Stuttgart - Immer mehr Sparer schieben monatlich Geld in den Börsenindex MSCI World. Verbraucherschützer und Finanzexperten empfehlen ETFs auf den Weltindex als Grundlage fürs Depot. Auf diese Weise können Anleger ihr Geld gleichzeitig in etwa 1600 Firmen investieren.
Doch zuletzt wurde Kritik an dem Finanzgebilde laut: Vermögensverwalter werfen dem MSCI World „Etikettenschwindel“ vor. „Der Schummel-Index, dem die Anleger vertrauen“ heißt es etwa in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung. Der vermeintliche Weltindex entpuppe sich demnach als riskante Wette auf die heiß gelaufenen Börsen in den USA.
Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Ist der MSCI World ein Schummel-Index?
Der Münchner Vermögensverwalter Gerd Kommer gilt als Deutschlands bekanntester ETF-Guru – und ein Verfechter eines mittels ETFs breit gestreuten Depots. Im Interview verrät Kommer, was er von den Schummel-Vorwürfen hält – und gibt Anlegern Tipps für ihr Depot.
Der „MSCI World Standard Index“ gilt als Musterbeispiel einer breit gestreuten Geldanlage – dabei schließt er selbst dominante Schwellenländer wie China oder Indien aus. Finden Sie den Vorwurf des „Etikettenschwindels“ und die Schmähung als „Schummel-Index“ gerechtfertigt?
Gerd Kommer: Dieser Vorwurf ist meines Erachtens Unsinn. Der Index wurde 1969 etabliert und sollte von Anfang an nur die Aktienmärkte der zur damaligen Zeit, wie auch heute, wirtschaftlich am weitesten entwickelten Länder abdecken. Was „am weitesten entwickelt“ ist, ist in den Indexleitlinien fachlich sinnvoll und transparent definiert. Diese Leitlinien sind seit 50 Jahren öffentlich einsehbar. Eines unter mehreren dieser Kriterien ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf – und das ist nun einmal in manchen Ländern höher als in anderen. „Schummel-Index“ ist darüber hinaus auch deswegen Nonsens, weil Schummeln Vorsatz und bösen Willen beim Akteur voraussetzt und das ist hier nicht der Fall.
Im Video: Wie Privatanleger große Hedgefonds unter Druck setzen
Wo Welt draufsteht, sollte doch auch die ganze Welt drin sein. Ist nicht zumindest der Name irreführend?
Gerd Kommer: Klar, könnte man sagen, dass das Wort „World“ in „MSCI World“ missverstanden werden kann, aber das gilt für Tausende anderer Wörter und Produktnamen auch. Insbesondere für solche, die mehrere Jahrzehnte alt sind wie der Name dieses Index. Davon abgesehen grenzt jeder Aktienindex bestimmte Teilsegmente des Aktienmarktes aus. Der DAX – „DAX“ steht übrigens für „Deutscher Aktienindex“ – bildet nur die 30 größten börsennotierten Firmen in Deutschland ab, aber eben nicht die rund 400 anderen in Deutschland gelisteten Firmen. Ist der DAX deswegen ein Schummel-Index?
Es heißt häufig, ein einziger ETF auf den MSCI World genügt im Depot. Sehen Sie hier nicht die Gefahr eines Klumpen-Risikos wegen des hohen Anteils an US-Aktien? Vor allem wegen der Handvoll Tech-Titel aus den USA?
Gerd Kommer: Klar, im MSCI World Index haben die USA als Region und Technologieaktien als Branche ein sehr hohes Gewicht. Diese beiden Aktienmarktsegmente sind aktuell diejenigen, die innerhalb des globalen Aktienmarktes am höchsten bewertet, also „am teuersten“, sind. Wer einen MSCI World-ETF im Depot hat und sich über diese Konzentration Sorgen macht, der könnte beispielsweise einen ETF auf den MSCI Europa dazukaufen und damit das Gewicht der USA und der Technologiebranche in seinem Depot beliebig weit senken. Ich muss gleichwohl hinzufügen, dass der MSCI World mit dem darin enthaltenen „USA-Klumpen“ und „Technologie-Aktienklumpen“ immer noch weit besser diversifiziert ist, breiter gestreut ist, als ein DAX-ETF oder als das typische Aktienportfolio eines deutschen Einzelwertanlegers.
Ist der MSCI World Index nicht zu abhängig von den heiß gelaufenen Börsen der USA?
