Ethnologische Museen Weg von Kitsch und Klischees
Das Stuttgarter Linden-Museum will ein neues Konzept für ethnologische Museen entwickeln. Davon könnte die ganze Stadt profitieren.
Das Stuttgarter Linden-Museum will ein neues Konzept für ethnologische Museen entwickeln. Davon könnte die ganze Stadt profitieren.
Stuttgart - Wer gelegentlich ZDF schaut, der weiß, wie Afrikaner ticken. In Sonntagabend-Schmonzetten retten Weiße gern mal in Buschkliniken Leben. Sie werden auf Farmen von gutmütigen Schwarzen bedient. Und wenn das Traumschiff den Anker wirft, kann man sicher sein, dass irgendwann Ureinwohner für die Touristen tanzen. Offensichtlich gehört es bis heute zum Klischee, dass der Schwarze den Rhythmus im Blut hat.
Selbst wenn jeder halbwegs vernünftige Fernsehzuschauer weiß, dass diese Filme alles andere als repräsentativ für Afrika sind, so sind die Bilder doch wirkmächtig. Denn letztlich entsprechen sie der Vorstellung von Afrika, die man derzeit auch im Linden-Museum Stuttgart besichtigen kann. In der neuen Afrika-Abteilung steht ein sogenanntes Diorama aus den sechziger Jahren, eine gebastelte Schaulandschaft, die ein afrikanisches Dorf mit Basthütten zeigt, vor denen kleine Figürchen mit Masken wild tanzen. Mit diesem Diorama will man das Bild vom „Wilden“ zur Schau stellen, welches das Selbstverständnis ganzer Generationen geprägt hat und ein arrogantes Weltbild spiegelt: Hier die Weißen, dort die Schwarzen. Hier die Speerspitze der Zivilisation, dort die Wilden, denen man Kultur beibringen muss.
In diesen Tagen treffen sich in Stuttgart Experten aus aller Welt und diskutieren darüber, wie ein Museum ausschauen könnte, in dem man nicht mehr aus dem alten, kolonial gefärbten Blickwinkel auf Afrika und andere Kulturen schaut. „Das neue Museum“ nennt sich die zweitägige Konferenz im Hospitalhof, bei der Experten mit der Stuttgarter Bevölkerung Ideen und Wünsche für ein neues Linden-Museum zusammentragen wollen. Denn das Stuttgarter ethnologische Museum soll einen Neubau erhalten, in dem ganz bewusst nicht mehr von oben herab auf die Kulturen anderer Völker geschaut wird. Keine leichte Aufgabe, schließlich sind große Teile der Sammlung des Museums während der Kolonialzeit nach Stuttgart gekommen. Ob Forschungsreisende oder Missionare, Geschäftsleute oder Beamte: Wer Ende des 19. Jahrhunderts in deutsche Kolonien reiste, brachte Souvenirs mit – Ketten und Armbänder, Geschirr oder Kultgegenstände. Viele dieser Mitbringsel wurden den Menschen vor Ort gestohlen in oft blutigen Gefechten, bei denen die Einheimischen häufig ihr Leben verloren.
Viele ethnologische Museen versuchen derzeit, die alten Muster aufzubrechen. Inés de Castro, die Direktorin des Stuttgarter Linden-Museums, gilt dabei als Pionierin. Sie vertritt einen neuen Typus Wissenschaftlerin, der die eigene Disziplin selbstkritisch auf den Prüfstand stellt – weshalb man sie auch schon ans Humboldt-Forum Berlin locken wollte. Es geht nicht allein um den Umgang mit Objekten, die vor vielen Jahren gestohlen wurden, sondern auch um die Gegenwart – und die Spuren, die der Kolonialismus in den Köpfen hinterlassen hat. Diese kann man nirgends so gut aufzeigen wie in ethnologischen Museen.
Die Deutschen, die in die Kolonien reisten, hatten nicht nur wirtschaftliche Interessen. Sie traten dezidiert an, die Bevölkerung zu unterwerfen, weil sie davon ausgingen, dass Gesellschaften verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen – und Europa selbstverständlich an der Spitze steht. Mit den Museen, die entstanden, wollte man immer auch die Überlegenheit des Westens demonstrieren.
Wenn in heutigen Fernsehfilmen eine schwarze Köchin für die weißen Gutsherren kocht oder „Eingeborene“ für die reichen Passagiere des Traumschiffs tanzen, ist das nicht unschuldig und harmlos, sondern schreibt alte, ungute Hierarchien fort, unter denen Afrika bis heute leidet. Wie schwer es ist, sich von alten Bildern zu verabschieden, zeigt der oft aggressive oder polemische Ton, wenn es um Rassismus in der Sprache geht oder auch in Büchern und Filmen, die als Teil der deutschen Kultur betrachtet werden. Bis heute versteht nicht jeder, warum sich schwarze Menschen vom N-Wort diskriminiert fühlen oder schwarz bemalte Gesichter kritisieren.
Ein neu konzipiertes Linden-Museum könnte Aufklärungsarbeit leisten, das Bewusstsein für die eigene Geschichte schärfen – und damit letztlich ein friedliches und bereicherndes Miteinander der Kulturen befördern. Inés de Castro ist davon überzeugt, dass eine Art Haus der Kulturen wichtig für die Stadtgesellschaft ist, weil es „die gesellschaftliche Vielfalt auf besondere Weise spiegelt“, wie sie sagt. Gleichzeitig könnten die in Stuttgart lebenden Afrikaner im Linden-Museum Zeugnisse ihrer eigenen Kultur besichtigen, die sie in ihrer Heimat nicht mehr finden können, weil sie zerstört oder gestohlen wurden. Viele der Objekte kämen aus Kulturen jener Menschen, „die heute unsere Mitbürger sind“, so de Castro.
Provenienzforscher arbeiten inzwischen die Sammlungen auf und schauen, ob Objekte an die Herkunftsgesellschaften zurückgegeben werden sollten – wie bereits eine Peitsche und eine Bibel an Namibia. Am Dilemma der ethnologischen Museen ändert das aber nichts. „Überall stellen sich Fragen von Kolonialität und wie man mit dem schwierigen Erbe umgeht“, sagt Lutz Nitsche von der Kulturstiftung des Bundes. Die Stiftung hat 3,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, damit drei Museen Strategien entwickeln können, die das „europäische Hegemoniedenken“ überwinden, so Nitsche. Das Linden-Museum ist eines der Häuser, die nun Pionierarbeit leisten wollen.
Dass das mehr als nötig ist, lässt das heikle Diorama in der Afrika-Ausstellung des Linden-Museums vermuten. Offensichtlich trauen die Kuratoren ihrem Publikum nicht zu, die kolonialistische Perspektive dieses Modells zu erkennen, weshalb ein großes Schild mahnt: „Denk dran, das ist nicht Afrika!“