Esslinger Tanzprojekt mit Profis und behinderten Menschen Tanz mit dem Schutzengel

Von Isabel Stettin 

Kann man tanzen, ohne die Musik zu hören? Ohne seine Partner zu sehen? In Esslingen stehen jetzt Tanzprofis und Menschen mit Behinderung zusammen auf der Bühne. Einblicke in ein ungewöhnliches Projekt.

Julius Könekamp (Mitte) mit dem Tanzlehrer Reza Golemohammad und Irena Trisic, die  in der Cranko-Schule ausgebildet wurde. Foto:  
Julius Könekamp (Mitte) mit dem Tanzlehrer Reza Golemohammad und Irena Trisic, die in der Cranko-Schule ausgebildet wurde. Foto:  

Esslingen - Dienstagabend im Esslinger Kulturzentrum Dieselstraße. Mohammad Reza Golemohammad greift Helmut Glasers Arm, fährt seine Hand entlang bis zu den Fingerspitzen. „Streck sie aus. Genau so.“ Mit geduldigen Worten und sanften Berührungen erklärt er seinem Mittänzer, welche Schritte er gehen soll. Sein Körper bildet eine Einheit mit Glaser. Er steht hinter ihm, nur seine Arme sind noch zu sehen, sie umtanzen ihn wie eine züngelnde Flamme.

Szenenwechsel. Tock-tack-tock. Diana Weinhardt klopft mit dem Blindenstock auf den Boden der Bühne. Helmut Glaser antwortet. Dann schreiten sie los, die ­Blindenstöcke waagerecht in die Luft gestreckt, gehen sie aufeinander zu, treffen sich in der Mitte, tasten sich vorsichtig voran, bis ihre Stöcke aneinanderklackern und sich ­kreuzen. Weinhardt trippelt leichtfüßig, schwingt die Beine wie eine Flamenco-Tänzerin. Glaser stampft auf.

Seit gut einem halben Jahr studieren der Choreograf Grégory Darcy und fünf Tänzer mit Handicap eine Choreografie ein, begleitet von den Profitänzern Irena Trisic und Mohammad Reza Golemohammad. Bis zu zweimal pro Woche üben sie, mal getrennt, mal gemeinsam. Zunächst musste Darcy ausloten, wo die Grenzen der unerfahrenen Tänzer liegen, welche Schritte überhaupt möglich sind.

Er steht am Bühnenrand: „Wir sind alle stark in diesem Moment. Befreit euch!“ Die weißen Stöcke landen in der Ecke. Im Alltag sind sie unverzichtbar, auf der Bühne sollen sich Diana Weinhardt und Helmut Glaser aber davon lösen.

Die äußere Welt ist für Glaser schwarz

Glaser ist 74 Jahre alt, ein Kind der Kriegsgeneration. Als Baby bekam er eine Hirnhautentzündung, verlor sein Augenlicht fast vollständig, mit 18 Jahren schwand schließlich die letzte Sehkraft. Die äußere Welt ist für ihn schwarz. Einschränken lassen wollte er sich davon nicht. Er ist Physiotherapeut, Skifahrer, schwimmt im offenen Meer, segelt, fährt Hunderte Kilometer mit dem Tandem. „Durch das Tanzen will ich mein Körpergefühl verbessern“, sagt er. Die Orientierung auf der glatten Bühne ohne prägnante Punkte und Abweichungen ist seine größte Herausforderung. „Und es hat gedauert, bis ich die Stimmen aller Teilnehmer zuordnen konnte.“

Die Herausforderung für den 45-jährigen Choreografen aus Stetten: Er muss sich auf jeden Tänzer einstellen. In der Probe vergisst Darcy, dass Glaser blind ist. Immer wieder rutscht ihm ein „schau mal“ heraus.

„Tanz mit der Schönheit“ nennt er sein Projekt. Er bringt Sehende und Nichtsehende, Hörende und Gehörlose, Menschen mit und ohne Handicap zusammen, Laien mit Profis. Tanzen ist für Darcy ein verbindendes Element: Jeder kann sich einfach einklinken, die Bewegung wird zur Sprache. „Durch Kunst können wir sehen, was für ein Mensch da auf der Bühne steht. Da ist diese Vibration“, sagt Darcy. „Das möchte ich zeigen.“

Angela Ehrlich hat die Gruppe mit ihrem Lebensgefährten Darcy zusammengestellt. Sie kontaktierte Blindenverbände, die Diakonie, den Verein für Körperbehinderte Esslingen, eine Schule für Hörbehinderte in Nürtingen. Die Tänzer haben sich freiwillig gemeldet, aus Neugier. Oder wie Helmut Glaser und Diana Weinhardt, weil sie eigentlich vermutet hatten, es ginge dabei um Paartanz. „Am Anfang dachte ich: Was macht denn der da mit uns?“ Diana Weinhardt muss lachen.

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