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Estland Guten Rutsch vom Ascheberg

Von aus Kiviöli 

Der Nordosten Estlands macht mit unberührter Natur und Industriekultur auf sich aufmerksam. Kreative Jungunternehmer sehen darin ihre Chance.

Rasant ins Tal geht es vom Ascheberg Kiviöli. Foto: Matthias Schiermeyer
Rasant ins Tal geht es vom Ascheberg Kiviöli. Foto: Matthias Schiermeyer

Kiviöli - Auf den ersten Blick erscheint es gleichermaßen verrückt wie visionär, in Kiviöli eine Touristenattraktion hochzuziehen. Estlands höchste Erhebung für das Freizeitvergnügen zu nutzen mag ja verständlich sein, aber dieser Berg ist lediglich 90 Meter hoch und wurde über Jahrzehnte aufgeschüttet. Er besteht aus sechs Millionen Tonnen schwerer Asche, weist im Innern noch immer eine Temperatur von 80 Grad auf und wäre nichts als eine unwirtliche Industriebrache - ein Abfallprodukt des Ölschieferabbaus. Dennoch ist hier ein ungewöhnliches Abenteuerzentrum entstanden. Von oben bietet sich freie Sicht auf grünes, plattes Land, aber auch auf den Übertagebau - der nächste Ascheberg wächst schon heran. Runter geht es mit einer 600 Meter langen Seilrutsche. Binnen gut einer Minute rast der Besucher 80 Kilometer pro Stunde schnell und fest angegurtet dem Fuß des Hangs entgegen.


Das ist ein windiges Vergnügen. „Mit beiden Händen am Griff festhalten, um Trudeln zu vermeiden und schön die Beine hochnehmen, sonst streifst du die Büsche“, lautet die Anweisung. 20 Euro muss ein Tourist für die Schussfahrt zahlen. Doch die Seilrutsche ist nicht der einzige Clou. Vom Berg angelockt werden sollen vor allem Motocross- und Buggyfahrer, Könner wie Anfänger, für die ein rauer Parcours angelegt wurde. Janek Maar und Madis Olt, beide 38 Jahre alt, sind die tollkühnen Initiatoren des erst Ende 2013 eröffneten Projekts. „20 Jahre lang war die Region von Depression geprägt“, sagt Maar über den nordöstlichsten Zipfel Estlands und der Europäischen Union. Nun soll es aufwärtsgehen. Zuspruch erwarten sie vor allem im Winter. Sobald es kalt genug ist, wedeln vornehmlich junge Besucher auf ihren Skiern oder Snowboards den Hang hinunter.


70 Prozent der Gäste kommen im Winter

Das war auch die Ursprungsidee der zwei Freunde, die vor 14 Jahren gelangweilt von der ereignisarmen Heimat den Hügel erklommen, um sich auf ihren Brettern gleich wieder hinabzustürzen. Dies, dachten sie, müssten auch andere Freizeitsportler gut finden, wenn man ihnen die Infrastruktur hinstellt. Seither ist am Berg eine umfangreiche Anlage entstanden: mit einem Hauptgebäude, das die Erdwärme des Aschebergs nutzt, einem Hostel, einem Skilift und fünf Schneekanonen. Bis zu 25 Menschen sind damit beschäftigt. 70 Prozent der Gäste kommen im Winter, meist aus der 135 Kilometer entfernten Hauptstadt Tallinn. In den drei kalten Monaten des Jahres würden 20 000 bis 35 000 Besucher verbucht, die Einnahmen von 600 000 bis 1,1 Millionen Euro bescherten - je nach Wetterlage eben, sagt Janek Maar. „Der Traum ist fast schon wahr geworden.“ Fast. Spätestens in fünf Jahren soll es so weit sein. Deshalb sinnen die Jungmanager darüber nach, wie sich ein durchgängiger Betrieb sicherstellen lässt - mit einer Sommerrodelbahn, einem Hochseilgarten, einer Feuerwehrakademie und weiteren Hostels.


Maar hofft auf 70 000 Besucher, „um zu überleben“ - im Jahr wohlgemerkt. Ohne EU-Gelder wäre es unmöglich gewesen, aus dem Problemberg ein Vergnügungszentrum zu machen. Vier Millionen Euro seien aus europäischen Töpfen gekommen, zwei Millionen habe der Staat dazugegeben, sagt er. Ohne europäische Hilfe ginge es vielerorts gar nicht voran. Somit ist Kiviöli Abenteuer Center auch symptomatisch für den Nordosten, der nach jahrzehntelanger Verödung in der Sowjetzeit erst aufzublühen beginnt. Die Esten verzweifeln nicht an ihrer Randlage nahe der russischen Grenze, sondern suchen mit einer Mischung aus Ideenreichtum, Motivation und Unbedarftheit ihre Nische im Tourismusgeschäft. Nicht weit von Kiviöli ist erst im April das neu gestaltete Grubenpark-Museum Kohtla eingeweiht worden. Von 1937 bis 2001 wurde in der zugehörigen Mine Ölschiefer abgebaut. Ain Luuk hat sich damals vom Skitrainer bis zum Personalchef hochgearbeitet, heute führt er die Besuchergruppen. Der 63-Jährige kann stundenlang erzählen über die Blütezeit des Tagebaus.


