Auch die Organisation von Fortbildungskursen, Chortagen (Foto) oder Online-Seminaren gehört zum Portfolio des Esslinger Helbling-Verlags. Foto: Gaby Weiß
Nach mehr als 20 Jahren, in denen er den Esslinger Helbling-Verlag zum Marktführer in der schulischen Musikpädagogik aufgebaut hat, übergibt Gründungs-Verlagsleiter Alwin Wollinger den Taktstock an zwei Nachfolgerinnen.
Gaby Weiß
09.04.2025 - 08:00 Uhr
Zu Beginn seiner beruflichen Tätigkeit als Schulbuchredakteur hat Alwin Wollinger noch völlig ohne PC gearbeitet, und in den Schulen wurde noch mit Kassette und LP unterrichtet. Seither hat er die Medienentwicklung von der ersten E-Mail über CD, DVD und CD-ROM bis zur Streaming-App und Lernplattform begleitet. „Dass heute so gut wie jedes Musikstück jederzeit an jedem Ort verfügbar ist, ist eine tolle Chance für die Musikvermittlung. Musik ist Teil des Alltagslebens vieler Menschen, ob sie nur hören oder selbst kreativ musizieren“, freut sich der 62-Jährige. Nach über zwei Jahrzehnten als Leiter des Esslinger Helbling-Verlags, in denen er mit seinem Team rund 750 unterschiedlichste Veröffentlichungen – Schul- und Liederbücher, Lehrwerke, Zeitschriften, Unterrichtsmedien und Notensammlungen – und eine Vielzahl an Workshops und Kursen auf den Weg gebracht hat, verlässt Alwin Wollinger den Verlag und wird nach einem Sabbatical Ende 2026 in den Ruhestand gehen.
Das Loslassen nach so langer Zeit fällt nicht leicht
Sein Büro und die Verlagsleitung gibt er ab, ein paar Redaktionsprojekte wird er freiberuflich von zuhause aus weiter verfolgen. Das Loslassen fällt ihm nicht leicht, wie er unumwunden zugibt: „Es war immer mein Traumjob. Auch wenn es zwischendurch sehr, sehr stressig war.“ Dafür verantwortlich war unter anderem der Konkurrenzdruck in einer Branche, in der die großen Player den größten Teil des Kuchens unter sich aufteilen. Dazu kommt, dass sich sowohl im Verlagswesen als auch in der Bildungslandschaft das Innovationstempo stetig erhöht: „Laufend kommen neue Themen dazu, ich nenne nur die fortschreitende Digitalisierung in den Schulen oder im Unternehmen, Barrierefreiheit, Urheberrechtsthemen, EU-Entwaldungsverordnung, das Produktsicherheitsgesetz oder die Künstliche Intelligenz. Für Inhalte bleibt immer weniger Zeit“, sagt Alwin Wollinger, zu dessen Aufgaben Programmleitung, Marketing, Controlling, Vertrieb, Personalwesen und der Veranstaltungsbereich gehörten. Mit Katharina Meyer als Redaktionsleiterin Musik und Bettina Höfels als Geschäftsführerin teilen sich künftig zwei Frauen die Verlagsleitung. „Das sind zwei tolle Kolleginnen. Das ist eine sehr gute Konstruktion. Und eigentlich beneide ich sie ein bisschen, weil jede nun für ihr Aufgabengebiet mehr Zeit hat“, sagt Wollinger mit einem Lächeln.