Gerd Kommer: Aus meiner Sicht sollte ein rationaler Aktienanleger zunächst einmal alle Länder und alle Branchen im Portfolio haben – so wie die wissenschaftliche Finanzökonomie das schon seit über 50 Jahren empfiehlt. Über dieses einfache, leicht umsetzbare Prinzip wird ein sehr hoher Grad an Diversifikation oder Streuung erreicht, ohne Renditepotential in die Zukunft gerichtet zu verschenken. Für mich spricht jedoch zugleich auch einiges dafür, dass man das hohe Gewicht der USA von etwa 60 Prozent im globalen Aktienmarkt aktiv nach unten drückt.
Wie könnte das gelingen? Welche Tipps geben Sie Anlegern, um dieses Klumpen-Risiko zu verringern?
Gerd Kommer: Wer in einen globalen, branchenübergreifenden MSCI-Aktien-Index investieren will, der auch Schwellenländer abdeckt, der kann das sehr leicht tun: Entweder über den MSCI ACWI Index oder den MSCI ACWI IMI Index. Auf beide Indizes existieren ETFs, die an Privatanleger in Deutschland vertrieben werden. Diese beiden Indizes sind besser und breiter diversifiziert, sie bilden einen noch größeren Teil des globalen Aktienmarktes ab als der MSCI World Index. Wie erwähnt, deckt der MSCI World nur rund 20 entwickelte „Industrieländer“ ab. Der ACWI schließt zusätzlich noch über 20 Schwellenländer, darunter auch die Schwellenländer-Dickschiffe China, Indien und Brasilien, mit ein. Der ACWI IMI Index ist noch einmal breiter gefasst, weil er auch Nebenwerte – so genannte Small-Cap-Aktien – von allen Industrieländern und Schwellenländern mit drin hat. Den gleichen Senkungseffekt würde man mit einem ETF auf den weniger bekannten, jedoch ähnlichen „FTSE All-World Index“ erreichen.
Wie sehen Sie die Aussichten für die US-Wirtschaft? Können die USA dauerhaft an der Spitze bleiben – oder könnte angesichts wachsender Schwellenländer nicht auch ein Absturz drohen?
Gerd Kommer: Wenn ich offen sein soll, dann ist das die falsche Frage. Sie spiegelt zwar eine verbreitete Sichtweise und Sorge wieder, basiert aber dennoch auf einem ökonomischen Denkfehler.
Wie meinen Sie das?
Nehmen wir einmal an, dass die amerikanische Volkswirtschaft in den nächsten 25 Jahren – längere Prognosen wären sowieso unseriös – mit zwei Prozent pro Jahr wächst gegenüber sechs Prozent pro Jahr für die chinesische Wirtschaft. Nebenbei gesagt, glaube ich persönlich nicht, dass China noch einmal 25 Jahre lang einen so großen Wachstumsvorsprung erreichen wird, aber unterstellen wir das jetzt einfach einmal. Dann würde China bei der Wirtschaftsleistung des Landes, dem absoluten Bruttoinlandsprodukt, die USA in knapp zehn Jahren eingeholt haben. Das US-Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wäre aber auch dann noch zweieinhalb Mal so hoch wie das von China. Alle diese Zahlenspielchen sind jedoch trotzdem albern und irreführend, da ja beide Volkswirtschaften und beide Völker in diesen zehn Jahren beträchtlich wohlhabender geworden sein werden. Die Amerikaner um etwa 20 Prozent und die Chinesen um etwa 70 Prozent.
Das dürfte viele Anleger ja zuversichtlich stimmen…
Gerd Kommer: Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht für alle. Im wirtschaftlichen Sinne kommt es für die Welt im Ganzen, für den Westen als Teil dieser Welt und für uns als Deutsche nicht darauf an, welches einzelne Land die größte Volkswirtschaft hat, es kommt vielmehr darauf, dass wir alle im Zeitablauf wohlhabender werden. Genau das ist ja der Fall. Und im Übrigen begünstigt und unterstützt das hohe Wirtschaftswachstum Chinas tendenziell auch dasjenige der anderen westlichen Länder, beispielsweise, weil reichere Länder mehr von uns importieren als ärmere Länder.
Zur Person: Dr. Gerd Kommer ist Gründer und Gesellschafter der Gerd Kommer Invest GmbH, ein Anfang 2017 gegründetes Honorarberatungs- und Vermögensverwaltungsunternehmen für vermögende Privatkunden, mittelständische Unternehmen und Stiftungen in München. Bis Ende 2016 war Kommer 24 Jahre lang im Großkundenkreditgeschäft von Banken tätig, zuletzt zehn Jahre am Standort London. Kommer hat mehrere Finanzratgeberbücher geschrieben, darunter den Bestseller „Souverän Investieren mit Indexfonds und ETFs“. Das Buch gewann 2016 den Deutschen Finanzbuchpreis, der von der Deutschen Börse AG und der Citibank gesponsert wird. Kommer studierte BWL, Steuerrecht und Politikwissenschaft in Deutschland, USA und Liechtenstein.