Auch deutsche Kriegsgefangene hatten nach dem Krieg die gut 50 Kilometer langen Stollen bohren müssen. Später arbeiteten hier zur Hälfte Russen - freiwillig, denn die Löhne in Kohtla waren die höchsten und die Versorgungsleistungen die besten landesweit, viermal so hoch wie in ihrer Heimat. In drei Schichten wurde in den siebziger Jahren geschuftet. Ein firmeneigenes Sanatorium diente der Erholung. In 46 Jahren habe es sechs tödliche Minenunfälle gegeben, schildert Luuk in acht Meter Tiefe, wo eine Luftfeuchtigkeit von annähernd 100 Prozent herrscht. „Aber man konnte auch bis zu 90 Jahre alt werden als Minenarbeiter.“ Rund um das Museum sind weitere touristische Dienstleistungen entstanden: Der Este Imra Boom unternimmt mit einem früheren schwedischen Militärtransporter Tagebausafaris auf einem 25 Kilometer großen Areal. Dabei steuert er sein wild röhrendes Vehikel mit einer solchen Lust die Hänge hoch und wieder runter, auch mitten in tiefe Wasserlöcher, dass die Touren nicht für empfindsame Gemüter auf der Ladefläche geeignet sind. Während der Pausen erklärt Ain Luuk fachmännisch die Eigenarten des Ölschiefers, dessen Abbau sich für die Esten heute immer weniger lohnt.


Das Anwesen inmitten eines uralten Parks mit 550 Bäumen hat eine wechselvolle Geschichte

Der Nordosten Estlands ist nicht nur von Industriekultur, sondern auch von unberührter Natur geprägt. Dies machen sich Hoteliers wie Tönis Kaasik zunutze, der bei Kohtla-Järve vor 15 Jahren den Gutshof Saka erworben hat. Das Anwesen inmitten eines uralten Parks mit 550 Bäumen hat eine wechselvolle Geschichte. 1626 wurde es erstmals erwähnt und war seit dem Abzug der sowjetischen Soldaten dem Verfall preisgegeben, bevor es 2001 bei einer Auktion unter den Hammer kam. Vielleicht war es die Erinnerung, die Kaasik zum Kauf veranlasste: 1971 hat er, damals noch Geologiestudent, am Kliff Fotos gemacht - mitten im Sperrgebiet, weshalb er von Grenzschutzsoldaten für einen Tag verhaftet wurde. „Der Erwerb war eine emotionale Entscheidung“, sagt er heute. Der Unternehmer, der mit dem Recycling von Autobatterien zu Geld gekommen ist, errichtete zunächst ein kleines neues Hotel und gestaltete dann die Ruine des Herrenhauses mit Liebe zum Detail zur edlen Herberge um. Der Kaufpreis für das Gelände betrug mehr als 40 000 Euro - doch investiert hat Kaasik viele Millionen. Näheres verrät er nicht. Die Steilküste ist nur wenige Meter entfernt, ein hoteleigenes Stahltreppengerüst führt hinunter zum Ostseeufer.


Bis zu 100 Gäste kann er unterbringen. Allein ist der Hotelier mit seiner exklusiven Leidenschaft nicht. Liebhaber des stilvollen Urlaubs können in Estland von Herrenhaus zu Herrenhaus pendeln. Die Zahlen können die Tourismusmanager im Land zuversichtlich stimmen: Fast 3,1 Millionen Besucher wurden 2014 gezählt. Der Trend weist steil nach oben. Allerdings greift Tallinn - die Kulturhauptstadt Europas von 2011 - gut die Hälfte des Zustroms ab. Lediglich vier Prozent aller Gäste kommen bisher aus Deutschland, das Gros reist aus Skandinavien oder Russland an. Im Nordosten Estlands wurden im Vorjahr gar nur 2550 Deutsche gezählt. Das Ziel des Nordostens, bis 2020 Fremdenverkehrsregion Nummer zwei hinter Tallinn zu werden, wird selbst von den Tourismusexperten in der Hauptstadt ungläubig aufgenommen. Sie empfehlen vielmehr, Übernachtungen daheim im Voraus zu planen, weil es noch keine flächendeckenden Bettenkapazitäten für spontane Reisen gibt. Glanzstück der Region zwischen Tallinn und der Grenzstadt Narva ist die Küste. Auch hier suchen junge Esten nach Ideen, Gäste anzulocken: Mehis Luus arbeitet für die Seenotrettungsgesellschaft in Toila und restauriert seit zwei Jahren mit Freunden ein zehnsitziges Rettungsboot aus dem 19. Jahrhundert. Ziel des 31-Jährigen ist es, Ausflugsfahrten an die bis zu 47 Meter hohe Steilküste mit Kalk-, Sand- und Lehmschichten zu organisieren. Ein romantischer Umtrunk im Abendlicht vor der Steilküste von Toila, das hätte Stil. Ideen muss man haben - so wie die jungen Esten.