Alwin Wollinger scheidet als Verlagsleiter beim Helbling-Verlag aus. Foto: Gaby Weiß
Unter Wollingers Leitung wurden in der Esslinger Weststadt praxisorientierte Bildungsmaterialien vom Kindergarten bis zum Abitur, für Musik und den Fremdsprachenunterricht entwickelt und innovative Lehr- und Lernmittel entworfen. Im Bereich der schulischen Musikpädagogik wurde Helbling schon nach wenigen Jahren zum mit vielen Preisen ausgezeichneten Marktführer. „Wenn die Verkaufszahlen stimmen, wenn Lehrende und Lernende gerne mit den Materialien arbeiten, wenn uns eine sechste Klasse ein Video schickt: ‚Wir haben das Stück aufgeführt, es war toll‘ – dann ist das ein Quell der Freude“, blickt Wollinger glücklich zurück. „Es gibt kaum etwas Sinnvolleres, als sich für Bildung einzusetzen.“
Besonders geschätzt hat er, dass ein kleinerer Verlag selbstständiger agieren kann und über eine Mischkalkulation auch Projekte austesten kann, die nicht unbedingt nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktionieren müssen. Neben entsprechenden pädagogischen Projekten wurde jüngst damit begonnen, das Lebenswerk des Esslinger Komponisten, Organisten, Chorleiters und Pädagogen Christian Fink aus dem Archiv zu holen, wieder aufzulegen und neu einzuspielen. Das in langjähriger Arbeit bei Helbling entwickelte Konzept des „Aufbauenden Musikunterrichts“ ist heute in vielen Bildungsplänen etabliert. Und auch auf aktuelle Herausforderungen kann der Verlag schneller reagieren als die größere Konkurrenz: „Musiklehrkräfte fehlen, es muss immer häufiger fachfremd unterrichtet werden. Wir entwickeln dafür neue niederschwellige Materialien, damit die Schülerinnen und Schüler trotzdem einen guten, interessanten, nachhaltigen und motivierenden Musikunterricht erhalten“, erzählt er und ergänzt nicht ohne Stolz, dass kürzlich sage und schreibe 2000 Lehrkräfte an einem Helbling-Online-Seminar zum Thema teilgenommen haben.
Alwin Wollinger, selbst Gymnasiallehrer mit den Fächern Musik und Englisch, hat nie nachgelassen, die Bedeutung des Musizierens und des Musikunterrichts für die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu betonen: „Zuhören, interagieren, gemeinsam etwas erarbeiten und auf die Bühne bringen und dann auch gemeinsam den Erfolg feiern. Mit und über Musik kann man sich kreativ ausdrücken. Und Musik setzt Emotionen frei. Wenn man Musik rational beschreibt, lebt sie eigentlich nicht. Wer über Musik spricht, spricht oft über sich selbst und seine Gefühle.“
Zum Lehren und Lernen motivieren
Teamarbeit Zum Abschied lobt Alwin Wollinger sein 30-köpfiges Team ausdrücklich: „Die Redakteurinnen und Redakteure im Verlag sind fast ausschließlich Pädagogen, und die wären im öffentlichen Dienst besser bezahlt. Viele Helbling-Kolleginnen und -Kollegen sind zu einem großen Teil Idealisten. Sie lieben das, was sie tun. Sie wollen mit unseren Materialien zum Lehren und Lernen motivieren. Überhaupt sind die meisten Mitarbeitenden, auch aus den anderen Abteilungen, musikalisch aktiv, leiten in ihrer Freizeit auch noch einen Chor oder ein Ensemble, machen Kammermusik, spielen in einer Band oder arbeiten ehrenamtlich mit Kindern oder im Hospiz.“
KI als Zukunft Der scheidende Verlagsleiter sieht durchaus positive Seiten am Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Bildungsbereich, wenn etwa Schüler durch KI-generierte Prozesse individueller lernen können: „Lernmanagement-Systeme können heute schon Feedback geben und die Inhalte auf andere Art und Weise, in kleineren Häppchen oder in einem anderen Lerntempo aufbereiten.“ Aber er erkennt auch die Nachteile: „Lernende müssen sich gar nicht mehr einarbeiten, die Versuchung, sich alles aus dem Netz zu klauben, ist groß. Dabei gehen oft die wichtigen Zusammenhänge verloren.“