Dass die Stolpersteine für Jette und Ilse Löwenthal ausgerechnet in der Nacht zum 4. Dezember entwendet worden waren, macht Isabel Könekamp doppelt betroffen: „Ist es Zufall, dass Ilse Löwenthal auf den Tag genau 80 Jahre zuvor nach Riga deportiert worden war?“ Was in der Obertorstraße geschah, bestärkt Könekamp in ihrer Überzeugung, wie wichtig es ist, die Erinnerungskultur zu pflegen: „Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass die Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit beschädigt wird. Deshalb wollten wir ein Zeichen setzen und alles dafür tun, dass die neuen Stolpersteine möglichst rasch angebracht werden.“ Die entwendeten Gedenktafeln wurden inzwischen zufällig bei einem Polizeieinsatz in einem Wohnheim im Zimmer eines 42-jährigen Mannes gefunden, doch sie sind so schwer beschädigt, dass sie nicht mehr verwendet werden können. „Zur Motivlage des Tatverdächtigen gibt es noch keine Erkenntnisse. Die Ermittlungen gehen in alle Richtungen von materiellen bis hin zu politisch motivierten Gründen“, erklärt ein Polizeisprecher auf Anfrage.
Gedenken ist wichtiger denn je
Auch wenn die Hintergründe der Tat noch im Dunklen liegen, ist für Bürgermeister Yalcin Bayraktar klar: „Ereignisse wie dieses zeigen uns, dass es wichtiger denn je ist, die Erinnerung zu pflegen. Wir alle müssen auf solche Mahnmale achten – so, wie das der Ladenbesitzer Ahmad Al Baba in der Obertorstraße vorbildlich getan hat, als er die Tat bemerkt und sofort die Polizei verständigt hat. Wenn solche Zeichen des Gedenkens geschändet werden, dürfen wir nie wegschauen. Wir alle müssen uns für Akzeptanz, Toleranz und Vielfalt einsetzen.“ Für OB Matthias Klopfer sei es selbstverständlich, dass die Stadt für die neuen Stolpersteine aufkommt, weil diese Tat alle betreffe.
Den Opfern verpflichtet
Rabbiner Mordechai Mark Pavlovsky fragt sich noch immer: „Was für ein Mensch muss das sein, der so etwas tut? Er muss sich bewusst sein, dass er etwas Schlimmes tut.“ Stolpersteine seien wichtige Mahnmale für die schrecklichen Ereignisse der NS-Zeit, die nie in Vergessenheit geraten dürften: „Es ist unsere Pflicht, die Erinnerung nicht auslöschen zu lassen. Das ist das Mindeste, was wir heute noch für die Opfer von damals tun können.“ Pavlovsky erinnerte an zahlreiche Fälle von Antisemitismus und Vandalismus quer durch die Republik: „Es muss für Juden heute möglich sein, sicher in Deutschland zu leben.“ Den wenigen Antisemiten, die es noch immer gebe, dürfe die Gesellschaft keinesfalls das Feld überlassen.
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Gerhard Voss vom Verein Denk-Zeichen ist dankbar dafür, dass Stolpersteine inzwischen hohe Akzeptanz erfahren und dass die Diskussionen verstummt sind, ob damit das Gedenken an die jüdischen NS-Opfer mit Füßen getreten werde. Der Verein Denk-Zeichen möchte noch in diesem Jahr zehn bis 15 weitere Stolpersteine anbringen, damit die Teilnehmer der Stadtführungen auf den Spuren jüdischen Lebens in Esslingen dem Gedenken auf Schritt und Tritt begegnen.
Wegmarken der Erinnerung
Stolpersteine
„Wir gehen die Straßen, die auch sie gegangen sind, ahnen nichts vom geschehenen Unglück, kennen weder ihre Namen noch ihr Leben, und doch gehörten sie zu dieser Stadt wie alle anderen Bürger auch“, erklärt der Verein Denk-Zeichen, der sich für die Erinnerungskultur in Esslingen stark macht. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hatte vor Jahren ein Projekt auf den Weg gebracht, das an die Opfer der NS-Zeit erinnert – Juden, politisch Verfolgte, Euthanasieopfer, Zwangsarbeiter, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Sinti und Roma. Demnig erweist ihnen die Ehre, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Stolpersteine in den Gehweg einlässt. Die Tafeln liegen heute in 21 Ländern Europas. In Esslingen hat der Verein Denk-Zeichen 2008 begonnen, mit Stolpersteinen die Erinnerung an Mitbürgerinnen und -bürger wach zu halten, die in der NS-Zeit umgebracht wurden.
Obertorstraße
Drei Stolpersteine erinnern in der Obertorstraße 45 an NS-Opfer, die im dortigen Gebäude gewohnt hatten: Jette Löwenthal (geboren 1873 und 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt gestorben), ihre jüngste Tochter Ilse Löwenthal (geboren 1909 und nach ihrer Deportierung 1942 in Riga ermordet) und Rosalie Oppenheimer (1870 geboren und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet).