Herbst im Esslinger Tierpark Nymphaea: Während die Blätter fallen, ziehen einige Tiere ins Warme. Doch was passiert, wenn der Winter plötzlich einbricht?

Im Esslinger Tierpark Nymphaea hat der Herbst seinen ganz besonderen Reiz: Der Besucherandrang ist merklich geringer, viele Tiere sind noch draußen in ihren Gehegen und Volieren, andere lassen sich hinter den großen Schaufenstern im fast fertigen neuen Aufzuchtshaus beobachten, und das weitläufige Gelände auf der Neckarinsel lockt mit einer kunterbunten Laubfärbung. Auch wenn die Haupt- und Ehrenamtlichen auf der Anlage das ganze Jahr über engagiert im Einsatz sind, gibt es speziell in der Vorbereitung auf die kalte Jahreszeit doch einiges zu tun.

 

Mehr als 1000 Sträucher und Bäume machen den Tierpark zu einem grünen Paradies. Im Herbst sorgt die vielfarbige Blätterpracht für ein enormes Laubaufkommen. Täglich sind die Mitarbeiter und Helfer mit Besen, Rechen, Laubbläser und Kescher im Einsatz, um Wege, Gehege und die kleineren Gewässer von den Blättern zu befreien. Schubkarrenweise wird das Laub in einem großen Container zwischengelagert, bevor es zur Kompostierung abtransportiert wird. „Manches lässt man bewusst liegen, weil die verrottenden Blätter Nährstoffe liefern. Auf den kleineren Wasserflächen müssen sie aber entfernt werden, damit nicht zu viele Nährstoffe eingetragen werden und damit es nicht zu Schlammbildung kommt. Und auf den Wegen muss das Laub aus Gründen der Verkehrssicherheit täglich weggeräumt werden“, erläutert Christoph Kässer, der im Nymphaea-Verein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Esslinger Tierpark: Präriehunde graben sich in frostfreie Winterquartiere

Die Präriehunde im Tierpark bauen sich selbst ihr Winterquartier. Foto: Nymphaea/Alexa Schlotterbeck

Die rund 600 Nymphaea-Tiere gehen mit den kühler werdenden Tagen und Nächten unterschiedlich um: Die Europäischen Uhus sind kältetolerant, ihnen können niedrige Temperaturen nichts anhaben. Für andere Tierarten wird vorgesorgt. Eine dickere Strohschicht isoliert und hält die Tiere und ihre Füße trocken, darunter dienen klassische Hobelspäne als Saugmittel. „Den Präriehunden bieten wir die Möglichkeit, sich selbst ein tiergerechtes Winterquartier zu schaffen. Sie haben fast eineinhalb Meter Erdfläche nach unten, wo sie sich in die Tiefe graben können. Dort ist es frostfrei, da überwintern sie genau so, wie sie es in der nordamerikanischen Prärie tun würden“, erklärt Kässer.

Wie jeder, der in und mit der Natur arbeitet, habe das Nymphaea-Team den Wetterbericht ständig im Auge: „Wenn es schlagartig kalt wird, muss es fix gehen, um etwa die Erdnattern schnell aus dem Freien ins Warme zu holen“, erzählt Kässer.

Manche Tiere ziehen ins neue Winterquartier im Nymphaea-Terrarienhaus

Andere Tierarten wie die afrikanischen Vielstreifenmäuse oder die Reptilien ziehen spätestens im Oktober aus ihren Freilandterrarien ins geschützte Winterquartier um. Im Neubau des Terrarien- und Aufzuchtshauses wird es optimale Bedingungen geben – sowohl für Tiere, die kühl überwintern, als auch für solche, die es dauerhaft warm brauchen. Durch große Fenster können die Besucher dort im Moment schon Degus, Leopardgeckos, Streifen- und Rennmäuse beobachten.

Weil im Winter für die Wärmeproduktion mehr Energie benötigt wird, erhalten die Säugetiere dann mehr und gehaltvolleres Futter: „Unsere Nutrias bekommen statt Blattwerken, Salaten und Kräutern nun anteilig mehr Knollen und Stärkehaltiges, worin mehr Energie steckt. Die Vögel bekommen fettreichere Sämereien wie etwa Sonnenblumenkerne. Dabei muss man aber wissen, dass manche Papageienarten von Haus aus nur wenig Fett vertragen“, betont Christoph Kässer. Die Nymphaea-Vögel sind deutsche Nachzuchten, die hier geschlüpft und aufgewachsen und deshalb das hiesige Klima gewohnt sind. Die Einflug-Luken in den Papageien-Volieren bleiben auch im Winter offen – so entscheiden die Tiere selbst, ob sie sich lieber drinnen oder draußen aufhalten. Auch wenn der Sommer endet, bleibt der Tierpark ein Ort für Entdeckungen, denn einen richtigen Winterschlaf machen die wenigsten Tiere, erklärt Christoph Kässer. Die Präriehunde ziehen sich zur Winterruhe zurück, die Europäischen Sumpfschildkröten gehen in eine Art Winterstarre: „Sie tauchen unten im See in den Schlamm ein, Herzschlag und Atmung sinken, sie atmen über die Haut. Und wenn’s im November nochmal einen warmen Herbsttag gibt, kommen sie raus zum Sonnenbaden.“

Auch bei Kälte gibt es etwas im Tierpark zu sehen: Im Winter entscheiden die Papageien selbst, drinnen oder draußen

Sind im Winter weniger Besucher im Tierpark unterwegs, werden sie von den Tieren tatsächlich vermisst, haben die Nymphaea-Mitarbeiter beobachtet: „Den Papageien und den Ziegen ist es dann langweilig. Für sie sind Besucher ein Unterhaltungsfaktor.“ Für die aktiven Vereinsmitglieder mache es keinen Unterschied, ob sie bei gutem oder schlechtem Wetter Dienst haben: „Das sind alles Überzeugungstäter. Für die gibt es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“, weiß Christoph Kässer, der auch in der kalten Jahreszeit einen Besuch im Tierpark nur empfehlen kann: „Der Park hat zu jeder Jahreszeit seinen Charme. Jetzt im Herbst gibt es die verschiedenen Blattfarben, die langsam heruntersegelnden Blätter und ganz viel Ruhe.“

Der Tierpark auf der Neckarinsel

Das Gelände
Das knapp drei Hektar große Park-Gelände wurde 1932 von der Stadt Esslingen gepachtet. Die Vereinsmitglieder des 1905 gegründeten Aquarien- und Terrarienvereins Nymphaea (lateinisch für „Seerose“) haben seither den Tierpark angelegt und bepflanzt. Mehr als 1000 Sträucher und Bäume machen die Anlage heute zu einer grünen Oase.

Die Tiere
Derzeit ist der Park Heimat für rund 600 Tiere. Vögel, Reptilien, Amphibien, Nager, Säugetiere, Süß- und Salzwasserfische sowie Insekten fühlen sich hier wohl. Die „Löwengrube“ am Ende des Geländes bleibt bewusst komplett sich selbst überlassen. Sie ist Rückzugsgebiet für frei lebende Fische, Kleinsäuger und Vogelarten.

Die Organisation
Drei hauptamtliche Mitarbeiter, mehrere Teilzeitkräfte und rund 80 aktive ehrenamtliche Vereinsmitglieder pflegen die Tiere und das Gelände. Mit großem finanziellem Aufwand entsteht derzeit ein neues Terrarien- und Aufzuchtshaus. Der Park zählt im Schnitt zwischen 160 000 und 170 000 Besucher pro Jahr. Im Winterhalbjahr von Oktober bis März ist der Tierpark dienstags bis samstags sowie sonn- und feiertags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, montags ist geschlossen. Weitere Informationen gibt es unter www.tierpark-nymphaea.de