Essstörung Binge Eating Zwanghaft essen gegen die Ungewissheit
Die Pandemie kann Essstörungen fördern. Tübinger Forscher befürchten vor allem eine Zunahme an der Binge Eating Disorder.
Die Pandemie kann Essstörungen fördern. Tübinger Forscher befürchten vor allem eine Zunahme an der Binge Eating Disorder.
Tübingen - Wenn Sophie Behrend sich leer gefühlt hat, dann aß sie. „Und zwar alles, was der Kühlschrank hergegeben hat.“ Das konnten Chips sein oder Nudeln. Gleichzeitig schmierte sich die 31-Jährige, die ihren wahren Namen nicht nennen möchte, noch ein Käsebrot – nur, um nach ein paar Bissen wieder zu Keksen zu greifen. Rund 5000 bis 10 000 Kalorien nahm sie so auf einen Schlag zu sich. „Erst, wenn nichts mehr in mich reingepasst hat, habe ich aufgehört.“
Es ist wie eine Sucht, sagen Menschen, die wie Sophie Behrend an einer sogenannten Binge Eating Disorder leiden. Bei dieser Essstörung sind Betroffene zwanghaft aufs Essen fixiert. „Das Gefühl, unbedingt essen zu müssen, überkommt sie anfallartig“, erklärt Nils Kroemer von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Tübingen. Schätzungsweise rund 1,5 Millionen Menschen ergeht das so.
Doch Experten wie Kroemer sind sich sicher: Unter Essanfällen leiden deutlich mehr – wenn auch vielleicht nicht ganz so extrem wie Behrend. Und die Zahl der Betroffenen könnte weiter steigen. Daran ist auch die Pandemie schuld: „Aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen sind viele Menschen gezwungen, ihren Alltag umzustellen – das betrifft nicht zuletzt das Essen.“
Es gibt internationale Studien, die belegen, dass es bei allen Einschränkungen im Alltag vielen Menschen schwerfällt, auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung zu achten und dem Verlangen nach den Snacks im eigenen Vorratsschrank zu widerstehen. Einer Untersuchung aus den Niederlanden zufolge sind vor allem Menschen mit Übergewicht gefährdet, während des Lockdowns ein ungesunderes Essverhalten zu entwickeln und damit weiter an Körpergewicht zuzunehmen.
Entsprechende Auswirkungen befürchtet auch der Tübinger Experte Kroemer: „Gerade für Menschen, die eine Neigung zu einer Essstörung haben, könnte der Aufruf zum Homeoffice und zu Kontaktbeschränkungen zu einer vollen Ausprägung ihres Syndroms führen.“ In seinen Gesprächen mit Betroffenen schildern diese oft, dass die Pandemie ihr Leben mit der Störung verändert habe. „Sie fühlen sich an vielen Stellen gleichzeitig gefordert und leiden darunter, nicht zu wissen, wie es weitergeht.“ Diese Unsicherheit – so die Vermutung der Tübinger Forscher – könnte das sowieso schon gestörte Essverhalten verstärken: Man isst, weil man nicht weiß, was kommt. Sophie Behrend hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Essen war für mich stets eine Stütze, wenn emotionaler Stress drohte.“ Irgendwann sei diese Kombination zur Kausalität geworden: Essen verspricht Beruhigung. Es ist eine Theorie, die nun wissenschaftlich geprüft werden soll: Seit einem Jahr versuchen Kroemer und sein Team besser zu verstehen, was genau in den Gehirnen von Betroffenen einer Binge-Eating-Störung anders verschaltet ist als bei Menschen mit gesundem Essverhalten.
Das Projekt soll helfen, frühzeitige Warnsignale besser zu erkennen. Aus den Erkenntnissen erhoffen sich die Tübinger Psychologen bessere Therapiekonzepte. Diese sollten möglichst schon dann greifen, wenn die Essanfälle noch nicht zu einem unkontrollierbaren Problem geworden sind.
Denn Binge Eating hat weitreichende gesundheitliche Folgen: Der Kontrollverlust über das eigene Sättigungsgefühl und Essverhalten führt oft zu stark erhöhtem Körpergewicht. Dazu steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme sowie Diabetes. Auch bei Sophie Behrend war das so: „Ich habe innerhalb von sechs Monaten etwa 25 Kilo zugenommen.“ Als die Zahl auf der Waage die Hundert-Kilo-Marke überschritten hatte, konnte sie die Essanfälle nicht mehr als Macke herunterspielen. „Ich wusste, mit mir stimmt was nicht“, sagt Behrend. Erst tippte sie auf eine organische Störung. Als ihr Arzt eine Essstörung diagnostizierte, fing sie an zu recherchieren. „Mir war klar, ich muss verstehen, was mit mir los ist, um die Kontrolle zurückzuerhalten.“
Durch Zufall hat Behrend von der Tübinger Studie erfahren – und gleich mitgemacht: Sie wurde in verschiedenen Verhaltenstestungen mit Belohnungen konfrontiert und musste sich anstrengen, um diese zu erhalten. Dabei hat sie festgestellt, dass ihr Körper stärker auf Eiscreme als auf Euroscheine reagiert. Sie hat sich in die Röhre eines Kernspins gelegt, damit die Forscher ihr Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln erfassen konnten. „Ich war überrascht, welche Macht das Essen über meinen Körper hat“, sagt sie. Inzwischen sucht sie Hilfe bei einer Therapeutin: Sie entwickelt Strategien, die ihr helfen, auch ohne Essen Stress bewältigen zu können. Gleichzeitig lehrt sie ihren Körper wieder das, was vielen als Selbstverständlichkeit gilt: auf das eigene Sättigungsgefühl zu achten.
Kroemer bestätigt: „Im Grunde ist die Binge-Eating-Störung eine Essstörung, die mithilfe der Psychotherapie gute Heilungschancen hat.“ Allerdings funktioniert dieser Ansatz nicht bei jedem. „Noch fehlt es an Wissen, ob und auf welche Weise Medikamente hierbei unterstützend wirken könnten“, so Kroemer. Auch dabei soll die Studie helfen. Mit den ersten Ergebnissen ist bereits in den kommenden Monaten zu rechnen.