1032 Steuerzahlern und damit 43 Prozent der Esslinger Bevölkerung Weingärtner.

Auf den Spuren von Esslingens Ursprüngen: Stadtarchivar Joachim Halbekann. Foto: Roberto Bulgrin

Bierfreunde saßen dennoch nicht immer auf dem Trockenen. Im 19. Jahrhundert hat Kai Engelmann zwölf Brauereien in Esslingen gezählt. Zu royalen Ehren kam die Esslinger Brauereigesellschaft, die 1909 zum königlich-württembergischen Hoflieferanten aufstieg. Blaues Blut und brauner Gerstensaft harmonierten lange. Doch nach der Abschaffung der Monarchie zählten die königlichen Vorlieben nicht länger. 1929 ging die Brauerei während der Weltwirtschaftskrise pleite.

Eine Esslinger Brauerei gab es bis 1974

Länger genießen konnten die Esslinger die Erzeugnisse der Brauerei Kemmler in Oberesslingen. 1828 gegründet, schloss sie ihre Pforten 1974, sagt Kai Engelmann: „Sie war somit der am längsten dauerhaft bestehende Bierproduzent Esslingens.“

Doch, egal ob Bier oder Wein: Dass überhaupt auf das Stadtjubiläum 2027 angestoßen werden kann, ist der Verdienst von Abt Fulrad. Er war laut Joachim Halbekann, Stadtarchivar sowie Herausgeber und Mitautor des Buchs „Quellen – Spuren – Strukturen“, ein Promi seiner Zeit. Als Diplomat und Hofkapellan auch Karls des Großen habe Fulrad sogar weltpolitische Bedeutung gehabt.

Warum Wein nicht mehr so beliebt ist

Er gründete zudem Klöster und andere kirchliche Einrichtungen, die er in seinem Testament im Falle seines Todes verschiedenen Nutznießern zusprach. „Zu den Besitzungen Fulrads gehörten auch insgesamt sechs als ,cellae’ bezeichnete kirchliche Einrichtungen in Lothringen, im Elsass und in Alemannien“, so Halbekann. Die sechste Zelle befand sich laut Testament bei einem Heiligengrab und an dem Fluss Neckar. Esslingen werde zwar frecherweise nicht ausdrücklich in dem Dokument erwähnt, scherzte Halbekann bei der Buchvorstellung. Aber es sei eindeutig gemeint. In Fulrads Testament erfolgt somit die erste urkundliche Erwähnung Esslingens in einer schriftlichen Quelle – und es ist damit Anlass für ein Stadtjubiläum mit Respekt und Humor.

Viele Seiten der Stadtgeschichte

Das Buch
„Quellen – Spuren – Strukturen. Beiträge zur Geschichte Esslingens vom Frühmittelalter bis ins 20. Jahrhundert“ ist im Rahmen der Reihe „Esslinger Studien“ erschienen. Auf 221 Seiten wird in sieben Beiträgen die Stadthistorie über mehr als 1200 Jahre begleitet. Stadtarchivar Joachim Halbekann geht darin auch auf die Ersterwähnung des Stadtteils Hegensberg ein, die junge Historikerin Sarah Kupferschmid beleuchtet das Schirmverhältnis Esslingens mit der Markgrafschaft Baden.

Bezug
Das Buch „Quellen – Spuren – Strukturen“ ist zum Preis von 25 Euro im Stadtarchiv am Georg-Christian-Kessler-Platz 6 und 10 sowie in der Stadtinformation der Esslinger Stadtmarketing und Tourismus GmbH am Marktplatz 16 erhältlich.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Esslingen