Esslinger West-Ost-Gesellschaft Persönliche Beziehung in einem kühlen politischen Verhältnis – wie geht das?

Karin Roth (links) und Jutta Fahrion machen sich mit ihren Freunden in der West-Ost-Gesellschaft für gute Kontakte stark. Foto: Roberto Bulgrin

Die Esslinger West-Ost-Gesellschaft möchte den Blick für die Länder Osteuropas und die Menschen in den Partnerstädten schärfen und die Demokratie stärken. Jutta Fahrion und Karin Roth haben auch Beziehungen nach Belarus, einem Land, dass Putins Russland sehr nahe steht.

Die politische Statik in Europa hat sich verändert. Vieles von dem, was lange Zeit gesetzt schien, ist nicht mehr selbstverständlich. Russlands Überfall auf die Ukraine hat neue Gräben aufgerissen, die Demokratie muss sich in vielen Ländern gegen mannigfache Anfeindungen behaupten. Umso wichtiger sind in solchen Zeiten Kontakte, die über Ländergrenzen hinweg geknüpft und gepflegt werden. Die Esslinger West-Ost-Gesellschaft (WOG) hat es sich zur Aufgabe gemacht, Brücken in Richtung Osteuropa zu bauen.

 

Zahlreiche Freundschaften sind seit 2001 entstanden, viele bewähren sich auch in schwierigen Zeiten. Mit Jutta Fahrion und Karin Roth stehen nun zwei Frauen an der Spitze des Vereins, die der Arbeit der WOG neuen Schwung verleihen.

Die Esslinger Gesellschaft hat Partner in Polen gefunden

Mit den Städten Eger in Ungarn, Molodetschno in Belarus, Piotrkow Trybunalski in Polen und Velenje in Slowenien pflegt Esslingen seit Jahrzehnten Partnerschaften. Zuletzt kam unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs die Stadt Kamianez-Podilskyi hinzu, die von Esslingen mit einer Solidaritätspartnerschaft unterstützt wird.

„Wir wollen die Beziehungen zwischen der Esslinger Bürgerschaft und unseren Partnerstädten durch gegenseitige Begegnungen und Austausch erweitern und vertiefen“, bringt Jutta Fahrion den Anspruch der WOG auf den Punkt. Wie wichtig solche sehr persönlichen Beziehungen sind, weiß sie aus langen Jahren als Partnerschaftsbeauftragte im Rathaus, wo sie mit großem Engagement und viel persönlicher Empathie die Beziehungen zu den Esslinger Partnerstädten mit immer neuem Leben erfüllt hat. Ihr Credo: „Es braucht Menschen, die den Gedanken der Partnerschaft zu ihrem ganz persönlichen Anliegen machen. Ohne solche Motoren läuft nichts.“

Das Credo der Esslinger Gesellschaft: Partnerschaft stärkt Demokratie

Mit Grzegorz Zujko und seinen „Ukrainischen Engeln“ hat die WOG schon manchen Hilfstransport ermöglicht. Foto: privat

Inzwischen ist Jutta Fahrion im Ruhestand, doch sie fühlt sich den Menschen in den Partnerstädten weiter verpflichtet, auch wenn die Rahmenbedingungen in jüngerer Zeit nicht einfacher geworden sind. In Ungarn gibt mit Viktor Orbán ein Mann den Ton an, der von Demokratie und europäischem Zusammenhalt so wenig hält wie sein Kollege Alexander Lukaschenko, der Belarus mit eiserner Hand regiert. Solche politischen Rahmenbedingungen erschweren die Pflege von Partnerschaften über die Grenzen hinweg. Und die Coronazeit mit all ihren Einschränkungen war den Beziehungen auch nicht gerade zuträglich.

„Gerade in solchen Zeiten bewähren sich persönliche Freundschaften“, betont Karin Roth, die als Vize-Vorsitzende der WOG auch ihr persönliches Netzwerk, das sie als Esslinger Bundestagsabgeordnete geknüpft hatte, in die Arbeit einbringt. Mit der ihr eigenen Beharrlichkeit und Überzeugungskraft will sie gemeinsam mit Jutta Fahrion und den anderen Mitgliedern der West-Ost-Gesellschaft dafür sorgen, dass Kontakte erhalten bleiben und neue geknüpft werden – vor allem dort, wo Bezugspersonen in den Rathäusern gewechselt haben. Da tut es gut, dass die WOG von langjährigen Weggefährten wie Ella Drexler, Helmut Thienwiebel und Rolf Laschet mit getragen wird, die seit Jahrzehnten Verbindungen nach Osteuropa pflegen.

Solidarität mit politischen Gefangenen

Dass auf beiden Seiten viel Vertrauen gewachsen ist, ist etwa im Verhältnis zur weißrussischen Partnerstadt Molodetschno unschätzbar wichtig. Wer in Belarus zu einer Meinung steht, die dem Diktator Lukaschenko nicht in den Kram passt, muss mit Repressionen und Verhaftung rechnen. Von 1600 politischen Gefangenen spricht das Regime, tatsächlich dürften es über 10 000 sein. Um den demokratischen Kräften in Belarus und ganz besonders den Gefangenen Solidarität zu zeigen, hat die WOG eine Postkartenaktion gestartet: 1400 Adressen politischer Gefangener wurden gesammelt – wer ihnen ein Zeichen senden möchte, bekommt von der WOG Texte in russischer Sprache, die an eine der Anschriften geschickt werden können.

„Solche Aktionen sprechen sich unter den Gefangenen herum, auch wenn nicht alle Karten ankommen“, weiß Jutta Fahrion. „Aber auch die Behörden, die so etwas zensieren, sehen, dass die Welt auf das Schicksal der politischen Gefangenen schaut.“ Eine von ihnen ist die belarussische Bürgerrechtlerin und Musikerin Maria Kalesnikava, die lange in der Stuttgarter Region gelebt hat und zu deren Ehren das Tonart-Festival am 9. März ein Konzert gibt.

Spenden für Menschen in der Ukraine

Der russische Überfall auf die Ukraine hat die West-Ost-Gesellschaft vor eine neue Herausforderung gestellt: Sie sammelt nun mit großem Elan Spenden für die Menschen in der Ukraine. So konnte etwa ein Schulbus für Kamianez-Podilskyi gekauft werden. Zahlreiche Hilfsgüter wurden ebenfalls in die Ukraine gebracht – die gute Zusammenarbeit mit dem Esslinger Grzegorz Zujko und seinen „Ukrainischen Engeln“, die schon zahlreiche Transporte gefahren haben, ist Gold wert.

Derzeit ruft die WOG zu Spenden auf, um Generatoren, Powerbanks und Solarplatten zu kaufen, weil die russischen Aggressoren die Energieversorgung in der Ukraine zerstören. „Wir wollen verhindern, dass notwendige Operationen in Krankenhäusern gestoppt werden, alte Menschen in Pflegeheimen keinen Strom haben und in den Schulen der Unterricht ausfällt“, sagt Jutta Fahrion. Und das nächste Spendenziel haben Karin Roth und sie bereits ausgeguckt: ein Pflegeheim in Kamianez-Podilskyi, das dauerhaft unterstützt werden soll.

Kurzporträt der West-Ost-Gesellschaft

Der Verein
 Die West-Ost-Gesellschaft Esslingen (WOG) ist 2002 aus der Deutsch-Sowjetischen Gesellschaft hervorgegangen. Der Verein möchte „die Beziehungen zwischen der Bürgerschaft der Stadt Esslingen und Bürgern osteuropäischer Länder, insbesondere der Bürgerschaft der Esslinger Partnerstädte Eger in Ungarn, Molodetschno in Belarus, Piotrkow Trybunalski in Polen, Velenje in Slowenien und neuerdings auch Kamjanez-Podilskyj in der Ukraine vor allem durch gegenseitige Begegnungen und Austausche erweitern und vertiefen“. Die WOG ist weltanschaulich und parteipolitisch unabhängig. Sie möchte „Verständnis für die Kultur und die Lebensweise der anderen Seite entwickeln und damit der Völkerverständigung und dem Frieden dienen“.

Die Ziele
Die WOG möchte Kontakte zwischen den Menschen in Esslingen und in den osteuropäischen Partnerstädten herstellen und pflegen. Sie möchte die Stadtverwaltung bei der Betreuung offizieller Gruppen aus den osteuropäischen Partnerstädten unterstützen sowie gegenseitige Besuche fördern und Begegnungsreisen organisieren. „Eine Beteiligung der WOG am Aufbau, der Stabilität und der Weiterentwicklung der osteuropäischen Städtepartnerschaften der Stadt Esslingen ist die zentrale Säule unserer Aktivitäten“, betont der Verein.

Infos
Nähere Informationen zur WOG gibt es im Internet unter: https://wog-es.com

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